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"Ich bin froh und hetero"
Ein schwuler Science-Fiction-Comic über das Jahr 2000
Vor 50 Jahren – im Oktober 1975 – erschienen in einer Bielefelder Schülerzeitung der Artikel "Sex macht Spass" und ein schwuler Comic, die einen weitreichenden Skandal auslösten.

Auszug aus dem Science-Fiction-Comic "Gay Liberation": Den Humor, dass verfolgte Heterosexuelle für ihre Rechte demonstrieren müssen, verstand leider nicht jede*r
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4. Oktober 2025, 05:45h 14 Min.
Das Vorspiel
In Bielefeld hatte sich am 30. November 1972 die "Initiativgruppe Homosexualität Bielefeld" (IHB) gegründet, die sich u. a. zum Ziel gesetzt hatte, die Öffentlichkeit über Homosexualität aufzuklären. Einer der Gründer war der Homosexuellenaktivist Detlef Stoffel, der heute einer breiten Öffentlichkeit auch durch die Doku "Detlef – 60 Jahre schwul" (2012) bekannt ist. Vor einigen Jahren habe ich Detlef Stoffel interviewt und zum 50-jährigen Jubiläum der Vereinsgründung am 30. November 2022 hier auf queer.de einen Artikel publiziert. Dabei bin ich bereits darauf eingegangen, wie Detlef Stoffel auf diese Aktion mit der Schülerzeitung zurückblickt.

Detlef Stoffel (l.) in den Siebzigerjahren mit einem Rosa-Winkel-Button in einem Bürgergespräch
Im September 1974 hatte sich die IHB an die Redaktionen verschiedener Schülerzeitungen gewandt, um mit eigenen Beiträgen die Leserschaft über Homosexualität zu informieren, wobei sie zum Teil auf offene Ohren stieß. So erschienen in der Bochumer Schülerzeitung "Kaktus" im Februar 1975 und in der Bielefelder Schülerzeitung "Alternative" im Februar bzw. März 1975 recht ähnliche und aufgeschlossene Artikel über die Arbeit der IHB. Auch in der Bielefelder Schülerzeitung "ff" (Auflage: 2.000 Exemplare) erschien im Heft 9 (Oktober 1975) ein emanzipatorischer Artikel, der jedoch zu einem weitreichenden Skandal führte, was später von der IHB gut dokumentiert wurde. Der Beitrag bestand aus zwei Teilen: einem Info-Text und einem beiliegenden Comic.
Der Text "Sex macht Spass"
In dem Artikel "Sex macht Spass – oder Wie frei sind wir eigentlich?" wurde auf vier Seiten die gesellschaftliche Situation in Deutschland geschildert und u. a. die Frage gestellt: "Inwieweit trägt verstärktes Bumsen zur Liberalisierung der Sexualität bei?" Homosexuelle "möchten aus ihrem Ghetto der Schwulenkneipen und Parks heraus und wollen wie andere auch ganz natürlich ihre Gefühle zeigen können, ohne verlacht, verjagt oder verprügelt zu werden". Für diese Forderung setze sich die IHB ein, für die Homosexualität "keine Krankheit, sondern eine andere Gesundheit" sei. Der Artikel endet damit, dass sich jede Person mit Sexualität befassen sollte. "Die Möglichkeiten des aktiven Protests sind zahlreich." Auch auf die Treffen der IHB wurde verwiesen.

Der Artikel "Sex macht Spass" von Joachim Bartholomae
Der Text stammt von Joachim Bartholomae, der 1975 Schüler und Bezirksschulsprecher in Bielefeld war. Er kannte Detlef Stoffel u.a. durch den von Detlef geleiteten Uni-Filmklub. Außerdem war Joachim mit einem Mädchen befreundet, in deren Wohngemeinschaft die IHB regelmäßig verkehrte. Erst gut drei Jahre später hatte Joachim sein Coming-out. Viele weitere Jahre später gründet er mit anderen den Hamburger Buchladen und den Verlag "Männerschwarm".

Das Ende des Artikels mit Werbung für die IHB
Der Science-Fiction-Comic über das Jahr 2000
Bartholomaes Text wurde durch den zweiseitigen Science-Fiction-Comic "Gay Liberation" ergänzt, der eine Geschichte aus dem Jahr 2000 erzählt: Die Welt ist überbevölkert. Alle Heterosexuellen werden verfolgt und müssen sich in "dunklen Ecken, Klos oder Parks verstecken, um bumsen zu können". Aber die unterdrückten Heteros lassen sich dies nicht gefallen und kämpfen mutig für ihre Rechte. Sie demonstrieren öffentlich mit Transparenten wie "Ich bin froh und hetero". Dabei wird betont: "Heterosexualität könnte doch auch ein Teil der Sexualität sein." Und schließlich "siegte die Liebe über das Gesetz".
Detlef Stoffel hatte zuvor Len Richmonds Buch "The gay liberation book" (1973, hier einige Seiten online) aus den USA mitgebracht und den darin enthaltenen Comic ins Deutsche übersetzt, den er wegen seiner Ironie und der Umkehrung der Realität für geeignet hielt, um die aktuelle Situation von Schwulen auch in Deutschland zu verdeutlichen. Für ihn ist der auf den Abdruck folgende Skandal "ein Musterbeispiel dafür, wie aus konservativer Sicht eine Diskussion unterdrückt werden sollte und wie man darauf reagieren kann. Es ist interessant, wie lange und ausführlich öffentlich darüber berichtet wurde."

Der Science-Fiction-Comic: nicht verstandene Ironie und als problematisch angesehene Wörter wie "bumsen"
Die Reaktionen der "Neuen Westfälischen"
Die IHB hat viele Zeitungsartikel gesammelt und dokumentiert, die sich vor allem gegen den Inhalt des Comics aussprachen und die Ironie offenbar nicht verstanden. Ich möchte mich nachfolgend nur auf die in Bielefeld erscheinende Tageszeitung "Neue Westfälische" (NW) beziehen, die mit ihrer Berichterstattung besonders negativ auffiel.
Zuerst erschien ein Artikel mit der Überschrift "Comics über Homosexualität 'ausgesprochene Schweinerei'" (13. Oktober 1975). Einige Wochen später legte die Zeitung nach: Unter der Überschrift "Gegen Mißbrauch der Jugend: 'Arme Teufel verdienen Mitleid'" (7. November 1975) ließ die Redaktion Emanuel Bernart (Rektor a. D. der Bielefelder Pestalozzischule) zu Wort kommen. Dieser verwies auf die Biologie und den Schutz von Ehe und Familie. Bernart nennt die "Homos, wie sie sich modisch nennen", krank und "arme Teufel", die eher Mitleid als Verachtung verdienen würden. Es ist ein Hetzartikel, der in der redaktionellen Einleitung als "bemerkenswerter Diskussionsbeitrag" bezeichnet wird.

Emanuel Bernart: "Gegen Mißbrauch der Jugend"
Im Gegensatz zu der anderen Bielefelder Tageszeitung, dem konservativen "Westfalenblatt", erreichte die IHB in der NW keine Gegendarstellung, jedoch kann der Artikel "Auch jeder Homo ist ein schrecklich normaler Mensch" (14. November 1975) eine Woche später als leichtes Zurückrudern der Redaktion angesehen werden. Drei namentlich genannte Wissenschaftler konstatieren nun, Bernarts Beitrag sei nur dazu geeignet, "Vorurteile, ja Haß zu schüren". Die Wissenschaftler wollten nun für Verständnis und Toleranz werben, wobei sie betonten, dass sie selbst nicht homosexuell seien. Heute irritiert der Artikel durch die besondere Betonung des Selbstverständlichen: "Homos sind weder krank noch behandlungsbedürftig", sie würden nicht zur Homosexualität verführt und man dürfe ihnen nicht vorwerfen, kinderlos zu sein. Der Comic sei auch "keine revolutionäre Ankündigung der Umkehrung der Gesellschaft", sondern Ironie, wie man sie als literarisches Mittel auch bei Franz Kafka finde.

Vorsichtiges Zurückrudern: "Auch jeder Homo ist ein schrecklich normaler Mensch"
Prominente Unterstützer: Rüdiger Lautmann und Hartmut von Hentig
Es gab einige prominente Wissenschaftler, die sich an der öffentlichen Diskussion über die Beiträge in der Schülerzeitung beteiligten. Der Jurist, Soziologe und Kriminologe Rüdiger Lautmann (*1935), seit 1971 Professor an der Universität Bremen, war der erste Professor einer deutschen Hochschule, der sich mit der Untersuchung der Diskriminierung Homosexueller befasste. Von ihm ist ein (nicht abgedruckter) Leserbrief vom 9. November 1975 an die "Neue Westfälische" bekannt, der seinen Standpunkt gut verdeutlicht. Lautmann verteidigte die Position der IHB und nahm dabei Bezug auf die Äußerungen Emanuel Bernarts.
Ende November 1975 wurde eine Resolution veröffentlicht, die von rund 350 Personen, u. a. von Rüdiger Lautmann (Uni Bremen), Gunter Schmidt (Institut für Sexualforschung der Uni Hamburg), Volkmar Sigusch und Reimut Reiche (beide Abteilung für Sexualwissenschaft der Uni Frankfurt), unterschrieben worden war und die ebenfalls die Position der IHB stärkte. Das gleiche gilt für eine ausführliche Stellungnahme der Gesellschaft zur Förderung sozialwissenschaftlicher Sexualforschung.

Mitglieder der IHB an einem Infostand
Hartmut von Hentig (*1925) ist Erziehungswissenschaftler und Publizist und hatte großen Einfluss auf die deutsche Reformpädagogik. An der Uni Bielefeld war er von 1968 bis 1987 als Professor für Pädagogik tätig. In einem offenen Brief vom 25. November 1975 begründete er ausführlich, warum er die Resolution zwar nicht unterschreiben wolle, aber trotzdem an der Seite der IHB stehe. Er plädierte für einen offenen Sexualkundeunterricht, wobei Kinder den Mut zu ihren eigenen Empfindungen haben sollten. (Ich sehe hier keinen direkten Zusammenhang mit anderen Äußerungen bzw. Veröffentlichungen von Rüdiger Lautmann und Hartmut von Hentig über sexualisierte Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, die mittlerweile kritisch gesehen werden.)

Hartmut von Hentig (1972) und Rüdiger Lautmann (2012)
Die Konsequenzen für die "ff"-Redaktion und die IHB
In einem Brief vom 28. Oktober 1975 listete das Schulkollegium (beim Regierungspräsidenten in Münster) die Fehler der "ff"-Redaktion auf: Zum einen waren dies gefährliche Formfehler, wie die nicht erfolgte Benennung eines verantwortlichen Redakteurs und die Benennung eines ehemaligen (und eben nicht mehr aktiven) Schülers als Verantwortlichen für das Heft. Zum anderen ging es aber auch um Homosexualität: So wurde konstatiert, dass "bezüglich jüngerer Schüler" dieses Heft den "Aufgaben des Unterrichts und die Erziehung" gefährde und es wurde bescheinigt, dass der Comic die "sittliche Entwicklung jüngerer Schüler nicht unbedeutend beeinträchtigt". (Beide Zitate nehmen Bezug auf die Vorschriften des Landespressegesetzes und des Schülerzeitungserlasses, die zu dieser Zeit maßgeblich waren). Der "ff" wurde danach der Status als Schülerzeitung aberkannt und sie durfte nicht mehr auf Schulhöfen verkauft werden. Nach Angaben der IHB entstand als Reaktion auf das Ende des "ff" die Schülerzeitung "Silentium Ex" mit inhaltlicher Nähe zur Jungen Union, die nun von den Anzeigen profitieren konnte, die die "ff" nicht mehr bekam. "Silentium Ex" setzte sich nicht nur kritisch mit der 'ff" auseinander (Dezember 1975), sondern äußerte auch den Eindruck, dass die "ff" "systemüberwindende Ziele im Auge" habe (Februar 1976).

Die IHB hatte sich 1979 für einen Tag eine Bielefelder Straßenbahn angemietet und mit ihrem öffentlichen Auftreten viele Bielefelder provoziert und mit Homosexualität konfrontiert (Filmszene aus "Schauplatz Gerichtsstraße")
Durch die Schülerzeitungsaktion wurde Gerald Baars, ein Redakteur des WDR, auf die IHB aufmerksam, was letztendlich zu der Fernsehdokumentation "Schauplatz Gerichtsstraße. Schwulengruppe Bielefeld" führte, die am 30. Januar 1979 im WDR gezeigt wurde. In dieser Ausführlichkeit (45 Minuten) wurde damit zum ersten Mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über eine Schwulengruppe berichtet.
Joachim Bartholomae erinnert sich

Joachim Bartholomae in den 1970er Jahren (Bild: privat)
O mein Gott – 1975 war ich Oberprimaner an einer Jungenschule; alle Gymnasien in Bielefeld waren Mädchen- oder Jungenschulen, bis auf das ko-edukative Gymnasium Brackwede, auf dem meine Freundin Gudrun war, aber das war auf der anderen Seite des Teutoburger Waldes. Ich war Schülersprecher des Max-Planck-Gymnasiums und bald darauf Bezirksschülersprecher, und die Bezirks-Schülervertretung Bielefelds mit zwanzig Gymnasien gab eine Schülerzeitung heraus. Mein Vorgänger als Chefredakteur war ein Mitglied der Jungen Union, mit dem ich die interessantesten politischen Auseinandersetzungen meines gesamten Lebens geführt habe, obwohl oder weil er praktisch in allen Fragen anderer Meinung war als ich. Als die IHB uns fragte, ob wir über sexuelle "Abweichungen" berichten würden, war dieser Kollege irgendwie angepisst, vermutlich, weil er angenommen hat, man würde ihm irgendwas in dieser Richtung unterstellen. Ich hatte damals als einer der ersten Schüler meiner Klasse schon eine Freundin, und auch schon Sex mit ihr gehabt, und fühlte mich unglaublich tolerant, indem ich "den Schwulen" ein Forum in unserer Zeitung bot. Ich denke noch heute: Wer mit 19 nicht bereit ist, sein Leben für eine gerechte Sache zu opfern, ist ein Opfer.
Was dann passierte, war ziemlich dasselbe, was ich bei den Brokdorf-Demonstrationen erlebte: Der Staat (hallo, Willy Brandt!) belohnte nicht etwa das demokratische Engagement seiner Bürger, er schoss mit Tränengas, in diesem Fall mit einem bornierten Schuldezernenten, der von der Bielefelder Öffentlichkeit einhellig als Idiot wahrgenommen wurde. Die Bezirks-Schülervertretung, bestehend aus mir, dem Schülersprecher des altsprachigen Ratsgymnasiums und der Schülersprecherin des katholischen Ursulinen-Gymnasiums (einer linientreuen Kommunistin), ließ sich die Borniertheit der Schulverwaltung nicht gefallen. Wir waren "angeklagt", einer Schwulengruppe Zugang zur behüteten pädagogischen Provinz gewährt zu haben, und wir fanden, dass wir dazu das Recht hatten, was zwar juristisch nicht stimmte, sich aber gut anhörte. Die IHB stand bei all den Auseinandersetzungen am Rand, die Schuldigen war die Redaktion der Zeitung, aber natürlich waren die Homos immer zur Stelle, wenn man sie brauchte. Die unüberbietbare Pointe dieser Geschichte war, dass ausgerechnet ich, drei Jahre später, als schüchterner Bubi bei der IHB mein Coming-out erlebte, und, wie es damals üblich war, von Detlef Stoffel entjungfert wurde.
Natürlich wurde auch Hartmut von Hentig, der seinerzeit gerade in Bielefeld wegen zwei spektakulärer Schulprojekte an der Universität wie ein göttliches Wesen gehandelt wurde, um seine Meinung gebeten, aber leider wollte er sich offenbar auf einem solchen Nebenkriegsschauplatz nicht verzetteln. Rüdiger Lautmann, der als noch junger Professor in Bremen schwule Projekte jederzeit solidarisch unterstützte, war hilfreich auf unserer Seite, und ich muss sagen, dass ich seitdem nie wieder einen Akademiker getroffen haben, der derart uneigennützig und solidarisch aufgetreten ist.
Detlef Stoffel erinnert sich
1975 war ich 25, studierte Soziologie an der Uni Bielefeld, und war DER Aktivist in der IHB, meine Kalender aus der Zeit sind vollgestopft mit Terminen, nicht nur zur Schülerzeitungsaktion. Vor allem steckte ich in der Arbeit zum Dokumentarfilm "Rosa Winkel? Das ist doch schon lange vorbei …", der Ende 1976 in der Uni Bielefeld uraufgeführt wurde. Die Schülerzeitungsaktion hatte sicher einerseits einen "Aufklärungsgedanken", andererseits ging es mir/uns aber auch immer darum – heute würde man sagen – "Sichtbarkeit" herzustellen. Das ist wohl gelungen, z. B. mit einem 20-minütigen Beitrag in der damals sehr populären und fortschrittlichen Sendung "Radiothek" des WDR Hörfunks, Anfang 1975.
Ganz und gar nicht begeistert über unsere Aktivität war die Besitzerin von "Muttis Bierstube" (die erste und heute noch existierende Schwulenkneipe Bielefelds), die uns einen Nebenraum für unsere Gruppentreffen zur Verfügung gestellt hatte: mit dem Argument "mit Leuten, die was mit Kindern machen, wollen wir nichts zu tun haben" flogen wir raus – und fanden in den nächsten Jahren Unterschlupf an einem Abend in der Woche im Frauenzentrum (jawohl, sowas ging im Bielefeld der 70er).

Detlef Stoffel in den 1970er Jahren (Bild aus "Schauplatz Gerichtsstraße", 1979)
Eine recht plastische Erinnerung habe ich auch noch an einen "Besuch" (ohne eingeladen zu sein) beim Lokalchef der "Neuen Westfälischen" (stramm SPD), den wir zur Rede stellen wollten, warum er unsere Stellungnahmen etc. nicht veröffentlicht, und der fett grinsend sagte, solange er da ist, würde das auch nicht geschehen. Hat er wegen der sehr umfangreichen (auch überregionalen) Stellungnahmen nicht ganz durchgehalten. Mit der "ff"Redaktion hatte ich einen über Monate andauernden Kontakt, ein gutes Dutzend Einträge zur Teilnahme an Redaktionssitzungen fand ich in meinen Kalendern.
Joachim habe ich als hübschen, engagierten (aber leider Hete) "Ally" wahrgenommen, in meinem Bett ist er erst viel später dann doch erfreulicherweise mal gelandet (und heute gehen wir zu selten ab und zu mal etwas essen). Richtig verschossen war ich in einen anderen Redakteur, Wolfgang, von dem ich nie raus bekommen habe, wie oder was er nun war – und auch standhaft (!) nichts "probiert" habe. Bei Rüdiger Lautmann hatte ich sicher mal ein Seminar, als er noch in Bielefeld lehrte, vor allem war er aber hilfreich (mit Interview) beim "Rosa Winkel" Film. Hartmut von Hentig kannte ich eher von Hallo sagen, wie man sich in einer Uni im Aufbau so kennt, als Schöpfer der bis heute berühmten Schulmodelle Laborschule und Oberstufenkolleg war eine Stellungnahme von ihm natürlich von hohem Wert.
Den Comic, der der Schülerzeitung beigelegt wurde, mag ich immer noch, die Ironie, die in der dort abgebildeten verkehrten Welt steckt, auch. Heute muss man tragischerweise froh sein, wenn das "Ich bin froh und hetero" nicht von den falschen Leuten adaptiert wird. Und was die Ironie angeht, hat die es, fürchterlich, in heutigen queeren Auseinandersetzungen auch nicht mehr so einfach. Wie auch immer – auf dem Klappentext des "Gay Liberation Book" von 1973 steht hinter dem Stichwort "Beyond Gay Liberation": "the day when all people in our society can be truly gentle, non-competitive and freely sensual". Visionen darf man, trotz Helmut Schmidt, ja haben.
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Resümee
Der Skandal um den Text- und vor allem den Comicbeitrag in der Schülerzeitung "ff" ist zum großen Teil repräsentativ und beispielhaft für seine Zeit. Als beispielhaft sehe ich die zum Ausdruck gebrachten zeitgenössischen Meinungen Heterosexueller über Homosexualität an. Die ablehnenden Stimmen versuchten sich an einem Spagat: Auf der einen Seite behaupteten sie, Schwule nicht diskriminieren zu wollen. Die Legalisierung männlicher Homosexualität 1969 wurde nicht kritisiert und zum Teil sogar verteidigt. Auf der anderen Seite wurde eine diffuse Angst vor der "Verführung" von Kindern und Jugendlichen deutlich, verbunden mit der Forderung, dass Kinder doch geschützt werden müssten und in der Schule davor "sicher" sein sollten. Dazu gesellt sich das rhetorische Ablenkungsmanöver, den beiden Beiträgen in "ff" "Einseitigkeit" zu unterstellen.
Der absurde Grundgedanke dabei war, dass Gleichberechtigung und Homophobie, wie bei einem Pro und Contra, als zwei legitime Sichtweisen erscheinen sollten. In den Artikeln zeigt sich außerdem eine fast durchgehende und wie selbstverständlich anmutende Fokussierung auf schwule Männer. Mit dem Umstand, dass sich die ganze Angst, die Wut und das Unwohlsein nur auf männliche Homosexuelle bezogen, bringen die Artikel den Zeitgeist gut zum Ausdruck. Lesben wurden anders wahr- und meist weniger ernst genommen, auch wenn es grundsätzlich auch das Stereotyp der Frauen verführenden und männerhassenden Lesbe gab. Dazu passt, dass weibliche Homosexualität in der Bundesrepublik nie strafrechtlich verfolgt wurde und daher auch die frühe homosexuelle Emanzipationsbewegung von schwulen Männern geprägt war.
Es ist außergewöhnlich, dass die öffentliche Diskussion um diesen Skandal über einen recht langen Zeitraum – von Oktober 1975 bis März 1976 – am Kochen gehalten wurde. Das lag nicht nur an dem damals emotional und kontrovers diskutierten Tabuthema Homosexualität, sondern offenbar auch an der Beharrlichkeit der Homosexuellen-Aktivisten, die es erreicht hatten, dass sich auch prominente Wissenschaftler in die öffentliche Diskussion einmischten und mit ihren Beiträgen der IHB den Rücken stärkten. Es ist auch unüblich, dass Aktionen wie diese so ausführlich dokumentiert sind. Die IHB hat in mehreren Dokumentationsmappen mit insgesamt rund 100 Seiten viele Stellungnahmen, Artikel und Leserbriefe gesammelt und kommentiert. Ohne diese Dokumentationen wäre dieser Artikel nicht möglich gewesen. Beim Centrum Schwule Geschichte in Köln und vor allem bei den beiden Aktivisten und Zeitzeugen Detlef Stoffel und Joachim Bartholomae bedanke ich mich ausdrücklich für ihre Unterstützung.

Eine von mehreren Mappen, in denen die IHB den Verlauf des Skandals gut dokumentierte
Ich bin mir nicht sicher, ob die Homosexuellenbewegung in Bielefeld die öffentliche Diskussion um den Comic gewonnen hat oder ob die IHB eigentlich nur die unterschiedlichen und unversöhnlich wirkenden Standpunkte dokumentieren konnte. Aber das ist nicht das Einzige, worauf es ankommt. Die IHB hat zumindest die öffentliche Diskussion angeregt und zur Enttabuisierung beigetragen. Dies ist für mich bis heute ein Musterbeispiel dafür, wie man auch mit einer kleinen Aktion große Aufmerksamkeit für die homosexuelle Sichtbarkeit erreichen kann. Die Form, wie die Auseinandersetzung um Schulaufklärung in den Jahren 1974 bis 1976 von der IHB geführt wurde, verdeutlicht übrigens sehr gut eine Streitkultur der Homosexuellenszene, die mir bei aktuellen Auseinandersetzungen und Leserbriefen leider allzu häufig fehlt. Man kann auch Parallelen zu heutigen rechten Kampagnen gegen schulische Aufklärung über Homosexualität sehen, die seit einigen Jahren sowohl in Deutschland als auch in anderen westlichen Ländern wieder angefeindet werden.

Ein von der IHB zitierter Leserbrief, der die Angst eines Mannes vor Homosexualität ausdrückt (die IHB hat ihn als Faksimile-Kopie aus dem "Spiegel" vom 25. März 1973 übernommen)
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