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Interview

Nemo: "Ich glaube, 'Arthouse' ist ein queeres Album!"

Wir sprachen mit Eurovision-Sieger*in Nemo über das Debütalbum "Arthouse", das Schaffen einer inklusiven Parallelwelt, Selbstfindung und den Wunsch, als nichtbinäre Person von der Welt verstanden zu werden.


Nemos Opening Act beim Eurovision Song Contest 2025 in Basel
  • Von Thomas Clausen
    10. Oktober 2025, 06:32h 8 Min.

Du hast dich in den vergangenen Jahren in verschiedenen Sprachen und Genres ausprobiert. Wie würdest du deinen Sound auf "Arthouse" beschreiben?

Dieses Album ist sehr verspielt und verträumt, aber auch laut und bunt. Es hat eine funky Note und wird von meiner Stimme durch die verschiedenen Genres getragen. Ich denke, dass man auf diesem Album zum ersten Mal einen echten Eindruck davon bekommt, wie facettenreich mein Sound überhaupt ist. Es zeigt eine ganze Welt auf. Und das macht mich mega glücklich.

Eine Welt, für die auch die "Arthouse"-Metapher steht?

Richtig. Der Titel "Arthouse" steht für mich für genauso für eine Vision, wie auch für einen Sehnsuchtsort außerhalb kultureller oder gesellschaftlicher Normen. Das kann ein ganz realer Ort sein oder auch der Wunsch nach Gemeinschaft und Community. Es geht mir auch darum, Ideen zu sprengen. Egal, ob es musikalische Strukturen oder meine persönliche Entwicklung betrifft. Mein Ziel ist es, diesen Ort auf meiner kommenden Tour physisch zu kreieren und die Leute in mein "Arthouse" einzuladen. Ich will eine Offline-Plattform schaffen, sich persönlich zu begegnen. Ob im Club, auf der Straße oder bei einer "Arthouse"-Party…

Auf Tracks wie "The Code" oder "Eurostar" war dein Engagement für die queere Community sehr bestimmend, auf "Arthouse" erzählst du von den verschiedensten Emotionen.

Ich erzähle meine Geschichte, die aber gleichzeitig mit vielen Menschen auf der Welt resoniert. Auf "Arthouse" haben viele verschiedene Gedanken und Emotionen einen Platz gefunden, die jede:r von uns an irgendeinem Punkt im Leben hat. Es geht um Liebe, um gegenseitigen Respekt und darum, aufeinander zuzugehen. Aber auch um Momente, die herausfordernd sind. "Arthouse" ist meine Idee von der Welt, mein eigenes Universum. Eine Welt, die sich momentan sehr von der "wirklichen Welt" unterscheidet. Gleichzeitig ist "Arthouse" auch eine Art Schnittstelle für diese krassen Gegensätze.


Das Album "Arthouse" ist seit 10. Oktober 2025 im Handel erhältlich

Wie genau sieht die "Arthouse"-Welt aus?

Es ist eine inklusive Parallelwelt, in der mir sehr viel Liebe und Wärme entgegengebracht wird, während ich im Alltag oft eine extreme Kälte spüre. Dieser Kontrast spiegelt sich auf dem Album in Songs wie "Unexplainable" oder dem Titeltrack wider. "Arthouse" bedeutet die bewusste Entscheidung für das Positive. Für all das, was uns verbindet. Im Titeltrack begegnen sich zwei Menschen in einem sehr dystopischen Setting: In einem verwaisten Hollywood in nicht allzu ferner Zukunft, in dem der Faschismus gewonnen hat. Diese beiden Menschen tanzen ein letztes Mal zusammen im letzten Club. Los Angeles ist eine Ghosttown, in der keine freie Kultur mehr existiert. Das "Arthouse" ist ein sicheres Heim für die Gegenkultur. Ein Ort des Widerstands, in dem sich die Résistance trifft und eine bessere Welt entwirft. Im Text zähle ich alles auf, woran ich glaube und für das es sich zu kämpfen lohnt.

Im "Arthouse" gibt es Glam-Pop, Electro, Barock-Pop und Art-Pop – klingt wie eine Hausparty irgendwo zwischen Moulin Rouge, Alice im Wunderland und dem Berghain!

Eine geile Beschreibung! Diesen Cabaret-Gedanken sehe ich total und viele der neuen Songs schreien geradezu nach pompösen Visuals und einer gewissen Grandezza. Einerseits ist "Arthouse" eine Parallelwelt, andererseits möchte ich aufzeigen, wie die Welt vielleicht sein könnte. Ich möchte nicht, dass das Album nur als Zufluchtsort oder Safe Space verstanden wird, sondern als utopische Perspektive, die es wert ist, umgesetzt und gelebt zu werden.

Die Songs entstanden in London und Paris. Inwieweit haben dich diese Städte inspiriert?

Beide Orte hatten einen wichtigen Einfluss auf die Songs; jeder auf seine Weise. London hat mich historisch sehr inspiriert. Ebenso wie die Künstler*­innen, die hier große Kunst erschaffen haben. Ob Musiker*­innen, Schriftsteller*­innen, Maler*­innen oder Schauspieler*­innen. An Paris liebe ich das Lebensgefühl, das diese Stadt ausstrahlt und das sich für mich deutlich auf dem Album wiederfindet. Der letzte Track auf dem Album ist "Eurostar" – ein Song, der nicht nur die Brücke zwischen diesen beiden wichtigen Orten schlägt, sondern auch der erste Song war, den ich bewusst für "Arthouse" geschrieben habe.

Songs wie "Unexplainable", "Black Hole"oder "One More Shot" sind sehr offene, zum Teil schmerzhaft persönliche Selbstbespiegelungen. Was hast du dabei über dich herausgefunden?

Ich habe gelernt, dass es in keinster Weise weiterhilft, Teile von sich zu verstecken oder sich zu verstellen. Je ehrlicher man gegenüber sich selbst und anderen ist, desto einfacher wird es. Ich glaube nicht daran, dass man etwas ist und dann das ganze Leben lang in dieser Rolle bleiben muss. Es geht nicht um Selbstfindung, aber darum, sich selbst zu spüren. Um die Frage: Wie fühle ich mich am besten und was macht mich glücklich? Wenn man dieses Ich mit einem gewissen Selbstbewusstsein und einer Selbstverständlichkeit in die Welt trägt, dann passiert einfach Magie! Man zieht die richtigen Menschen an, die einen so wahrnehmen, wie man ist.

Magie wie auf dem Song "Hocus Pocus"?

Genau! Ich bin ein spielerischer Mensch und ich versuche auf dem Album, mich nicht cooler zu machen als ich bin, mich hinter irgendwelchen Fassaden zu verstecken oder irgendetwas musikalisch zu kaschieren. Ich gebe mich absolut pur. Auf "Hocus Pocus" geht es um eine verhexte Liebe und darum, welche Macht manche Menschen über einen haben.

Man hört deutlich einen gewissen "Thriller"-Vibe raus!

Das Album baut auf den 70er- und 80er-Jahre-Helden auf, die ich als Kind und als Teenager gehört habe. Ich bin schon früh von Künstler*­innen wie Michael Jackson, Prince, David Bowie oder Björk geprägt worden. Sowohl musikalisch, aber auch, was diese bewundernswerte Selbstverständlichkeit angeht, mit der sich diese Legenden kreativ ausgelebt haben. Ohne die Einflüsse dieser Icons würde meine Musik nicht existieren. "Hocus Pocus" könnte man auch als Hommage an all diejenigen verstehen, die mit ihrer Kunst eigene Welten erschaffen.

Obwohl "Arthouse" nicht in erster Linie ein queeres Album ist, könnte man es als gesellschaftliches oder sogar politisches Statement betrachten!

Ich glaube, "Arthouse" ist ein queeres Album! Zwar nicht nur, aber ich betrachte die Welt auf den Songs durchaus durch eine queere Brille. Es ist kein Album, das "Hey, ich bin queer und jeder Song ist nur für queere Menschen" schreit. Es hat aber Momente, in denen man meine Queerness sehr stark spürt. "Unexplainable" oder "The Code" sind extrem wichtige Momente in meiner queeren Selbstfindung. Auf der anderen Seite steht eine sehr verspielte Queerness auf wie "God's A Raver". Gott als Raverin darzustellen, die ich in einer Gay-Bar getroffen habe, ist auf eine Art schon sehr queer.

"God's A Raver" ist dein Lovesong an die Clubkultur, oder?

So könnte man es beschreiben. Jeder Song ist wie ein eigener Raum im "Arthouse". "God's A Raver" wäre wohl das Wohnzimmer mit einer riesigen Discokugel an der Decke… Ich glaube fest, dass Gott eine Raverin ist, eine von uns! Gott steht safe in jedem Club auf der VIP-Liste. Und zur Afterparty kommt sie zu mir ins "Arthouse"!

Auf "One More Shot" geht es dagegen um Abhängigkeiten.

Auf diesem Song personifiziere ich die Sucht als ein Wesen oder ein Ding, das immer wieder Teil von dir werden will und immer wieder zu dir zurück kommt. Diese Kreatur zeigt dir, wie sich aus einem unscheinbaren Moment etwas Großes, Unkontrollierbares entwickeln kann. Einerseits hat der Song etwas Reinigendes, auf der anderen Seite macht er auch Spaß. Man muss sich wirklich auf den Text konzentrieren um zu verstehen, worum es geht.

Mit "Unexplainable" gibt es zum Ende des Albums einen sehr nachdenklichen Song über Selbstfindung und darüber, mit sich im Reinen zu sein. Hast du als non-binärer Artist viel Ausgrenzung und Missverständnis erfahren?

Ich habe bisher in meinem Leben bisher das komplette Gegenteil von Ausgrenzung erfahren. Ich darf mich sehr glücklich schätzen, in einem wirklich empathischen, verständnisvollen und inklusiven Umfeld zu sein. Gleichzeitig bin ich eine öffentliche Person, die mit sehr viel Gegenwind konfrontiert ist. Es gibt und gab schon immer Leute, die etwas daran auszusetzen haben, wie ich mich ausdrücke, wer ich bin und wie ich bin. Situationen, in denen ich mich immer wieder frage, wieso das so sein muss und wieso es so viele Menschen gibt, die mich nicht verstehen. Es ist aber auch eine große Challenge, sich selber zu verstehen. Es ist mega scary, sich unverstanden zu fühlen in einer Welt, die einen nicht verstehen kann oder will. Der Song beschreibt das Gefühl, unverständlich und nicht erklärbar zu sein.

Denkst du, dieses Album trägt dazu bei, dich der Welt besser verständlich zu machen?

Wichtig ist, dass ich mich besser verstehe und mich mir selbst besser erklären kann. Ich spreche auf diesem Album sehr ehrlich über das, was mich gerade beschäftigt. Und ich habe keine Angst, mich so auszudrücken, wie ich will. Gleichzeitig ist mein größter Antrieb der Wunsch danach, verstanden zu werden. Durch dieses Album habe mich besser kennengelernt und bin nun in der Lage, der Welt zum ersten Mal ein komplettes Bild von mir zu zeigen, statt nur einzelne Songs.

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