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Theater

Eine hürdenreiche Transition als Theaterstück

Tiefgang schließt Entertainment nicht aus: An der Berliner Schaubühne feierte am Mittwoch eine gelungene Bühnenversion von Henri Maximilian Jakobs' Roman "Paradiesische Zustände" Premiere.


Henri Maximilian Jakobs als Johann in "Paradiesische Zustände" (Bild: Gianmarco Bresadola)

Kann man einen Roman auf einer Bühne auch spielen und singen? Klar, vielleicht nicht einen ganzen Roman an einem Abend, aber ein paar Szenen daraus gehen auf jeden Fall. Henri Maximilian Jakobs, der 2023 den Roman "Paradiesische Zustände" im Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlichte, hat diese wirklich berührende Geschichte über eine hürdenreiche Selbstfindung und Transition auf anderthalb Bühnen-Stunden eingedampft, dazu mit reichlich Musik verfeinert und schließlich einem begeisterten, applausfreudigen Premierenpublikum noch zwei Zugaben geschenkt, nämlich ein während der Aufführung geknetetes und gebackenes ofenfrisches Brot und schließlich eine Tanznummer.

Jakobs ist der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz schon länger als Musiker und Schauspieler verbunden. Jetzt also hatte die Bühnenversion von "Paradiesische Zustände" im Saal Ku'damm 156 direkt neben dem Haupthaus der Schaubühne als eine One-Man-Show Premiere, in der Jakobs den trans Mann Johann aus dem Roman verkörpert und sich dabei im Grunde selbst spielt, also sein Coming-out und seine Transition.

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Ein Langstreckenläufer zum Selbst


Weitere Vorstellungen von "Paradiesische Zustände" stehen noch bis 16. November 2025 auf dem Programm (Bild: Gianmarco Bresadola)

Der Roman wäre sicherlich nicht das geworden, was er ist, wenn es nicht die eigenen trans Erfahrungen des Autors gegeben hätte. Dabei ist unerheblich, was am Ende an all den Episoden Fiktion oder authentische Geschichte ist. Genauso verhält es sich jetzt mit der Bühnenversion, die sich auf die schwierige Selbstfindung konzentriert mit der finalen Erkenntnis, trans zu sein, und dabei letztlich durch denjenigen beglaubigt wird, der da so tiefgründige Songs zum Besten gibt und zwischen lässig und bissigem Witz erzählt, während er unterm Sonnenschirm sitzt oder Brotteig knetet.

Johann, der Romanheld und jetzt Bühnenheld im oversized Strickpulli und mit Shorts, präsentiert sich als Langstreckenläufer zum Selbst und erinnert daran, wie herausfordernd die trans Erkenntnis sein kann, um endlich zu begreifen, auf welchem geschlechtlichen Spielfeld er richtig ist. Bis dahin läuft Johann wie ein "wandelnder Rechtschreibfehler" und als eine Art "Mogelpackung" nicht nur durch die Strandszene und über den giftgrünen Kunstrasen. Das Leben kann sich da schnell wie die Graffiti-Botschaft auf der Wand anfühlen – nämlich absolut scheiße.

Doch Johann geht über den Umweg einer psychiatrischen Anstalt endlich seinen Weg, wie es in trans Biografien immer so schön heißt – seinen Weg gehen. Am Ende des Weges sind Namen und Geschlechtseintrag nach dem Trans­sexuellengesetz geändert und Johann darf sich als staatlich geprüfter Mann im neuen Leben bewegen.

Romanpassagen und Songs im Wechsel

Die Bühnenfassung liefert im Wechsel Romanpassagen und Songs, zu denen Jakobs zur Gitarre greift und zum Beispiel fragt "Was will die Welt von dir?" oder am Schluss mit dem Song der Band Against me eine andere Frage stellt: "Does God bless your transsexual heart true trans soul rebel?".

In den Romanpassagen wiederum wird der Frust des Helden in bissigen Humor verpackt und all seine Verzweiflung wortspielerisch und bilderreich ausgemalt. Doch all dies Negative wird aufgewogen durch das richtige Leben, das nicht nur Johann im Roman und nun auch auf der Bühne, sondern auch Henri Maximilian Jakobs selbst gefunden haben.

Aber weil wir uns schließlich im Theater befinden, brauchen wir kein schlechtes Gewissen zu haben, dass wir uns bei all dem gut unterhalten fühlen durften. Außerdem: Tiefgang schließt Entertainment nicht aus. Auch dafür sorgt Jakobs als Autor und Bühnenkünstler zuverlässig. Glückwunsch!

Die nächsten Vorstellungen: 3., 4., 5., 10., 11. und 12. Oktober sowie 15. und 16. November 2025 im Saal Ku'damm 156 / Schaubühne am Lehniner Platz

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