Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?55387

Serientipp

Monströs, blutig und ein bisschen queer

Ryan Murphys neue "Monster"-Staffel erfordert eine erhebliche Toleranz für Grässlichkeiten aller Art. Doch wird darin nicht nur die Geschichte des Serienkillers Ed Gein erzählt, sondern auch die des US-Horrorfilms und der Abstumpfung seines Publikums.


Charlie Hunnam spielt in "Monster" den Serienkiller Ed Gein (Bild: Netflix)

Alfred Hitchcock ist schuld. Mit seinem legendären Thriller "Psycho" öffnete er 1960 quasi die Büchse der Pandora: Er zeigte dem Kinopublikum seinen ersten modernen Horrorfilm. In "Monster: Die Geschichte von Ed Gein" verfolgen wir mit, wie Hitchcock (Tom Hollander) heimlich die Besucher*innen einer Kinovorstellung beobachtet und sich diebisch über die schockierten Reaktionen freut, auf die er es gezielt angelegt hatte. Diese sind historisch belegt: Der Duschmord führte zu lautem Schreien, Ohnmachtsanfällen und fluchtartigem Verlassen des Saals. In einigen Ländern wurde der Film sogar verboten.

Wer sich "Psycho" heute ansieht, realisiert schnell, wie sehr sich die Sehgewohnheiten seit 1960 verändert haben. Der Film ist immer noch brillant, für einige gelegentlich wohl auch noch schockierend, dürfte aber kaum mehr jemanden in Ohnmacht fallen lassen oder in die Flucht treiben. Wir sind längst viel Härteres gewohnt.

Es braucht immer drastischere Schockeffekte

Diese allmähliche Abstumpfung ist beiläufig Thema in der neuen "Monster"-Staffel, die nicht nur die Geschichte des berühmten Serienkillers erzählt, sondern auch die einiger Filmprojekte, die durch seine Taten inspiriert wurden. Neben "Psycho" ist das zum Beispiel "The Texas Chainsaw Massacre", der 1974 bereits erheblich gewalttätiger und blutiger ist. Weil, so Regisseur Tobe Hooper (Will Brill), "ich die Leute verängstigen und die ganze Welt schockieren will". Und dazu braucht es nur 14 Jahre nach "Psycho" bereits sehr viel drastischere Szenen.

Ryan Murphys neue Netflix-Serie ist letztlich eine Fortsetzung dieses Trends. Sie ist so voller Grässlichkeiten aller Art, voll expliziter Gewalt und psychotischem Horror, dass sie es vor dem Streaming-Zeitalter niemals ins Programm eines deutschsprachigen TV-Senders geschafft hätte, wohl nicht mal weit nach Mitternacht. Und heute läuft sie einfach so rund um die Uhr, über das Menü genauso problemlos auswählbar wie "Emily in Paris" oder ein Kinder-Animationsfilm.

Die Weiterverarbeitung von Ed Geins seltsamen Leidenschaften in der US-Popkultur passiert in der Serie nebenbei in den ersten paar Folgen, im Zentrum jedoch steht Geins Geschichte selbst – und sein Darsteller Charlie Hunnam ("Queer as Folk", "Sons of Anarchy") in einer gewagten Performance, wie man sie von ihm noch nie gesehen hat. Mit hoher Stimme und verkniffenem, verhärmten Gesicht ist er weit weg von dem attraktiven Sunnyboy oder toughen Actionstar, als den man ihn üblicherweise kennt.

Heimliche Liebe


Poster zu Serie: "Monster: Die Geschichte von Ed Gein" kann seit 3. Oktober 2025 auf Netflix gestreamt werden

Als die Serie kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzt, lebt Ed Gein (1906-1984) mit seiner sehr religiösen und dominanten Mutter Augusta (Laurie Metcalf) auf einer Farm im ländlichen Wisconsin. Sie warnt ihn stets, sich von Frauen fernzuhalten, und als sie ihn eines Tages in ihrer eigenen Unterwäsche beim Onanieren erwischt, gibt es eine heftige Abreibung mit Bibelsprüchen, die Ed splitterfasernackt über sich ergehen lassen muss.

Dass Ed in Adeline (Suzanna Son) verliebt ist, die Tochter eines Nachbarn, hält er sorgsam vor seiner Mutter geheim. Adeline ist in gewisser Weise eine Seelenverwandte. Sie ist ebenfalls etwas seltsam und würde gerne Polizeifotografin werden, weil sie dort die Chance hat, noch möglichst frische Leichen zu sehen.

Beide sind sehr fasziniert von den schrecklichen Bildern, die aus den Konzentrationslagern der Nazis an die Öffentlichkeit gelangen: Leichenberge und ausgemergelte Gestalten aus Haut und Knochen. Ed verschlingt zudem begierig einen Comic über "The Bitch of Buchenwald", die sadistische Nazi-Schergin Ilse Koch, die sich Lampenschirme aus Menschenhaut nähte – das geht soweit, dass er die Figuren aus dem Comic in seinem Kopf quasi als Realfilm zum Leben erweckt (was uns Ryan Murphy selbstverständlich nicht vorenthält).

Die tote Mutter kehrt zurück

Die große Zäsur kommt, als Ed aus Versehen seinen Bruder erschlägt, und seine Mutter vor lauter Schock über den Tod ihres Ältesten einen Schlaganfall erleidet. Nach einiger Zeit der Pflege verstirbt sie schließlich. Für Ed ein existenzieller Schlag angesichts seiner engen Beziehung zu ihr. Doch schon bald realisiert er: Sie ist gar nicht wirklich weg. Er hört noch immer ihre Stimme, kann sich mit ihr unterhalten. Und als sie von ihm verlangt, sie auch körperlich zurückzuholen, geht er eines Nachts auf den Friedhof und versucht, sie auszugraben. Doch weil ihr Sarg zu stabil ist, holt er sich einfach die Leiche aus dem Nachbargrab, bringt sie nach Hause und setzt sie in den Schaukelstuhl der geliebten Mutter, wo diese in seinem Kopf dann wieder zum Leben erwacht.


Szene aus "Monster: Die Geschichte von Ed Gein" (Bild: Netflix)

Gleichzeitig ist er nun völlig frei, all die Frauenkleidung zu tragen, die sein Herz begehrt. Und da er sich immer wieder mal eine Leiche vom Friedhof holt, wächst dabei auch seine Auswahl. Zudem fängt er an, wie sein Vorbild aus dem Nazi-Comic, die Haut der Toten weiterzuverwerten, kreiert sich ganze Masken samt Haaren, die er tragen kann – bis er schließlich erstmals selbst eine Frau umbringt, die ihn ein wenig an seine Mutter erinnert und sich für diese Zwecke also besonders gut eignet.

Daneben hält er in der Öffentlichkeit eine gewisse Normalität aufrecht, geht ab und zu mit Adeline aus, macht ihr schließlich sogar einen Heiratsantrag. Er redet ihr gegenüber auch von seiner Mutter, als lebe diese weiterhin pflegebedürftig im oberen Stock des Farmhauses. Doch das junge Glück wird auf eine harte Probe gestellt, als Adeline eines Tages allein nach oben geht, um Eds Mutter zu fragen, ob sie irgendwas braucht – und dort im Schaukelstuhl eine mumifizierte Frauenleiche findet.

Queerness: Frauenkleidung und Anthony Perkins

Abgesehen von Eds Faible für Frauenkleidung und dass er sich gerne auch mal als seine eigene Mutter inszeniert, ist an seiner Geschichte nichts sonderlich queer – er selbst vermutet später in der Serie, dass er trans sein könnte, geht dem jedoch nicht weiter nach. Aber in den Sequenzen zur Entstehung von "Psycho" kommt auch Hauptdarsteller Anthony Perkins (1932-1992) vor, der – laut der Serie – in jener Zeit mit seiner Homosexualität ringt und dabei teilweise auch in längeren heimlichen Beziehungen steckt. Gezeigt wird unter anderem Schauspielkollege Tab Hunter, der die Romanze Jahrzehnte später offiziell bestätigt hatte.

Nach seinem ikonischen Auftritt als Norman Bates in "Psycho" war es offenbar einige Zeit lang schwierig für Perkins, weitere interessante Rollenangebote zu bekommen. Er spielte den Charakter später noch in drei Fortsetzungen, 1983, 1986 und 1990 – bei "Psycho III" führte er sogar selbst Regie.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Denkmal für einen Killer

Und so wie Anthony Perkins offenbar niemals richtig von Norman Bates loskam, scheint Hollywood nicht von Ed Gein loszukommen. Angesichts der diversen von seiner Geschichte inspirierten Horrorfilme war es wohl unvermeidlich, dass dem derangierten Killer nun mit einer eigenen Serie ein Denkmal gesetzt wird – man muss fast schon von einer Huldigung sprechen.

Gein wurde schließlich 1957 verhaftet. Nach mehreren Verfahren befand ihn ein Gericht 1968 aufgrund von "Wahnsinn" jedoch für nicht schuldig. Er verbrachte den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik, wo er 1984 an Lungenkrebs starb. Ob er selbst die Filme gesehen hat, die durch seine Taten inspiriert wurden, ist nicht bekannt. In der Serie, die auch diesen Teil seines Lebens abdeckt, wird jedoch angedeutet, dass er sie sehr wohl mitbekam, ebenso seine Vorbildfunktion für andere Serienkiller. Damit erreicht er am Ende sogar, was er sich immer erhofft hatte: Seine geliebte Mutter ist endlich stolz auf ihn.

-w-