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Ausstellungs-Tipp
Sie setzte auch queere Menschen ins rechte Licht
Die große Diane-Arbus-Werkschau "Konstellationen" im Berliner Gropius Bau mit 454 Schwarz-Weiß-Fotos ist eine einmalige Gelegenheit, die ausdrucksstarken Porträts der US-Fotografin zu sehen.

Selbstporträt von Diane Arbus aus dem Jahr 1959 (© The Estate of Diane Arbus, Image courtesy Diane Arbus Archive, The Metropolitan Museum of Art, New York)
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18. Oktober 2025, 13:55h 5 Min.
"Ich würde gerne alle Menschen fotografieren", schrieb die US-amerikanische Fotografin Diane Arbus an den Künstler Marvin Israel, mit dem sie lange eng verbunden war und der sie wesentlich in ihrer Karriere als Fotografin unterstützte. Sie hat in den 1950er und 1960er Jahren vor allem die Menschen fotografiert, die sonst eher übersehen wurden. Also Menschen, bei denen es gern heißt, sie würden am Rand der Gesellschaft leben.
Weil Arbus aber am liebsten alle Menschen vor die Kameralinse bekommen wollte, kamen schließlich auch die hinzu, die als Künstler*innen ohnehin im Rampenlicht standen. Obschon das nicht selten Auftragsarbeiten für Magazine waren. Da tauchen Namen wie Mae West und Joan Crawford, Norman Mailer und Jayne Mansfield bis hin zu Roy Lichtenstein und Jorge Luis Borges auf – eine ziemlich bunte Gesellschaft in Schwarz-Weiß. Das sind auffallend unspektakuläre Aufnahmen, aber gerade deshalb anziehend, weil sie versuchen, anstatt der Fassaden, den Menschen zu zeigen. Anrührend beispielsweise die beiden Schwestern und ehemaligen Stummfilmstars Lillian und Dorothy Gish beim Spaziergang durch den New Yorker Central Park.
Fotografien als Kunstwerke
Diane Arbus, 1923 in New York als Kind russisch-jüdischer Eltern geboren, wurde zu einer der bedeutendsten Fotografinnen im 20. Jahrhundert. Sie verstand sich auf unnachahmliche Weise auf eine fotografische Porträtkunst, die in der Tat die Fotografie in den Rang von Kunstwerken erhob. Sie war die erste US-amerikanische Fotografin, deren Werk 1972 auf der Biennale in Venedig zu sehen war. Deutlicher ließ sich der Kunstanspruch nicht zeigen. Sie selbst hatte diesen Erfolg allerdings nicht mehr erlebt. Im Jahr zuvor nahm sie sich das Leben. Leider hat sie überhaupt erst der Nachruhm so groß gemacht.
Ihre Porträtaufnahmen sind längst in die Erste Liga der internationalen Fotokunst aufgenommen, viele darunter von einer geradezu ikonischen Ausstrahlung. Im Berliner Martin Gropius Bau ist bis Mitte Januar 2026 eine Werkschau unter dem Titel "Konstellationen" zu sehen, und zwar genau 454 Schwarz-Weiß-Fotos in unterschiedlichen Formaten – so viele wie noch nie. Berlin ist jetzt die dritte Station nach dem Museum LUMA in Arles und einem Gastspiel in New York.
Es ist eine einmalige Gelegenheit, all diese ausdrucksstarken Porträts zu sehen, die stets wie beiläufig aufgenommen erscheinen, aber doch meistens sehr genau arrangiert wurden. Arbus war fasziniert von der Straßenfotografie, die mit Schnappschüssen arbeitet und mit dem Glück des Augenblicks, aber auch von der Pressefotografie und deren Blitzlichtgewitter. Denn, was beide zufällig und spontan festhielten, war immer als wahr und wirklich beglaubigt. Nichts weniger sollte in ihren Fotografien sichtbar werden – eine ungefilterte Lebenswirklichkeit, etwas Authentisches.
Vielfältiges queeres Leben dokumentiert

Diane Arbus, Two female impersonators backstage, N.Y.C. 1962 (© The Estate of Diane Arbus, Collection Maja Hoffmann / LUMA Foundation)
Ich denke, es gibt in dieser faszinierenden Werkschau kein Foto, das nicht genau diese Maxime verwirklicht. Ob das jenes unspektakuläre Foto von Susan Sontag mit ihrem Sohn David ist, oder ob es jene Debütantin des Jahres 1938 ist, die 28 Jahre später Zuhause in ihrem Bett liegt, das Gesicht seltsam maskenhaft und irgendwie verwittert, in der Hand eine Zigarette haltend und um die Schulter eine weiße Nerzstola gelegt. Eine seltsame, irritierende Scheinwelt wie wir sie auf ganz andere Weise, nämlich fast magisch-surreal, in dem Foto zweier älterer, schwarzgekleideter Damen mit Hut wahrnehmen, die durch den dunstigen Central Park spazieren, links und rechts kahle Bäume und dazwischen lange Schatten. Oder ob es jene trans Frau auf dem Sofa ist, eine ältere Lady, elegant gekleidet im kleinen Schwarzen und geschmückt mit einer Perlenkette.
Eine andere Maxime der Fotografin war der Wunsch, dort hinzugehen, wo sie nie gewesen ist. Also machte sie sich beispielsweise auf den Weg ins Nachtleben, fotografiert Barfrauen und Stripperinnen und ebenso die queere Szene, lernt Nudisten kennen, schaut sich bei Schönheitswettbewerben um und fotografiert Bodybuilder oder Menschen, die in sogenannten Freak-Shows auftraten. Das nächste Mal geht sie zu einem Pfadfindertreffen oder nimmt am jährlichen Picknick der Federation of the Handicapped teil. Ein besonderes Interesse galt Zwillingen.
Eine beeindruckende Abteilung sind auch die zahlreichen Aufnahmen von trans Personen und Travestie-Künstler*innen, die ein vielfältiges queeres Leben dokumentieren und – wenig überraschend – alle in New York aufgenommen wurden. Was nicht zuletzt bestätigt, wie sehr urbane Stadträume ideale Biotope für Subkulturen aller Art ermöglichen.
Fotos als eine Art menschenrechtliches Plädoyer
Arbus hat die Menschen in den Garderoben im Backstage besucht und manchmal auch privat Zuhause. Sie wollte den Fotografierten stets auf Augenhöhe begegnen. Eine Zeitlang benutzte sie eine Kamera, die in Hüfthöhe positioniert war und ihr einen direkten Blickkontakt zu den Fotografierten ermöglichte. Dazu passt eine Äußerung wie diese: "Wenn ich vor etwas stehe, ordne ich nicht das vor mir Befindliche, sondern mich selbst." So gesehen ist sie immer auch unsichtbarer Teil der Fotografien, anwesend durch die Art, wie sie die Menschen sieht und sie buchstäblich ins rechte Licht setzt.

Blick in die Ausstellung (Bild: Rosa Merk / Gropius Bau)
Vielleicht entging sie gerade dadurch der Gefahr, die Fotografierten zu Objekten einer voyeuristischen Beobachtung zu machen. Dass nicht wenige von ihnen Diskriminierungen im Alltag erfuhren, war Arbus natürlich bewusst und umso so wichtiger war es wohl, auf den Fotos selbstbewusste Persönlichkeiten zu präsentieren. Wenn man so will, ist jedes dieser Fotos eine Art menschenrechtliches Plädoyer.
Ausstellung im Gitter-Labyrinth
Eine wichtige Rolle spielte in ihrem Leben die Lehrerin Lisette Model, die selbst Fotografin war und vor allem eine Expertin für Straßenfotografie. Bei ihr lernt sie: "Je spezifischer du bist, desto allgemeingültiger wird es sein." Oder anders gesagt, je konkreter das Gezeigte, desto allgemeiner die Aussage, indem es das Menschsein zur Parabel werden lässt. Wer wissen will, wie das funktioniert, kann das jetzt 454 Mal in der Ausstellung erleben.
Noch ein Wort zur Präsentation selbst, die ganz zu Recht den Titel "Konstellationen" trägt und beim Durchwandern der Ausstellungsräume die Fotos selbst mit einander in Verbindung bringt. Denn der Kurator Matthiew Humery hat sich für ein Gitter-Labyrinth entschieden, daran aufgehängt die schwarzgerahmten Fotos, mit dem Durchblicke möglich werden und so die Fotos in Korrespondenz zueinander bringt. Hinzu kommt, dass es weder eine chronologische noch thematische Sortierung gibt und auch das ermöglicht überraschende Nachbarschaften.
Die Ausstellung "Diane Arbus: Konstellationen" ist noch bis zum 18. Januar 2026 im Gropius Bau (Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin-Mitte) zu sehen
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Gropius Baus
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















