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Die Würde des Menschen
Queersein ist kein Freizeitspaß, Herr Rödder!
Mit der Anerkennung der Menschenrechte ist die Frage nach dem vermeintlichen Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz längt beantwortet. Ein Buchtipp für den Historiker Andreas Rödder und die Initiative Queer Nations.

Der Historiker Andreas Rödder wirft der LGBTI-Community eine "staatliche Umgestaltung der Gesellschaft" vor. Er ist Leiter der konservativen Denkfabrik "R21", von Frühjahr 2022 bis September 2023 war er Vorsitzender der CDU-Grundwertekommission
- Von
5. Oktober 2025, 10:27h 6 Min.
Toleranz oder Anerkennung – das ist hier die Frage. Aber ist sie nicht schon längst beantwortet? Denn mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vor mehr als zweihundert Jahren hat der Begriff Toleranz einen Bedeutungswandel vollzogen und ist praktisch im Begriff der Anerkennung aufgegangen. Akzeptanz anstelle von Duldung, so lautet das ethische Gebot.
Nun werden manche fragen, ist das denn so wichtig, sind doch nur Worte? Gewiss, dennoch macht es für mich sehr wohl einen Unterschied, ob ich als trans Frau nur geduldet oder ob ich akzeptiert werde, um als gleichberechtigt anerkannt zu sein. Was hat sich also vor zweihundert Jahren getan, dass der Begriff Anerkennung das Rennen gemacht hat?
Ganz einfach: Mit der Erklärung der Menschenrechte betrat, wenn man so will, die Würde des Menschen die Bühne als zentrale Idee und ethische Maxime. Und es ist ebendiese Würde, die nicht mit Duldung abgespeist werden kann, sondern vielmehr Anerkennung verlangt.
Die Würde des Menschen ist nicht verhandelbar
Genau darum ging es neulich in meiner Kritik an Andreas Rödder, seines Zeichens Professor für Neueste Geschichte in Mainz, der für queere Menschen allenfalls Toleranz im Sinne von Dulden und Ertragen übrighat. Und dabei geht es längst nicht um die Frage, welche Fahne vor dem Bundestag in Berlin weht. Das Problem sitzt tiefer.
Seine kruden Ansichten kritisierten neben mir wohl auch noch viele andere und so wurde daraus in den Sozialen Medien ein Shitstorm. Der wiederum brachte Rödder dazu, sich mit einem Gastbeitrag im "Wiesbadener Kurier" (Bezahlartikel) zu rechtfertigen unter der Überschrift "Toleranz statt Bekenntnis, bitte!". Womit sich bestätigt: Austeilen können die meisten, nur einstecken will gelernt sein.
Nur wird eben Unrecht durch Wiederholung nicht zu Recht. Jedenfalls liegt er mit seinem veralteten Toleranz-Begriff und noch einigem mehr an schiefen Argumenten in der Sache voll daneben. Genauso daneben übrigens wie die Initiative Queer Nations (IQN), wo man der Meinung ist, Rödder tapfer zur Seite stehen zu müssen. Ich komme am Schluss darauf zurück.
Wie sehr sich Herr Rödder daneben befindet, das hätte ihm übrigens schon Goethe erklären können, der ganz auf Anerkennung setzte, auch wenn es damals noch keine queere Community in Weimar gab. Aber der Geheime Rat wusste selbstverständlich, dass die Würde des Menschen nicht verhandelbar ist.
Historische Entwicklungen zur Kenntnis nehmen

Das Buch "Toleranz – auch eine Geschichte Europas" von Heinrich Schmidinger ist 2024 im Schwabe Verlag erschienen
Dabei sollte die Angelegenheit für einen Historiker gar nicht so schwer sein, nämlich historische Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen, die unsere Gegenwart als Resultat hervorbringen. Das gilt eben auch für Begriffe und deren Bedeutungswandel. Das Entscheidende ist jedoch, dass wir bei all dem über Menschenrechte sprechen, die Rödder völlig ausblendet. Weshalb ich hier auf ein Buch aufmerksam machen möchte, das bereits im letzten Jahr im Schwabe Verlag erschienen ist und Klarheit schafft über das Verhältnis von Toleranz und Anerkennung aus historischer Sicht: "Toleranz – auch eine Geschichte Europas" (Amazon-Affiliate-Link ).
Der Autor Heinrich Schmidinger ist ein österreichischer Philosoph und Theologie, der nun wahrlich nicht im Verdacht steht, "woke" oder queer zu sein. Und was sagt er? Zum Beispiel dies hier:
Einer Würde jedoch wird nicht durch Theorie entsprochen, durch eine Aussage über das "Wesen" des Menschen, sondern durch die Anerkennung von Rechten, die ihr entspringen. So hat schließlich Toleranz mit der Anerkennung dieser Rechte, der Rechte, die den Menschen als Menschen zustehen, den Menschenrechten zu tun.
Wo immer wir von trans oder queeren Rechten sprechen, sprechen wir von Menschenrechten, wie sie in unserem Grundgesetz stehen. Das haben die Hüter*innen unserer Verfassung in Karlsruhe durch eine ganze Reihe von Urteilen immer wieder aufs Neue bekräftigt. Und da kommt nun Herr Rödder und erklärt uns Toleranz so: "Niemand muss Motorsport mögen. Aber so lange Autorennen nicht gesetzlich verboten sind […] habe das jeder Klimaaktivist zu tolerieren […]." Als ob mein Transsein eine Art Hobby ist, ein Freizeitspaß, den andere ertragen wie die Grillparty in Nachbars Garten.
Toleranz als Synonym für Nicht-Diskriminierung
Schmidinger jedenfalls betont, wie sehr Toleranz-Diskurse durch die Anerkennung der Menschenrechte dominiert sind: "Nur im Hinblick auf sie ist Toleranz als Bedingung der Möglichkeit jeglicher pluralistischen Gemeinschaft motiviert und legitimiert – im Kleinen wie im Großen." Das bedeutet auch, dass Toleranz zum Synonym für Nicht-Diskriminierung wurde.
Dass die Anerkennung mit der Deklarierung der Menschenrechte ein so starkes Übergewicht gegenüber der Toleranz erhielt und von einer Aufhebung des Toleranz-Begriffs in jenen der Anerkennung zu sprechen sei, erklärt Schmidinger so: "Der Grund dafür liegt darin, dass es angesichts (zumindest) einiger der verkündeten und gesetzlich verankerten Menschenrechte – wie vor allem jenen der Gleichbehandlung – nichts mehr zu tolerieren gibt, sondern diese schlicht Anerkennung fordern."
Genau darum geht es: um Gleichbehandlung, und sie funktioniert, indem ihr die Anerkennung von Unterschieden vorausgeht. Wobei Anerkennung keine Einbahnstraße ist, sondern auf Gegenseitigkeit beruht, verbunden mit dem selbstkritischen Eingeständnis, dass es kein "Monopol auf Wahrheit" gibt. Schmidingers Publikation kann ich hier nur wärmstens empfehlen.
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Dulden bedeutet Geringschätzung
Wer jedoch Toleranz nur als Dulden begreift, wie wir das bei Rödder lesen, der übersieht, dass dieses Dulden "im Zwischenmenschlichen eine zerstörerische Wirkung entfalten kann, sobald daraus Geringschätzung, Nichternstnehmen oder Ignorierung spricht". Und wenn die Initiative Queer Nations (IQN) sich mit Rödder solidarisiert, dann wird die Angelegenheit vollends makaber.
Makaber auch deshalb, weil die sinkenden Sympathiewerte für trans, inter und nichtbinäre Menschen in den neuesten statistischen Erhebungen uns selber angelastet werden. Wir seien selbst dafür verantwortlich und deren Verursacher, so IQN, indem wir durch "fragwürdige Weltbilder" den Bogen überspannt haben. Nein, die Forderung nach Selbstbestimmung und Gleichberechtigung ist kein "fragwürdiges Weltbild", sondern Teil unserer Verfassung.
Rödders Ansicht, wonach aus "einer Emanzipationsbewegung für bestimmte Lebensformen […] ein Modell für die staatliche Umgestaltung der Gesellschaft geworden" sei, wird dankend von IQN aufgenommen und zugleich bekräftigt: "So hat der Umgestaltungsversuch erst dem jetzt spürbaren Backlash Vorschub geleistet."
Würde dieser grobe Unfug nicht Schwarz auf Weiß auf der Webseite stehen, ich würde es nicht glauben. Dass es einen engen Zusammenhang zwischen der queer- und transfeindlichen Dauerbeschallung durch die Rechtspopulisten und Rechtsextremisten im Bunde mit seltsamen, angeblich feministischen Organisationen gibt, wird ignoriert, weil diese Tatsache nicht ins ideologische Konzept der IQN passt.
Heinrich Schmidinger: Toleranz – auch eine Geschichte Europas.298 Seiten, Schwabe Verlag. Basel 2024. Taschenbuch: 32 € (ISBN 978-3-7965-4440-8). E-Book: 32 €
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