https://queer.de/?55404
Buchkritik
Eine egoistische trans Mutter aus der Klischeekiste
Der neue Roman "Die Nahtstelle der Dinge" von Louisa Linde ist in vielen Punkten ärgerlich. Die einseitige und platte Darstellung der trans Frau Ruth spielt diskriminierenden Vorstellungen in die Hände.

Louisa Linde wurde in Frankfurt am Main geboren. Sie hat einen Bachelor in Nordamerikanischer- und Ostasiatischer Geschichte sowie Germanistik. Ihren Masterabschluss absolvierte sie in Historischer Anthropologie, Schwerpunkt Körpergeschichte und Schmerz (Bild: Trabanten Verlag)
- Von
13. Oktober 2025, 08:25h 7 Min.
"Die Nahtstelle der Dinge", diesen September erschienen, ist der zweite Teil der Trilogie "Mythos" von Louisa Linde (wobei das Buch auch gut alleinstehend gelesen werden kann, ohne den vorherigen Roman zu kennen). In dem Roman begleiten wir Elina, eine sensible junge Frau, die viel Verantwortung, aber auch viele Geschichten in sich trägt, und die "als Kind so gerne mit den Göttern gesprochen hat".
In unserer Realität würde aus Elina vielleicht eine große Schriftstellerin werden, aber in der Realität von "Die Nahtstelle der Dinge" ist ihr dieser Weg verbaut. Eine autoritäre Regierung, Räuber-Banden und brutale klimatische Umschwünge zwingen sie dazu, um ihr Überleben zu kämpfen. Zusammen mit ihrer Mutter Ruth und ihrem kleinen, stillen Bruder Elvin schlägt sie sich geradeso durch mit reparierten Fahrrädern, viel zu geringen Lebensmittelrationen und gestohlenen Hühnern, lebend in einer unbeheizten Gartenhütte am Großstadtrand.
Elinas kleine Familieneinheit stellt den Dreh- und Angelpunkt der Erzählung dar, denn nachdem Ruth verschwindet, hängt es an Elina, sich um ihren Bruder zu kümmern. Nachts erzählt sie ihm Geschichten von vergangenen Zeiten, großen Kriegern und Opfern, doch sie kann sich kaum selbst vorstellen, einmal ebenso mutig zu sein wie die Figuren in ihren Geschichten.
Die letzten Ersparnisse für eine geschlechtsangleichende OP

Der Roman "Die Nahtstelle der Dinge" ist im September 2025 im Trabanten Verlag erschienen
Der Grund für Ruths Verschwinden liegt in ihrer Hoffnung auf eine Vaginoplastie, denn Ruth ist transweiblich. Ich mag Erzählungen mit trans Elternteilen sehr und war gespannt, wie Linde diese Dynamik handhabt. Was der Roman in Teilen darstellt, könnte man als authentisches Porträt einer Tochter lesen, die mit der Transition eines Elternteils ringt. Sicher werden sich Menschen darin wiederfinden. Zumindest cis Menschen. "Ich werde mich umoperieren lassen", fällt in der Streitszene zwischen Ruth und Elina, in der Ruth die letzten Ersparnisse der Familie ausgeben will, um endlich "eine richtige Frau" zu werden, wie ihr in den Mund gelegt wird.
Diese Szene fand ich so lächerlich und klischeebelastet, dass ich es kaum geschafft habe, sie zu lesen. Die Darstellung von Ruth als egoistisch, weltfremd und materialistisch hat mich sehr an das vielkritisierte cis Märchen "The Danish Girl" erinnert. Wie so oft möchte ich betonen, dass es schlechte trans Eltern wie auch schlechte cis Eltern gibt, und dass man selbstverständlich auch trans Menschen in kritischem Licht darstellen kann, genauso wie cis Menschen. Aber wenn diese Darstellung von trans Menschen so einseitig und platt ist, spielt das diskriminierenden Vorstellungen in die Hände. Zu einfach ist es, das Buch aus der Hand zu legen und sich zu denken: Ja, so sind sie alle, und endlich sagt's mal jemand.
Ruths Transidentität wird psychologisiert
Später haben wir dann das Unvergnügen, eine Weile Zeit im Kopf von Ruth zu verbringen, und dürfen Sachen lesen wie: "Wenn du mich nicht so akzeptierst, werde ich mich umbringen. Willst du das? (…) Willst du verantwortlich sein, dass ich niemals glücklich bin?" Aus was für einem tiefen Unverständnis oder furchtbaren eigenen Erfahrungen mit einer trans Person diese Worte entstanden sind, will ich mir gar nicht ausmalen. Ruth bleibt unter-komplex, ihre Transidentität wird psychologisiert. Das Feingefühl, eine alkoholkranke, zerrissene, aber auch resistente und fröhliche Figur wie Ruth (die noch dazu in allen Werbematerialien sowie im Klappentext als "Vater" misgendert wird) mit Verständnis oder sogar mit Solidarität zu erzählen, lässt sich im Roman nicht finden. Ich bin müde angesichts dieser Klischees und habe auch eigentlich gar keine Lust, in die Position zu kommen, hier zur Sprachpolizei zu werden, anstelle mich mit den interessanteren Dynamiken des Romans auseinanderzusetzen.
Da wäre zum Beispiel die Beziehung zwischen Elina und ihrem Freund János, ein Kern in der Geschichte. János gelingt es irgendwie immer wieder, kleine Kostbarkeiten für Elina aufzutreiben, und die beiden treffen sich heimlich in verlassenen Villen und wilden Ruinen. Trotz aller Dystopie blüht ihre junge Liebe, scheitert jedoch des Öfteren an Elinas Verschlossenheit. Die Beziehung zwischen den beiden ist spannungsgeladen und realistisch, manchmal schmerzhaft. Vor allem nimmt sie die Scham und Lust der jungen Protagonistin sehr ernst, was ich schätze.
Der Roman erinnert an ein komplett unredigiertes Tagebuch
Mit dem Schreibstil Lindes wurde ich leider auch über die rund 280 Seiten nie ganz warm. Manchmal gelingen der Autorin beeindruckende, gleichzeitig eindrückliche und unheimliche Bilder. ("Ich taste mich an den Bruder heran, als wäre er ein wildes Tier, das behutsam an einen Käfig gewöhnt werden muss" oder "Wenn ich ihn sehe, ist es wie vor einer liebevollen Mauer zu stehen"). Meistens aber ist die Erzählstimme damit beschäftigt, das Geschehen Minute für Minute zu schildern, was auf Dauer wirklich anstrengend wird und dem eigentlich angenehm langsamen Plot keinen Platz zum Atmen lässt: " 'János war da, als du geschlafen hast.' János? János war hier? Wo ist er jetzt? Ist er hier? Schnell suche ich den Raum ab. Steht er in der Ecke und ich kann ihn nur nicht sehen? Schnell versuche ich mich aufzurichten, doch rutsche weg. János?"
Ständige Wiederholungen, Ausrufe und seitenlange Betonungen, wie schlecht es Elina geht, leiten einem in den anstrengendsten Kapiteln zu dem Gefühl, man würde ein komplett unredigiertes Tagebuch lesen. Anstelle als empathisch, mutig und sensibel nimmt man die Hauptfigur irgendwann eher als flach und nervig war, egal wie gerechtfertigt ihre Erschöpfung und Verzweiflung angesichts ihres harten Lebens sind.
Elvin und János hingegen empfand ich als sehr gut erzählte Figuren, was vielleicht aber auch damit begründet, dass ich nicht gezwungen war, ihrem konstanten inneren Monolog zuzuhören. Auch die Formulierungen der 19-Jährigen wirken manchmal altbacken und passen wenig in die Welt einer Teenagerin in der Mitte des 21. Jahrhunderts ("Von dem neuen Mädchen aus dem Süden, habe ich dir schon von ihr erzählt? (…) So ein lustiges Ding. Und wirklich schlau!"). Sie tragen zum Gefühl bei, dass diese Zukunftsvision in den Schattierungen des frühen 20. Jahrhunderts erzählt wird und wenig neue Ideen entwickelt.
Das romantisierte Naturbild des Romans nervt
Modernere dystopische Tropen spielen weniger eine Rolle. Man ist zurückgeworfen auf die bare menschliche Existenz, Hunger, Müdigkeit, Liebe, was ja auch mit unter gut funktioniert. Weiterhin ist die vom Klimawandel zerrütte Welt von Geister-Gerüchten und kleinen Monstern geprägt, die im Hintergarten in Kisten wohnen. Diese Magische-Realismus-Momente lassen sich einerseits als fantastisches Element lesen, andererseits aber auch als Auswüchse von Elinas psychisch kranken, zunehmend überfordernden Geistes, und sie bleiben größtenteils faszinierend in ihrer psychologischen Ambiguität. Eine gute Entscheidung waren die kurzen Kapitel, die wie die Szenen eines dramatischen Filmes angeordnet sind und ein starkes Gefühl Lindes für erzählerischen Rhythmus beweisen.
Das reichte allerdings nicht aus, um zu verhindern, dass mir das romantisierte, vermenschlichende Naturbild des Romans, kombiniert mit dem allgemeinen Misstrauen in die Menschheit, irgendwann nur noch auf den Geist ging. Natürlich braucht es in einem solchen Narrativ kein Zusammenarbeiten und langsam zehrendes, allgemein-gesellschaftliches Sich-Organisieren und Hoffnung schöpfen, sondern "ein großes Opfer" von einer Einzelperson, Elina, um die Welt zu retten. Am Ende ist dieses Opfer eine Art Suizid, den sie mit den Mythen und fantastischen Geschichten in Verbindung bringt, die ihr immer wieder durch den Kopf gehen. Alles in allem fand ich das recht eigenartig, und für das große damit verbundene Drama wenig packend.
Ich möchte die vorsichtige, auf persönliche Beziehungen aufgebaute und sehr gefühlsbasierte Erzählung mögen. Aber der unausgereifte Stil, der psychologische Tiefe suggeriert, die die Figuren aber einfach nicht hergeben, machen mir das sehr schwer. Das Porträt der leidenden jungen Frau mag realistisch sein, leider ist es auch so herzzerreißend melodramatisch, dass es albern und für mich zu einer sehr frustrierenden Lese-Erfahrung wird. Aber: Für wen hier angesprochene Elemente interessant klingen, sei es die junge Protagonistin, der reiche Mythenschatz, der die Geschichte durchzieht, oder die engen Verstrickungen des Figurenkonstrukts – dann empfehle ich auf jeden Fall, das Buch selbst zur Hand zu nehmen und sich ein eigenes Bild zu machen.
Louisa Linde: Die Nahtstelle der Dinge. Roman. 200 Seiten. Trabanten Verlag. Berlin 2025. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-98697-111-3)
Links zum Thema:
» Der Roman "Die Nahtstelle der Dinge" bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.















