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"Mut zur Liebe"

Nachdenkliche Intimität, kraftvolle Gesten: Das letzte Album von Anna R.

Mit ihrer unverwechselbaren Stimme und Haltung berührte Rosenstolz-Sängerin Anna R. viele Menschen. Mit dem Posthum-Album "Mut zur Liebe" hinterlässt sie ein musikalisches Zeugnis, das Abschied und Fortbestehen zugleich markiert.


Anna R. bei einem Konzert am 3. Oktober 2023 in der Berliner Columbiahalle (Bild: IMAGO / mix1)
  • Von Christopher Filipecki
    10. Oktober 2025, 05:45h 4 Min.

Am 17. März 2025 wurde bekannt, dass die Sängerin AnNa R. im Alter von 55 Jahren in ihrer Berliner Wohnung verstorben ist (queer.de berichtete). Ein Freund hatte die Rettungskräfte alarmiert, nachdem sie sich ungewöhnlich lange nicht gemeldet hatte. Hinweise auf Fremd- oder Eigenverschulden gibt es nicht, vielmehr ist von den Folgen mehrerer Erkrankungen die Rede. Ihr Tod löste in der deutschen Musikszene große Betroffenheit aus, zumal sie noch kurz zuvor an neuen Projekten gearbeitet hatte.

Bekannt wurde AnNa R. als Teil des Duos Rosenstolz, das sie Anfang der 1990er Jahre mit Peter Plate gründete. Die Band entwickelte sich aus einem kleinen Underground-Phänomen mit starkem queeren Publikum zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Pop-Acts. Mit Songs wie "Liebe ist alles" oder "Ich bin ich (Wir sind wir)" füllten Rosenstolz in den 2000er Jahren große Hallen und wurden zu einem festen Bestandteil der deutschen Popgeschichte. Das Duo verband eingängige Melodien mit einer oft klaren Haltung und bot vielen Menschen eine musikalische Heimat.

Das erste Soloalbum "König:in" erschien 2023

Nach einer als "Kreativpause" bezeichneten Trennung 2012 begann AnNa R. mit der Band Gleis 8 ein neues Kapitel. Hier brachte sie sich stärker ins Songwriting ein, doch blieb der große Erfolg im Vergleich zu Rosenstolz aus. Als Gastsängerin bei Silly konnte sie zwar Akzente setzen, doch wirkte sie zunehmend zurückgezogen.

Eine späte künstlerische Wiederentdeckung gelang ihr mit dem Soloalbum "König:in", das 2023 erschien. Die anschließende Tournee war fast vollständig ausverkauft und zeigte, dass sie mit ihrer unverwechselbaren Stimme und einer direkteren persönlichen Note erneut viele Hörer*innen erreichen konnte. Einzelne Titel wurden für ihre emotionale Intensität und politische Klarheit gelobt. Im Oktober 2024 kündigte sie mit großem Optimismus eine neue Tour unter dem Titel "Mut zur Liebe" an. Diese sollte 2025 stattfinden, kam jedoch durch ihren plötzlichen Tod nicht mehr zustande.

Die letzten von ihr autorisierten Aufnahmen


Das Cover des Posthum-Albums

Posthum erscheint nun das Album "Mut zur Liebe" (Amazon-Affiliate-Link ). Es umfasst zehn Titel, die sie noch im vergangenen Winter gemeinsam mit Manne Uhlig von Gleis 8 aufgenommen hatte. Damit handelt es sich um die letzten von ihr autorisierten Aufnahmen.

Das Album zeigt ein breites Spektrum: Neben eher konventionellen Pop-Rock-Nummern wie "Aufstehen" oder dem Duett "Wenn du mich nicht liebst" mit Moira Serfling von der Band Nervling gibt es Stücke, die stärker hervorstechen. "Wer weiß, wer weiß" wirkt mit seiner schlichten Akustik-Instrumentierung eindringlich und nachdenklich. "Ach, wie schön kann Liebe sein" und "Die böse Farbe" erinnern atmosphärisch an frühe Rosenstolz-Jahre und lassen AnNa R.s besondere Ausdruckskraft aufscheinen. Besonders eindrucksvoll ist das Finale "Ich seh dich ohne Blick", das mit reduzierter Instrumentierung zu den intensivsten Momenten ihres Schaffens gehört.

Einen besonderen Platz nimmt das Cover von "Sag mir, wo die Blumen sind" ein, das sie bereits zuvor live präsentiert hatte. Mit diesem Antikriegslied knüpfte sie an ihre Haltung in gesellschaftlichen Fragen an und setzte ein klares Zeichen gegen Krieg und Ausgrenzung.

Kein durchgehend makelloses Album

"Mut zur Liebe" ist kein durchgehend makelloses Album, doch enthält es mehrere Stücke von großer Intensität. Es zeigt noch einmal die Spannweite ihres künstlerischen Ausdrucks – von nachdenklicher Intimität bis zu kraftvollen Gesten. Dass es nun als Vermächtnis erscheint, verleiht den Aufnahmen besondere Bedeutung.

Der Tod von AnNa R. beendet eine über drei Jahrzehnte währende Karriere. Mit Rosenstolz prägte sie den deutschen Pop maßgeblich und eröffnete insbesondere queeren Menschen einen Raum in der Musik, den es zuvor kaum gab. Ihre spätere Soloarbeit konnte diesen Erfolg nicht vollständig wiederholen, bot aber neue Facetten und bewies ihre künstlerische Eigenständigkeit.

Auch wenn "Mut zur Liebe" nicht das stärkste Album gelten wird, auf dem es ihre Stimme zu hören gibt, bleibt es ein Dokument der letzten kreativen Phase einer Sängerin, deren unverwechselbare Stimme und Haltung viele Menschen berührten. Ihr Werk ist Teil der deutschen Popgeschichte – und mit diesem letzten Album hinterlässt sie ein musikalisches Zeugnis, das Abschied und Fortbestehen zugleich markiert.

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