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Serientipp

Die schwulen Abenteuer eines mächtigen Bier-Barons

Das neue Netflix-Drama "House of Guinness" ist höchst unterhaltsam, nimmt sich historisch allerdings viele Freiheiten heraus – insbesondere mit den Männergeschichten von Arthur Guinness, dem ältesten Sohn der Bierbrauerdynastie.


Ziemlich selbstbewusst schwul: Anthony Boyle als Arthur Guinness in "House of Guinness" (Bild: Ben Blackall / Netflix)

"Wahrscheinlich schwul" sei er gewesen, schreibt der Historiker Joe Joyce über Arthur Guinness (1840-1915) in seiner Abhandlung "The Untold Story of Ireland's Most Successful Family" von 2009. Zwar war er offenbar glücklich verheiratet, blieb jedoch kinderlos. Mehr ist historisch nicht belegt über das Beziehungsleben des ältesten Sohns der irischen Bierbrauerdynastie, deren Produkt auch heute noch gern getrunken wird.

Das ließ Serienautor Steven Knight ("Peaky Blinders") eine Menge kreativen Spielraum, den er ausgiebig nutzt – wie er sich in "House of Guinness" auch sonst viele Freiheiten mit den Figuren herausnimmt, innerhalb eines weitgehend korrekten historischen Kontexts.

Politisch unruhige Zeit


Poster zur Serie: Alle acht Episoden von "House of Guinness" können seit 25. September 2025 auf Netflix gestreamt werden

Die Geschichte beginnt 1868 mit der Beerdigung von Sir Benjamin Lee Guinness, dem Enkel des Brauerei-Gründers und Patriarch der durch das Biergeschäft reich und mächtig gewordenen Dubliner Familie. Sein Tod fällt in eine politisch unruhige Zeit: Irland hat gerade eine furchtbare Hungersnot hinter sich, und die katholische Irish Republican Brotherhood (auch Fenians genannt) kämpft für eine Loslösung des Landes vom protestantischen Großbritannien. Sie attackieren dann auch den Beerdigungsumzug des protestantischen Bier-Barons, werden jedoch von den weitgehend katholischen Guinness-Angestellten in die Flucht geschlagen.

Derweil versammeln sich die Nachkommen des Patriarchen und diskutieren die Zukunft. Neben dem ältesten Sohn Arthur (Anthony Boyle), der seinen Vater auch politisch im Londoner Parlament beerben soll, sind dies die ältere Schwester Anne (Emily Fairn) und die beiden Brüder Edward (Louis Partridge) und Benjamin (Fionn O'Shea). Letzterer ist ein meist betrunkener Tunichtgut, der für geschäftliche Verantwortung deshalb ebenso wenig in Frage kommt wie Anne, weil sie halt eine Frau ist und zudem gesundheitlich angeschlagen.

Eine Ehe zur Tarnung

Arthur würde das Geschäft am liebsten dem ambitionierten und umsichtigen Edward überlassen und so rasch wie möglich zu seinem Lover nach London zurückkehren, aber die testamentarischen Bedingungen des Vaters zwingen die beiden, das Unternehmen gemeinsam zu führen. Somit muss nun auch Arthur seinen Lebensmittelpunkt nach Dublin verlegen, was es wiederum erfordert, gewisse Vorkehrungen zu treffen, um das Risiko eines Skandals zu minimieren.

In der Familie wissen längst alle Bescheid über Arthurs Homosexualität, weshalb nun eine Diskussion beginnt, wie eine akzeptable Lösung aussehen könnte. Schon bald wird entschieden: Es braucht eine Ehe. Mit einer Frau, die von Anfang an eingeweiht und mehr an Geld und Macht interessiert ist als an romantischer Erfüllung. Diese findet sich in Form von Lady Olivia (Danielle Galligan), mit der sich Arthur auf Anhieb derart gut versteht, dass schon bald die Hochzeitsglocken läuten. Und während sie in der Öffentlichkeit als liebendes Ehepaar auftreten, erlauben sie einander privat in sexueller Hinsicht völlige Freiheit.


Scheinehe: Arthur heiratet Lady Olivia, gespielt von Danielle Galligan (Bild: Ben Blackall / Netflix)

Affäre mit einem Brauereiangestellten

So haben beide schon bald ihre heimlichen Affären: Olivia mit dem Brauerei-Vormann Sean Rafferty (James Norton), der als Mann fürs Grobe den Guinness-Brüdern Ungemach aller Art vom Leib hält. Arthur mit dem jungen Brauereiangestellten Patrick (Cúán Hosty-Blaney), der sich offensichtlich mehr erhofft.

Edward derweil hat vergleichbare Beziehungsprobleme: Im Bemühen, eine friedliche Lösung mit den Fenians zu finden, die damit drohen, Arthurs Homosexualität öffentlich zu machen, wendet er sich an Ellen Cochrane (Niamh McCormack), die Schwester eines Rädelsführers. Und verliebt sich prompt in die attraktive und clevere Frau, was zwar den Konflikt erst mal etwas entschärft, aber gesellschaftlich natürlich gar nicht geht. Weshalb auch für ihn eine passende Ehe arrangiert werden muss.

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Unrealistisch aufgeschlossene Familie?

Die ganze erste Staffel hindurch hängt das Risiko von Enttarnung und Erpressung über Arthur, der nebenher auch noch seine politische Karriere vorantreibt. Gleichzeitig jedoch scheinen ohnehin praktisch alle Bescheid zu wissen – und sich kein bisschen an den damals offiziell illegalen Neigungen des Bier-Barons zu stören. Was kaum der historischen Realität im Umgang mit Homosexualität in Irland entsprechen dürfte.

Der Einzige, der Arthur tatsächlich gefährlich zu werden droht, ist ein Verwandter: der charismatische Reverend Henry Grattan Guinness (Michael Colgan). Er zwingt Patrick mittels Erpressung, Arthur in eine Falle zu locken – eine heimliche Party für schwule Männer, die dann bei einer Polizeirazzia festgenommen und enttarnt werden sollen. Der unvermeidliche Skandal, so hofft der Reverend, wäre das Ende für Arthurs Ambitionen. In seiner Verzweiflung lässt Patrick sich darauf ein, geht mit Arthur auf die Party und gibt sich ahnungslos, derweil sich draußen die Polizei nähert…

Kritik aus der Guinness-Familie

Der Handlungsstrang um Arthurs Homosexualität ist ein überraschend prominenter Teil der auch sonst höchst unterhaltsamen historischen Drama-Soap, und Anthony Boyle spielt die Rolle des selbstbewussten schwulen Aristokraten mit sichtlichem Genuss. "Wir wollten vermitteln, dass Arthur sich in keinster Weise schämte für seine Sexualität", sagte Boyle in einem Interview. "Es sollte klarwerden, dass es die Gesellschaft war, die falsch lag, nicht er."

Die Serienmacher wurden angesichts der schwachen historischen Evidenz allerdings auch dafür kritisiert, den ältesten Guinness-Sohn so eindeutig schwul zu machen – unter anderem von einem heutigen Mitglied der Guinness-Familie. Boyle jedoch verteidigt den Entscheid: "Gleichgeschlechtlich liebende Menschen gab es schon immer, man schrieb nur nie über sie. Würde man dann auch noch die offensichtlich vorhandenen Hinweise ignorieren, würde man sie quasi ganz aus der Geschichte schreiben."

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