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Buchtipp
Noch mehr Vintage-Fotos schwuler Liebe
Vor fünf Jahren wurde der Bildband "Loving" ein weltweiter Erfolg. Die Welt hat sich seitdem deutlich verändert – nicht unbedingt nur zum Guten. Da kommt die Fortsetzung mit über 300 weiteren Fotos männlicher Paare gerade recht.

Schwule Paare haben sich auch damals nicht versteckt: Historische Abbildung aus dem neuen Bildband "More Loving (© Nini Treadwell Inc.)
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11. Oktober 2025, 07:15h 5 Min.
Kurze Zeitreise: Im Herbst 2020 baute sich gerade die zweite Coronawelle auf. Die erste aus dem Frühjahr fühlte sich überstanden an. Die einschränkenden Maßnahmen wurden gelockert, es kehrte zunächst ein bisschen Normalität zurück. Was blieb: Tod, Trauer, das Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlusts. Dazu Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrannten, wie das eines Militärkonvois in Bergamo, der Leichen transportierte. Und dann die zweite Welle, alles begann von vorne, wurde sogar noch schlimmer.
Genau in dieser Zeit wurde der Bildband "Loving. Männer, die sich lieben" veröffentlicht: 350 Fotos schwuler Paare aus den Jahren 1850 bis 1950 in einem Bildband. Ein Werk, das weltweit gefeiert wurde, bei queer.de wurde es als "Buch des Jahres" gepriesen.
Eine heilende Wirkung
"Die Leute griffen nach dem Buch, als sei es ein Rettungsring in einem dunklen kalten Ozean", erinnern sich die Sammler Hugh Nini und Neal Treadwell im Vorwort zur Fortsetzung. Es sind pathetisch aufgeladene Worte, ja, die im Kern aber doch zutreffen: Je dunkler die Zeiten, je größer die Verzweiflung, desto wichtiger sind die Lichtblicke.
"Loving" konnte genau das leisten: Beeindruckende Fotografien aus der Vergangenheit, voller Liebe und Zuneigung, die zeigten: Seit es die Fotografie gibt, ließen sich männliche Paare ablichten. Wir sind kein Trend. Vom Bildband ging eine heilende Wirkung aus, welche die zwei Sammler überrascht hat.
Die Liebe festhalten, auch ohne Gesicht

Der Bildband "More Loving" erscheint am 13. Oktober 2025
Fünf Jahre später erscheint die Fortsetzung. Für "More Loving" (Amazon-Affiliate-Link ) wählten Hugh Nini und Neal Treadwell über 300 weitere Fotografien aus – aus ihrer Kollektion aus über 4.000 Bildern, die sie über 25 Jahre hinweg sammelten. Das teuerste davon kostete 2.500 Dollar, wie sie anlässlich des ersten Bandes in einem Interview erzählten.
Nur in kleinen Punkten erweiterten sie für den zweiten Band die Motive. Wer den ersten Band besitzt, findet also eher eine Ergänzung als eine Weiterentwicklung: So sind jetzt ein paar Fotos zu sehen, auf denen die Männer sich zwar gemeinsam zeigen, "aus Vorsicht aber das Gesicht verbargen", wie die beiden schreiben. Die Paare hätten gewusst, dass sie lächelten und glücklich waren. Weil das Foto aber nie für andere bestimmt war, "erfüllte es nur den persönlichen Wunsch, ihre Liebe festzuhalten" – so interpretieren die Sammler die Liebesfotos ohne Gesicht.
"Es sind einfach zwei Menschen, die sich lieben"
Besonders interessant sind auch einige wenige Paar-Fotos, auf denen eine Person typisch weiblich gekleidet ist: einen weißen Schleier, ein gemustertes langärmliges Kleid oder einen Blumenhut trägt, und eine feminine Haltung einnimmt.
Ist das eine Spielerei mit Geschlechterrollen oder Ausdruck einer Geschlechtsidentität? Braucht es Schubladen für sie, im Nachhinein übergestülpt? Die Sammler sagen: "Es sind einfach zwei Menschen, die sich lieben. Wie man sich bezeichnet, sollte jede und jeder selbst wählen dürfen und nicht von anderen zugeschrieben bekommen."

Bewegendes Vintage-Foto aus "More Loving". Zehn weitere Bilder aus dem neuen Buch zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (© Nini Treadwell Inc.)
Große Vielfalt, außer bei Ethnien
Auch "More Loving" zeigt wie der Vorgänger eine große Vielfalt: Arbeiter, Studenten, Bürgerliche, Soldaten und Sportler, jung wie älter. Manche Aufnahmen sind professionell im Studio entstanden, andere sind spontane Schnappschüsse. Auf manchen steigt beim genauen Hingucken die romantische oder erotische Aufladung – etwa wenn man die eine Hand entdeckt, die sanft auf dem Po des anderen weilt oder die unters Jackett greift. Einige sind brav und akkurat, andere sprühen vor Leidenschaft und zeigen langersehnte Küsse, einige wenige sind sexuell aufgeladen.
Die Vielfalt endet jedoch bei der Repräsentation verschiedener Ethnien. Die allermeisten Männer sind weiß. Auf diese bereits am ersten Bildband geäußerte Kritik gehen Hugh Nini und Neal Treadwell im Vorwort ein: Fotos von schwarzen und gemischtethnischen Paaren seien selten und gefragt, weil die Zeit zwischen 1850 und 1950 "im Hinblick auf Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Gerechtigkeit keine besonders aufgeklärte Zeit in den USA" war. Doch es gibt einige, die es in den Bildband geschafft haben.
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Die Welt steht Kopf wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg
Vor fünf Jahren sorgte der Bildband für Trost in einer von Trauer geprägten Zeit. Und heute? "Wir leben in einer Welt, die – wie vielleicht noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg – kopfsteht", schreiben die zwei Sammler.
In den USA gebe es einen Obersten Gerichtshof, der die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare abschaffen will. "Man will uns, genau wie die Menschen in unserem Buch, wieder in die Heimlichkeit zwingen."
Auch damals kein Versteckspiel
In nur wenigen Jahren hat sich die Welt tiefgreifend verändert – und nicht immer zum Guten. Queere Rechte und Errungenschaften sind zur Verhandlungsmasse geworden, der Rechtsextremismus macht queere Menschen weltweit – oft erfolgreich – zum Feindbild.
Die Liebe der Vergangenheit, die auf jeder Seite von "Loving" und "More Loving" deutlich wird, verspricht in diesen Zeiten Trost. Diese Liebe ist universell, verweist von der Zeit der Aufnahme durch die Entdeckung und Veröffentlichung in die Gegenwart – und sie lässt sich auch als Akt des Mutes lesen: Schwule Paare haben sich auch damals nicht versteckt.
Neal Treadwell, Hugh Nini (Hrsg.): More Loving. Männer, die sich lieben – Fotografien aus den Jahren 1850-1950. Bildband. 336 Seiten. Elisabeth Sandmann Verlag. Berlin 2025. Gebundene Ausgabe: 58 € (ISBN 978-3-949582-43-1)
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