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Heimlich schwul im US-Militär

"Boots": Queere Dramödie und Propagandafilm zugleich

In der neuen Netflix-Serie "Boots" beschließt ein junger Schwuler aus einer Laune heraus, seinem besten hetero Freund in die super-harte Ausbildung als Marine zu folgen. Wo Leute wie er jedoch eigentlich unerwünscht sind.


Heimlich schwul im US-Militär: Miles Heizer als Cameron Cope in "Boots" (Bild: Netflix)

"Boots" spielt 1990 – also drei Jahre bevor die Clinton-Administration mit "Don't ask, don't tell" ein Gesetz verabschiedete, das es Schwulen und Lesben erstmals offiziell erlaubte, in der US-Armee zu dienen, solange sie ihre sexuellen Neigungen für sich behielten. Zuvor wurden sie jeweils umgehend entlassen, wenn sie aufflogen. Erst seit 2011 dürfen sie offen mit ihrer Sexualität umgehen.

Selbst die aggressiv queerfeindliche Trump-Administration scheint diese Regelung bisher nicht in Frage zu stellen – auch wenn der aktuelle Verteidigungsminister, neu Kriegsminister genannt, weder viel von Schwulen noch von Frauen im Militär hält. Der Furor trifft dennoch primär trans Menschen, die nach einigem Hin und Her seit diesem Jahr nun wieder unerwünscht sind (nicht nur in der Armee, sondern auch in den USA insgesamt, wie es manchmal scheint…).

Brüllende uniformierte Ober-Machos

Was heute für trans Menschen gilt, galt zur Zeit von "Boots" für Schwule: Wenn sie ins US-Militär wollten, mussten sie einen zentralen Teil ihrer Existenz verstecken. Dass sich der junge Cameron (Miles Heizer) dennoch dafür entscheidet, liegt daran, dass er gerade zutiefst unzufrieden ist mit seinem Leben: In der Schule ist er regelmäßig Opfer von Bullys, zu seiner Familie hat er ein eher distanziertes Verhältnis, und der Einzige, der weiß, dass er schwul ist, ist sein bester hetero Freund Ray (Liam Oh). Für Cameron ist klar: Es muss sich etwas ändern – und zwar richtig!

Als Ray Cameron vorschlägt, gemeinsam mit ihm die Ausbildung zum US-Marine zu absolvieren, sagt er aus einer Laune heraus zu, ohne sich um die Konsequenzen allzu große Gedanken zu machen. Der erste Tag im Boot-Camp, an dem er pausenlos von aggressiven uniformierten Ober-Machos angebrüllt wird und seinen Kopf komplett kahlgeschoren bekommt, löst dann aber doch erhebliche Zweifel aus, ob er hier am richtigen Ort ist. Und all die harten sportlichen Herausforderungen haben da noch nicht mal begonnen.

Geteiltes Leid schweißt zusammen


Poster zur Serie: Alle acht Folgen von "Boots" können seit 9. Oktober 2025 auf Netflix gestreamt werden

Doch schnell realisiert er, dass viele andere Rekruten im Camp ebenfalls ihre Bürden zu tragen haben: Sein halbasiatischer Freund Ray wird von einem der Ausbildner pausenlos rassistisch beleidigt, ein anderer kann weder lesen noch schreiben, ein weiterer wird wegen seines Übergewichts verspottet. Cameron erlebt aber auch, wie geteiltes Leid zusammenschweißt, wie das Überwinden eines scheinbar unüberwindlichen Hindernisses das eigene Selbstbewusstsein stärkt. Nur etwas darf bei all dem keinesfalls je rauskommen: dass er auf Männer steht. Was noch etwas schwieriger wird, als seiner Gruppe ein neuer, ziemlich attraktiver Rekrut zugeteilt wird, der ebenfalls schwul ist.

Ein ähnliches Problem hat auch der Elite-Marine Sullivan (Max Parker), der zu den Ausbildern der neuen Rekruten gehört und sie besonders gnadenlos drannimmt. Er transferierte kürzlich vom US-Außenposten Guam, wo aktuell eine Untersuchung gegen einen Offizier läuft, der verdächtigt wird, schwul zu sein – eine Untersuchung, in die Sullivan mit reingezogen werden könnte.

Gleichzeitig scheint der Ausbilder auch der einzige zu sein, der ahnt, dass Cameron schwul ist. Zu Beginn behandelt er ihn deshalb wohl speziell hart, doch als er realisiert, dass Cameron sich dadurch nicht abschrecken lässt, beginnt er, ihn unauffällig zu unterstützen.

Verschworene Gemeinschaft mit glorreicher Mission

"Boots" ist durchaus unterhaltsam, aber auch eine etwas seltsame Mischung aus Komödie, Drama und Propagandafilm für die Segnungen der US-Marines, deren Härte, Werte und Patriotismus noch aus jedem einen echten Mann machen, wenn er nur die richtigen Lektionen verinnerlicht. Die Serie lässt zwar klar durchblicken, dass sie den damaligen Umgang mit Schwulen falsch findet, und zeigt, dass es auch Rekruten gibt, die an der Härte der Ausbildung zerbrechen.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Serie
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Aber letztlich haben all die brüllenden Ausbildner das Herz eben doch am richtigen Fleck und wollen nur das Beste für ihre Schützlinge und die Nation. Problematische Leute, etwa der Rassist, der Ray das Leben schwer macht, werden dann schon ausgesiebt. Und am Ende der Mühsal sind alle persönlichen Schwächen überwunden, man ist Teil einer verschworenen Gemeinschaft und hat eine glorreiche Mission, nämlich das Land vor seinen Feinden zu schützen.

Für das europäische Publikum, das zur Armee meist ein etwas distanzierteres Verhältnis hat und generell weniger patriotisch drauf ist, dürften die unterschwelligen Botschaften von "Boots" teilweise schwer zu schlucken sein. Umso mehr als das US-Militär in den letzten Jahrzehnten eine eher zweifelhafte Bilanz hat und vom aktuellen Regime gerade mental für den Einsatz gegenüber dem "inneren Feind" vorbereitet wird.

Memoiren eines schwulen Marine

Die neue Serie basiert lose auf den Memoiren "The Pink Marine" von Greg Cope White; dieser absolvierte 1979 unter ähnlichen Umständen seine Ausbildung zum Marine und diente am Ende sechs Jahre, bis er die Armee freiwillig (also unenttarnt) verließ und sich als Drehbuchautor etablierte. Er war auch bei "Boots" involviert und hofft auf eine zweite Staffel.

Wohin die Reise gehen könnte, wird am Ende der ersten Staffel angedeutet, denn noch während die frisch gebackenen Marines feiern, überfällt der Irak seinen Nachbarn Kuwait, und Präsident Bush kündigt im Fernsehen an, dass die USA Truppen in die Region senden werden. Es könnte also schon bald ernst werden für Cameron, Ray und ihre neuen Freunde. Außerdem droht Cameron die stete Gefahr, doch noch aufzufliegen – und seine hart erarbeitete Mitgliedschaft in der verschworenen Gemeinschaft abrupt zu verlieren.

Galerie:
Boots – Neue Standbilder
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