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Kunstgeschichte
Queer & global: Wie ein soziales Netzwerk aus dem letzten Jahrhundert zum Kulturerbe wird
Der Katalog zur Düsseldorfer Schau "Queere Moderne" rekonstruiert ein weitverzweigtes queeres Beziehungsgeflecht in der Kunstszene des frühen 20. Jahrhunderts – eines, das die Kunstgeschichte weltweit veränderte.

Queere Moderne: Gluck, Bank Holiday Monday, ca. 1937, Öl auf Leinwand, 23,7 × 18,7 cm' Privatsammlung, Courtesy of The Fine Art Society Ltd © VG Bild-Kunst, Bonn 2025
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12. Oktober 2025, 08:24h 6 Min.
Wer ist mit wem und auf welche Weise verbandelt? Ein Clou der TV-Serie "The L-Word" ist das aus Namen und Verbindungslinien bestehende Diagramm "The Chart", das unter den Fans der Show längst ikonisch geworden ist. Es erscheint auf den ersten Blick wie ein dekonstruierter Stammbaum, der das komplexe Beziehungsgeflecht der lesbischen Szene von Los Angeles digital visualisiert – und zugleich die subversive Energie erahnen lässt, die aus einer solchen Community erwachsen kann.
Gut möglich, dass sich das Kreativteam der Serie von einer Anekdote Truman Capotes inspirieren ließ, die er in seinem letzten Romanfragment "Erhörte Gebete" überliefert. Capote erzählt davon, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris das Atelier der Malerin Romaine Brooks betritt und angesichts der monumentalen Porträts queerer Frauen vor Ehrfurcht erstarrt: "Es war die ultimative Galerie aller berühmten Lesben von 1880 bis 1935, wie ein internationaler Reigen von Menschen, die miteinander Affären hatten." Ihm sei das, so Capote weiter, "unvergesslich geblieben, dieser Augenblick, dieser Raum, diese Phalanx von kessen Vätern" ("this array of butch-babes").
Zumindest die Biografin Diana Souhami, die sich in ihrer Arbeit vor allem der Geschichte lesbischer Künstlerinnen im 20. Jahrhundert widmet, ließ sich von Capotes Ergriffenheit anstecken. In ihrem Beitrag "Lesben und Moderne" des soeben erschienenen Katalogs (Amazon-Affiliate-Link ) zur aktuellen Düsseldorfer Ausstellung "Queere Moderne" greift sie das Zitat auf und rekonstruiert auf Grundlage umfangreicher Recherchen das Panorama einer Pariser Community, deren Mitglieder einander im Leben und in der Kunst unterstützen und befruchten. Und das zu einer Zeit, in der Queerness auch in der als relativ freizügig geltenden französischen Metropole alles andere als selbstverständlich war.
Lesbische Frauen aus aller Welt zieht es nach Paris

Der zweisprachige Katalog zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag erschienen
Kristallisationspunkte dieser "Queeren Moderne" sind die Literatur- und Kunstsalons der Dichterinnen Natalie Barney und Gertrude Stein ebenso wie die legendäre Buchhandlung "Shakespeare and Company" von Adrienne Monnier und Sylvia Beach. Zwar fokussieren sich die Aktivitäten der Frauen vor allem auf das Paris der Zwischenkriegszeit, doch die entstehenden Netzwerke reichen zeitlich, räumlich und kulturell weit über das Modell hinaus, das mehr als ein halbes Jahrhundert später in der Fiktion von "The L-Word" entworfen wird.
Souhami zufolge zieht es vor dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche lesbische Frauen aus aller Welt nach Paris, viele von ihnen kommen aus den Vereinigten Staaten – Frauen wie Gertrude Stein und ihre spätere Lebensgefährtin Alice B. Toklas, die sich im Pariser Milieu der Kreativen organisieren und zu zentralen Figuren einer "Queeren Moderne" werden.
Schon damals offenbarten sich innerhalb dieser Subkulturen äußerst progressive und erstaunlich vielfältige Ansichten über Geschlecht, Sprache und Identität. Claude Cahun, aus einer jüdisch-französischen Familie in Nantes stammend, kam etwa zu dem Schluss, das Neutrum sei "das einzige Geschlecht, das mir entspricht". Und die in Schottland geborene Ethel Walker wollte nicht als "Künstlerin" gelten, weil es ihrer Ansicht nach gar keine Künstlerinnen gab: "Es gibt nur zwei Arten von Künstlern – schlechte und gute."
Der weite Einflussbereich der "Queeren Moderne"
Während Souhami den Fokus auf die Netzwerke kreativer Lesben legt, erweitert die Kunsthistorikerin Tirza True Latimer in ihrem Beitrag "Exzentrische Studien" den Blick um einen Zirkel schwuler Künstler, der sich wiederum um Gertrude Stein scharte und von ihr als Wahlfamilie betrachtet wurde. So entstand ein "genealogisches Netz", das mit Hilfe der Porträtkunst besiegelt wurde. Diese von der Gesellschaft als exzentrisch wahrgenommen Mitglieder standen "nicht nur in sozialer, sondern auch in künstlerischer Hinsicht in Beziehung zueinander" und trugen Latimer zufolge maßgeblich "zur Entwicklung von Kunst und Kultur der Avantgarde in Europa und auf der anderen Seite des Atlantiks bei".

Queere Kunst aus Schweden: Nils Dardel, Den döende dandyn (The Dying Dandy), 1918, Öl auf Leinwand, 140 × 180 cm (ungerahmt), 163,8 x 204 x 5 cm (gerahmt), Moderna Museet, Stockholm
So entwickeln sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen Berlin, London, New York und Paris transnationale wie auch transatlantische Verbindungen. Doch der Einflussbereich der "Queeren Moderne" reichte bis weit in den Osten. Selbst die homoerotischen Zeichnungen und Filmmotive Sergej Eisensteins dürften von einer Begegnung mit Jean Cocteau inspiriert gewesen sein, den der russische Künstler bei einer Reise nach Paris kennenlernte.
Cocteau zählt neben Stein zu den Schlüsselfiguren des frühen 20. Jahrhunderts. Beide leben ihren Alltag ebenso wie ihre gleichgeschlechtlichen Partnerschaften als performativen Teil ihrer Kunst – bei Stein und Toklas wird das Private zum komponierten Dialog, bei Cocteau und Marais zur inszenierten Symbiose aus Leben, Liebe und Bühne.
Während in der "Queeren Moderne" gleichgeschlechtliches Begehren aufgrund gesellschaftlicher Tabus noch immer verschlüsselt wurde – meist durch mythologische Motive, symbolische Bildsprache und ästhetische Codes -, wagte es Jean Cocteau in seinen Matrosenzeichnungen als einer der ersten, expliziten Sex zwischen Männern zu zeigen, die einander auf Augenhöhe begegnen – im Gegensatz zu antiken Darstellungen, in denen Sexualität vor allem Machtverhältnisse spiegelte.
Thomas Mann und die nackten Jünglinge
Zu den zentralen Werken der Düsseldorfer Ausstellung, die sich allesamt im Katalog wiederfinden, zählt Ludwig von Hoffmanns von der Antike inspiriertes Gemälde dreier Jünglinge, das kurz nach Entstehung 1913 von Thomas Mann erworben wurde. Es gehörte, wie es in einem knappen Hinweis heißt, zur Ausstattung des Arbeitszimmers von Thomas Mann und bekam in jeder neuen Bleibe eine Schlüsselposition im Salon oder Arbeitszimmer.

Thomas Manns Jünglinge: Im Spannungsfeld zwischen Idealisierung und Selbstkontrolle. Ludwig von Hofmann, Die Quelle, 1913, Öl auf Leinwand, 75 × 92 cm, ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv (Foto: Stephan Bösch)
In diesem Zusammenhang wäre es interessant gewesen, die Bedeutung dieses Gemäldes für Thomas Mann als Betrachter genauer zu beleuchten – als homosexueller Mann, der einerseits sein eigenes Begehren verleugnete, andererseits jedoch von den nackten Jünglingen fasziniert war und im Spannungsfeld zwischen Idealisierung und Selbstkontrolle gefangen blieb.
Der Kunsthistoriker Jonathan D. Katz zeichnet in seinem Beitrag "Die verdrängte Ähnlichkeit" ein widersprüchliches Bild gleichgeschlechtlicher Sexualität. Zu Beginn beschreibt er die Gemeinsamkeiten zwischen künstlerischer Moderne und Homosexualität als Ausdruck einer "bewussten Abkehr von der Tradition" und einer "selbstgewählten Zugehörigkeit zu einer Subkultur" mit einer "elitären Ästhetik". Diese Sichtweise dürfte zumindest umstritten sein – nicht nur im historischen Kontext, auf den Katz später selbst verweist. So erinnert er an die Emanzipationsbewegung rund um Karl-Heinz Ulrichs, der homosexuelles Begehren als angeboren verstand und jede Vorstellung einer bewussten Wahl zurückgewiesen hätte. Auch aus heutiger Sicht bleibt Katz' Passage missverständlich – vermutlich ist mit der "bewussten Wahl" eher die Entscheidung in künstlerischen Milieus gemeint, dem eigenen homosexuellen Begehren in kodierter Form Ausdruck zu verleihen.
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Eine neue Sichtweise auf die Moderne eröffnet
Ein weiterer Widerspruch zeigt sich an anderer Stelle: Katz schreibt, Definitionsfragen um Homosexualität seien "vor allem im europäischen und US-amerikanischen kulturellen Kontext von Bedeutung", während "in vielen anderen Teilen der Welt gleichgeschlechtliches Begehren ein akzeptierter, oft sogar gefeierter Teil der menschlichen Sexualität" gewesen sei. Er verweist auf Traditionen in muslimischen Ländern, in denen "wohlhabende Männer" Verhältnisse mit "in weiblichen Künsten des Singens, Tanzens und Verführens geschulten Jungen" eingingen – eine laut Katz "reiche Tradition", die er am Ende hinsichtlich ihrer Bedeutung für die homosexuelle Emanzipation dann doch relativiert: Nach lokaler Definition handelte es sich dabei nicht um gleichgeschlechtliche Sexualität, da die Jungen nicht als maskulin betrachtet wurden – ganz zu schweigen vom Machtgefälle der Beziehungsform.
Doch von solchen Irritationen abgesehen, verdeutlichen die Katalogbeiträge – die neben den genannten Themen Surrealismus, Abstraktion und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus umreißen – vor allem die zentrale Rolle der netzwerkartigen Verbindungen der "Queeren Moderne". So zeichnet sich eine Genealogie ab, die nicht nur eine alternative Sichtweise auf die Moderne eröffnet, sondern auch das Fundament eines bis heute wirkenden immateriellen Kulturerbes freilegt – und damit den Ausgangspunkt für weitere Forschungen bildet.
Susanne Gaensheimer, Anke Kempkes, Isabelle Malz (Hrsg.): Queere Moderne – Queer Modernism. 1900-1950. Beiträge von J.D. Katz, A. Kempkes, I. Malz, I. Tondre, T. True Latimer, D. Souhami. Text: Deutsch / Englisch. 304 Seiten. 218 Abbildungen. Hirmer Verlag. München 2025. Gebundene Ausgabe: 49,90 € (ISBN 978-3-7774-4588-5)
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