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Porträt einer verzweifelten Jugend
Krisen, Ängste, Düsternis – aber selbstverständlich queer
Queersein ist fast schon selbstverständlich in der neuen RTL-Serie "Euphorie". Zumindest hat niemand größere Probleme damit. Liebe, Geborgenheit oder Sicherheit hingegen bleiben für die meisten Jugendlichen unerreichbar.

Ali (Sira-Anna Faal, l.) und Mila (Derya Akyol) in "Euphorie". Alle acht Episoden der Coming-of-Age-Serie wurden am Donnerstag bei RTL+ veröffentlicht (Bild: RTL / Zeitsprung)
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3. Oktober 2025, 07:44h 5 Min.
Wer heute 17 ist, wurde mitten in die große Finanzkrise von 2008 hineingeboren. Es folgten: die sogenannte Flüchtlingskrise, Brexit, Trump, Covid, Ukraine, Gaza, Trump auf Steroiden – stets begleitet von immer finstereren Prognosen zum Klima, von immer größerer finanzieller Unsicherheit für alle Nicht-Millionäre und immer aggressiveren Revolutionsgelüsten von Rechtsaußen.
Zusätzlich gewürzt ist diese giftige Brühe mit den Segnungen des technologischen Fortschritts: Dank Internet, Smartphones und Social Media sind Fakten und Wahrheit zu reinen Glaubensfragen geworden, derweil sich Hass und Unsinn so leicht verbreiten wie nie zuvor und überall Körperbilder gefeiert werden, die für die meisten Normalsterblichen unerreichbar sind. Und nun droht mit KI auch noch die Arbeitswelt umgepflügt zu werden.

Samuel (Veit Schieder, l.), Basti (Kosmas Schmidt, M.) und Sergej (Pablo Vuletic, r.) in "Euphorie" (Bild: RTL / Zeitsprung / Nirén Mahajan)
Mila verliebt sich in Ali
Wer heute 17 ist, hat also mit anderen Worten noch nie etwas anderes erlebt als Krisen, Unsicherheit, Ängste – und Zukunftsprognosen, nach denen alles nur noch schlimmer werden dürfte. Kein Wunder, dass diese Generation Jugendlicher psychisch so belastet ist wie wohl schon lange keine mehr. Das zeigen auch sämtliche Statistiken zur mentalen Gesundheit.
Wenn dann noch fürchterlich selbstbezogene Eltern hinzukommen wie in der neuen TV-Serie "Euphorie" auf RTL+, kann das schon mal zu einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik führen. Einen solchen hat Mila (Derya Akyol) zu Beginn der ersten Folge gerade hinter sich. Nachdem Mitschüler Basti (Kosmas Schmidt) ein Sexvideo von ihr online gestellt hatte, war die Situation endgültig unerträglich geworden. Ihre (längst geschiedenen) Eltern befürchteten Suizidabsichten und hofften, dass ein Klinikaufenthalt ihr helfen könnte.
Es ist lange her, dass Mila sich das letzte Mal glücklich gefühlt hat – irgendwann weit zurück in ihrer Kindheit. So geht es den meisten Jugendlichen in "Euphorie". Der Klinikaufenthalt hilft Mila insofern, dass sie dort Ali (Sira-Anna Faal) kennenlernt, ein etwa gleichaltriges Mädchen, das mit ähnlichen Problemen ringt. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, doch als Milas Gefühle sich intensivieren, flüchtet Ali abrupt aus der Klinik.
Ali, Jannis – oder beide?
Trotz dieses Rückschlags kann auch Mila die Klinik schließlich wieder verlassen, lebt bei ihrer umtriebig-resoluten, aber wenig empathischen Mutter und ihrem Bruder, der das Sextape noch immer nicht wirklich verdaut hat. Vor allem aber muss sie zurück in ihre Schule in Gelsenkirchen, in der alle über das Tape und die Klinik Bescheid wissen – und wo sich gleich am ersten Tag ein Jugendlicher vom Dach in den Tod stürzt.
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Immerhin gibt's dann doch noch einen Lichtblick: Derweil Mila nach Ali Ausschau hält, begegnet ihr stattdessen Jannis (Eren M. Güvercin, Typ Timothée Chalamet), der auch an ihre Schule geht, nebenbei aber noch schauspielert und unter einem überambitionierten Vater leidet. Dieser sieht ihn vor allem als mögliche Geldquelle und widmet seine Aufmerksamkeit ansonsten seiner zweiten Frau und ihrem gemeinsamen Kleinkind. Jannis' Mutter hat sich umgebracht, als er noch klein war – und er hält sich immer noch für mitschuldig.
Mila und Jannis realisieren rasch, wie ähnlich sie sich sind, doch gerade als sie sich näherkommen, taucht plötzlich Ali wieder auf. Sie will allerdings nicht mehr als eine gute Freundschaft mit Mila, weil sie Angst hat, sonst erneut zu sehr verletzt zu werden, wenn auch diese Beziehung unvermeidlich schiefgeht. Doch Mila hätte gerne mehr – und lässt Jannis erst mal links liegen, obwohl der eigentlich ebenfalls gerne mehr hätte.
Zu den diversen Nebenfiguren gehört auch Milas offen lesbische Schulkollegin Sophia (Luna Jordan), die auf reifere Frauen steht und einer Lehrerin hinterherschmachtet. Diese ist tatsächlich ebenfalls lesbisch, ahnt allerdings nicht, dass die vielversprechende neue Chatpartnerin in einem Datingforum ihre Schülerin ist.

Sophia (Luna Jordan, r.) schwärmt exzessiv für ihre Lehrerin Frau Chohan (Karin Hanczewski) (Bild: RTL / Zeitsprung / Nirén Mahajan)
Etwas gar viel Unglück und Trauma
Dass für die Kids letztlich nie etwas gut läuft, alle Hoffnungen sich zuverlässig zerschlagen und der Weltschmerz dauernd mit viel Drogen abgedämpft werden muss, wirkt in der Fülle dann doch unrealistisch düster. Es kommt da etwas gar viel Unglück und Trauma zusammen – dabei gibt es laut den Statistiken zur mentalen Gesundheit durchaus zahlreiche Jugendliche, die relativ unbelastet und zufrieden durchs Leben gehen. Jedenfalls: Wer auf der Suche nach Ablenkung und leichter Zerstreuung ist, umgeht "Euphorie" besser großräumig – die Serie konfrontiert ihr Publikum wirklich ohne Gnade mit allen Defiziten unserer Zeit.
Und wem der inhaltlich nicht sonderlich nachvollziehbare Titel bekannt vorkommt: Die neue RTL-Serie ist eine lose deutschsprachige Adaption der sehr erfolgreichen US-Serie "Euphoria" (zwei Staffeln seit 2019, eine dritte dürfte 2026 folgen), die wiederum auf einer israelischen Miniserie gleichen Namens von 2012 basiert, die in den 1990er Jahren spielt. Diese wiederum war von der britischen TV-Serie "Skins" (2007-2013) inspiriert, die Jungschauspielern wie Nicholas Hoult oder Dev Patel als Sprungbrett für Hollywood dienten. In allen geht es um jugendliche Verwirrung, Drogen, Gewalt, Sex und Beziehungsdramen. Was illustriert, dass Jugendliche es wohl noch nie leicht hatten, auch wenn es derzeit besonders schwierig scheint.
Als Lichtschimmer kann vielleicht gelten, wie selbstverständlich und unproblematisch Queerness in diese Geschichten eingeflochten ist. Doch auch hier stellt sich die Frage, wie realistisch das ist in einer Zeit, in der queere Menschen vielen plötzlich wieder als Feindbild dienen.
Alle acht Episoden von "Euphorie" wurden am 2. Oktober 2025 bei RTL+ veröffentlicht.
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