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Buchtipp
Vom Sober-Aktivismus zum Debütroman: Ekaterina Feuereisen
Der Roman "Inventur der Erinnerungen" von Ekaterina Feuereisen ist ein poetisch-düsteres Debüt über eine lesbische Liebe unter psychischem Druck, familiäre Prägung und den Weg zur Selbstfürsorge.

Ekaterina Feuereisen entdeckte schon früh ihre Leidenschaft für die verschiedenen Ebenen von Realität und Fiktion (Bild: privat)
- Von Luise Erbentraut
11. Oktober 2025, 14:03h 4 Min.
Sich selbst in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, ist ein Schritt, der großen Mut bedarf – weil er stigmatisiert, tabuisiert und im engen sozialen Umfeld vielleicht sogar auch emotional überbewertet wird. Genau darüber spricht Ekaterina Feuereisen auf ihrem Instagram-Kanal, und zwar in einem Ton, der ob seiner Leichtigkeit unterstützt, statt zu beschweren. In ihrem Debütroman "Inventur der Erinnerungen" schlägt sie jetzt die ernsten Töne psychischer Gesundheit an.
Als Mental-Health- und Sober-Aktivistin teilt Autorin Ekaterina Feuereisen zusammen mit Comedian Jacky Feldmann Rezepte für alkoholfreie Drinks, schreibt offen über Alkoholmissbrauch, Depressionen und Borderline und ermutigt ihre Follower*innen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. In ihrer Bio zählt sie die Tage, wie lange sie bereits keinen Alkohol mehr konsumiert, was motiviert! Auch benennt sie beeindruckend präzise, wie Alkoholkonsum nicht selten dazu benutzt wird, psychische und physische Anspannung zu regulieren.
Nüchternheit als selbstbestimmter Akt der Fürsorge
Spannenderweise ist der sogenannte Sober-Aktivismus selbst aus den Sozialen Medien heraus entstanden: Ursprünglich aus den USA und Großbritannien stammend, wurde er von Autor*innen, Therapeut*innen und Menschen, die öffentlich über ihre Erfahrungen mit Nüchternheit schrieben, zum Gegenentwurf einer gesellschaftlichen Normalisierung von Alkoholkonsum und einer ganzen Online-Bewegung. Dass die queere Community maßgeblich zum Erfolg der Bewegung beigetragen hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Und auch in Deutschland boomen Sober-Partys dank queerer Szene-Clubs wie dem SchwuZ in Berlin.
Ekaterina Feuereisen überträgt diese Haltung in den deutschsprachigen Raum der sozialen Medien, wo sie Nüchternheit als selbstbestimmten Akt der Fürsorge vermittelt. Indem sie alternative Wege wie Sport und Malerei aufzeigt, schafft sie es, die tabuisierten Themen im öffentlichen Diskurs in neuen Tönen erklingen zu lassen – solchen, die es bedarf, um die emotionalen Barrieren, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, niedriger zu gestalten.
Debütroman über Depressionen und eine drogenabhängige Mutter

Der Roman "Inventur der Erinnerungen" ist am 2. Oktober 2025 im Haymon Verlag erschienen
Vor dem Hintergrund scheint ihr nun im Haymon Verlag erschienener Roman "Inventur der Erinnerungen" (Amazon-Affiliate-Link ) schon fast wie ein gegensätzlicher Kontrast. Ganz unromantisiert erzählt sie nämlich von einer jungen Frau, die mit Depressionen lebt und zugleich unter dem emotionalen Druck einer drogenabhängigen Mutter steht. Inmitten von Sehnsucht nach Nähe und dem Bedürfnis nach Abgrenzung kämpft sie um ein eigenes Gleichgewicht. Ausgetragen wird dieser innere Konflikt auf der Projektionsfläche der Beziehung zu ihrer Partnerin Elif.
Schon auf den ersten Seiten verwischen Vergangenheit und Gegenwart. Während die Handlung überwiegend zwischen den Jahren 2017 und 2019 pendelt, verdichtet sich die "Inventur der Erinnerung" über Flashbacks in die eigene Kindheit zu sich überlagernden Spuren. Dieses Verweben von Innenwelt und Außenrealität ist ein Sujet, das Feuereisen bereits vor ihrem literarischen Debüt praktiziert hat – und das sie hier auf besonders eindrückliche Weise ausgestaltet.
Zerrissen von Abhängigkeit und Manipulation, zieht die Mutter sie immer wieder in alte Dynamiken, in denen die Protagonistin die Verantwortung für sie übernehmen soll. Selbst die jüngere Schwester baut mit ihrem Bedürfnis nach Harmonie zusätzlichen Druck auf. Diesen inneren Kampf zwischen Geborgenheit und Abgrenzung überträgt die Protagonistin zunehmend auf ihre lesbische Liebesbeziehung: Aus tiefer Zuneigung und Sehnsucht entstehen unter dem Einfluss psychischer Belastung immer größer werdende Wut, Missverständnisse und unausgesprochene Bedürfnisse. Hier wird Nähe zum Risiko und Kommunikation zur Zerreißprobe.
Der Unterschied zwischen Zuflucht und Flucht
Halt sucht die Protagonistin schließlich in der Berliner Nacht, in der Stammkneipe, wo eine gute Freundin arbeitet. Doch der vermeintlich sichere Ort trägt gleichzeitig einen bitteren Beigeschmack: Der sichere Hafen der Gemeinschaft ist auch ein Schlupfloch, um sich in Alkohol zu flüchten. Die Berliner Schauplätze wie Friedrichshain, die Warschauer Straße und die "Dachkammer" unweit des Boxhagener Platzes beschreibt Ekaterina Feuereisen dabei so lebendig, dass auch hier die Unterscheidung von Realität und Fiktion verschwimmt.
"Inventur der Erinnerungen" ist Ekaterina Feuereisens poetisch-düsteres Debüt über psychische Krankheit, familiäre Prägung und den Weg zur Selbstfürsorge. Wer ihr auf Social Media folgt, erkennt nicht nur zwischen den Zeilen ihre Haltung wieder: die Überzeugung, dass Alkoholmissbrauch ein destruktiver Regulationsprozess ist, der durch neue Muster ersetzt werden kann – aber dass es hierfür wohlwollende Impulse braucht.
Ekaterina Feuereisen: Inventur der Erinnerungen. Roman. 256 Seiten. Haymon Verlag. Innsbruck 2025. Gebundene Ausgabe: 23,90 € (ISBN 978-3-7099-8221-1). E-Book: 18,99 €
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