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Kinostart

Rosa von Praunheims Nachbarin, die Domina

Die Domina Lady MacLaine lebt im selben Mietshaus wie Kult-Regisseur Rosa von Praunheim. Also dreht er einen Film über sie. "30 Jahre an der Peitsche" ist ein faszinierendes Porträt, das mit den Sexwork-Klischees wenig zu tun hat.


Szene aus "30 Jahre an der Peitsche" (Bild: missingFILMs)

Quälen, foltern, schlagen, manchmal auch ein bisschen streicheln, "aber das kommt sehr selten vor": So beschreibt Lady MacLaine ihren Beruf. Sie ist Domina. "In diesem Haus haben Menschen geweint, gelitten, geblutet."

Und hier lebt der schwule Kult-Regisseur Rosa von Praunheim. Er und Tina, wie sie bürgerlich heißt, sind Nachbar*innen. Und weil die besten Geschichten oft vor der eigenen Haustüre liegen, dreht er einen Film über sie, die 30 Jahre lang als Domina gearbeitet hat.

Nein, jemanden zu quälen macht ihr keinen Spaß

Domina, BDSM, ein eigenes Studio: Das klingt nach Lustschreien, nach ausgefeilten Lederkostümen, intensiver Sexualität, ein bisschen verrucht und doch sexy. Doch mit dieser Illusion bricht "30 Jahre an der Peitsche" sofort.

Macht es ihr denn Spaß zu quälen? Nein, überhaupt nicht, sagt sie, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen. Mit ihrer privaten Sexualität habe das gar nichts zu tun, stellt Tina klar. Diese jahrzehntelange Arbeit sei einfach so passiert.

BDSM als Mittel, um Liebe zu bekommen


Poster zum Film: "30 Jahre an der Peitsche" feiert Kinostartpremiere am 16. Oktober 2025 um 20 Uhr im Berliner Moviemento

Vielleicht, mutmaßt sie, habe sie ihren bürgerlichen Eltern eins auswischen wollen. Von ihnen habe sie nur Ablehnung und Kälte erfahren. Als Teenager, der kurz vor dem Abi von zu Hause ausgezogen ist, hat sie schnell gemerkt: Aufmerksamkeit von Männern bekommt sie vor allem, indem sie mit ihnen schläft.

Sie beginnt zu kellnern und kommt mit Meinhard zusammen, einem Mann, der sich in der West-Berliner Halbwelt zu Hause fühlt. Über ihn taucht sie in die Fetischwelt ein. Sie findet das alles zwar "schrecklich und gruselig", aber so kann sie immerhin mit ihm zusammen sein, kann die Liebe bekommen, die ihr so fehlt.

Tina zockt jede Nacht

Meinhard zeigt ihr nicht nur, was Nippelklemmen und Zwangsjacken sind. Er bringt sie auch an den Roulettetisch. Tina zockt jeden Abend in einem zwielichtigen Keller, wird schließlich spielsüchtig, verliert später in einer Nacht 30.000 Mark. Eins kommt zum andern: Bald schaltet sie ihre erste Annonce, in der sie für ihre Domina-Dienste wirbt.

Der unermüdliche Filmemacher verleiht auch "30 Jahre an der Peitsche" seine unverwechselbare Handschrift: Als Basis für den Film dient ein lockeres Interview mit seiner Nachbarin, die längste Zeit aber füllen Szenen, die das Leben der Domina nachspielen.

Tina kann dem Herrin-Sklave-Spiel wenig abgewinnen

Da steht dann tatsächlich ein Stück altes West-Berlin wieder auf: Die Wohnungen und Kneipen müffeln nach der Zeit der Ofenheizungen. Die Reenactments (Katja Inga Baldowski als Domina und León Schröder als Meinhard) versuchen gar nicht erst, ihren Low-Budget-Charakter zu verstecken: Da raschelt der Ton mal heftig, da sind manche Szenen viel lauter als andere, die Dialoge sind auch eher grob als fein geschrieben, und das Spiel zeigt deutlich: Hier wird gespielt, ohne nach Nuancen zu suchen. Dass Tina dem ganzen Herrin-Sklave-Getue wenig abgewinnen kann, wird hier überdeutlich.

Doch es funktioniert – nicht nur, aber sicher auch, weil Rosa von Praunheim draufsteht. Vor allem aber, weil Lady MacLaine eine faszinierende Person ist – ganz weit weg von den gängigen Sexarbeits-Klischees, die für den Job oft nur die Pole Zwangsprostitution oder romantisierte Berufung kennen.

"Oh, ein Harnröhrenvibrator!"

Tina hat vor knapp zehn Jahren – im Alter von 62 Jahren – aufgehört, als Domina zu arbeiten. Sie hat dem Beruf, aber auch ihrer Schwester und nicht zuletzt einem ordentlichen Erbe, viel zu verdanken. In all den Jahren hat sie mehrere Dominas ausgebildet, darauf ist sie sichtlich stolz. Am Ende des Films besucht sie eine Kollegin, die ihr begeistert ihre Spielräume zeigt. "Oh, ein Harnröhrenvibrator!", jauchzt Tina fröhlich.

Und doch: "30 Jahre an der Peitsche" konzentriert sich auf ihre Spielsucht und die versoffenen Nächte. Außerdem wird deutlich, dass Tina an dieser Form der Sexualität gar nicht viel Interesse hat. Lustvoll oder sexy ist an dem Dokudrama, trotz des Themas, daher wenig.

Infos zum Film

30 Jahre an der Peitsche. Dokufiction. Deutschland 2024. Regie: Rosa von Praunheim. Cast/Mitwirkende: LadyMacLaine/Tina Spahr, Katja Inga Baldowski, León Schröder, Angela von Raden, Rosa von Praunheim. Laufzeit: 89 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 16. Oktober 2025
Galerie:
30 Jahre an der Peitsche
5 Bilder
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