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Musical

"Kinky Boots": Charlie und die queere Stilettofabrik

Ab Ende Oktober geht in Deutschland und der Schweiz eine neue Originalproduktion des queeren Musical-Klassikers "Kinky Boots" auf Tour. Wir waren bei den Proben in London dabei.


Queeres Musical "Kinky Boots": Eindrücke von den Proben in London (Bilder: Axel Krämer)

Was macht die Faszination von High Heels aus? Ganz einfach: Der Sex steckt im Absatz. So lautet zumindest eine der Schlüsselbotschaften in "Kinky Boots". Die Erklärung folgt auf dem Fuß: Um mit den Schenkeln die Balance zu halten, muss die Muskulatur um den Po herum angespannt werden – und das sendet wiederum Signale der Paarungsbereitschaft aus.

Doch um fortpflanzungswillige Heten geht es in dieser Geschichte nicht – sondern um stabile High Heels, die nicht nur Frauen tragen können, sondern starke Persönlichkeiten jeglichen Geschlechts und sexueller Orientierung. Das zumindest ist die zündende Geschäftsidee, die Charlie Price – der Erbe einer maroden Schuhfabrik – mit der glamourösen Dragqueen Lola entwickelt, nachdem sie sich zufällig in London begegnet sind. Und so wird das traditionelle Unternehmen tatsächlich gerettet . Doch zuvor gilt es, eine Menge Widerstände zu überwinden – zwischen ihnen selbst als auch in der Belegschaft, wo die neue Firmenpolitik nicht bei allen auf Wohlwollen stößt.

Inspiriert von einer wahren Geschichte


Steve Patemans Geschichte diente als Vorlage für Kinky Boots (Bild: Axel Krämer)

Das Stück beruht auf der wahren Geschichte Steve Patemans, der die mitten in der Provinz ansässige Schuhfabrik WJ Brooks Ende der 1990er Jahre von seinem Vater übernimmt und sie auf die Herstellung von High Heels für Dragqueens und trans Frauen spezialisiert. Nachdem eine BBC-Dokumentation die Geschichte populär macht, wird er damit auch für kurze Zeit sehr erfolgreich. Im Jahr 2000 muss die 115 Jahre alte Traditionsfirma dann doch schließen, da das Nischenprodukt allein die Fabrik nicht dauerhaft tragen kann. Dennoch hat sich Pateman, der in der Filmproduktion "Kinky Boots" aus dem Jahr 2005 den Namen Charlie erhält, mit seiner Aktion in Großbritannien unwiderruflich einen Namen gemacht – und weit darüber hinaus.

Nur wenige Jahre später nimmt Harvey Fierstein die Filmstory von Charlie und Lola unter seine Fittiche und macht daraus eine Vorlage für die Musical-Produktion "Kinky Boots". Mit Erfolg: Das Stück wird nach der Erstaufführung am Broadway im Jahr 2013 weltweit zu einem Dauerbrenner, im folgenden Jahr erhält Cyndi Lauper für die Musik einen Grammy Award. Auch in Hamburg war es bereits 2017 zu sehen, doch die Nachfrage blieb damals hinter den Erwartungen zurück, und die Produktion wurde nach nur einem Jahr eingestellt. Dabei vermittelt der bekannte schwule Autor und Hollywood-Schauspieler Fierstein in seiner Musicalversion durchaus überzeugend die Perspektive der Dragqueen Lola bzw. ihres Alter Egos Simon – und lässt daraus noch deutlicher als im Film eine Geschichte über Identität, Selbstfindung und Selbstermutigung werden.

Musical kommt nach München, Zürich, Berlin und Oberhausen

Nun gibt es erneut Gelegenheit, sich ein Bild von der Qualität und der Botschaft des Stücks zu machen. Ab Ende Oktober geht sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz eine neue Originalproduktion mit Untertiteln auf Tour. Vom 28. Oktober bis 9. November 2025 ist "Kinky Boots" in München zu erleben (Deutsches Theater), vom 11. bis 23. November 2025 in Zürich (Theater 11), vom 17. Dezember 2025 bis 17. Januar 2026 in Berlin (Admiralspalast) sowie vom 20. Januar bis 1. Februar 2026 in Oberhausen (Metronom Theater).


Die Musical-Tour beginnt am 28. Oktober 2025 in München (Bild: Johan Persson)

In London, wo die Proben stattfinden, wurde die Inszenierung nun im Rahmen einer Pressereise vorgestellt. Auffällig ist dabei die Vielfalt an Körpern und augenscheinlichen Identitäten, in denen sich nach dem Willen des Produktionsteams die ganze Bandbreite des Publikums wiederfinden soll. Neben dem Cast und dem TV-Star Jorge González als deutschem High-Heels-Botschafter (ein ausführliches Interview mit ihm folgt) ist bei den Gesprächsforen auch Steve Pateman mit von der Partie. Gab es denn in seinem Leben, das der Geschichte als Vorbild dient, eine reale Figur wie Lola?

"Es gab viele", sagt Pateman und lacht. "Als ich damals meine Geschichte den Leuten erzählte, die ein Filmscript daraus machen wollten, bemerkten sie irgendwann: Da kommen viel zu viele Leute darin vor. Also verdichteten sie all die Dragqueens und trans Personen, mit denen ich zu tun hatte, zu einem Symbolcharakter namens Lola."

Selbstermächtigung des schwulen Sohnes


Tosh Wanogho-Maud als Lola beziehungsweise Simon (Bild: Axel Krämer)

Die Figur der Lola, beziehungsweise ihres Alter Egos Simon, wird in dieser Produktion von dem britischen Musical- und Theaterschauspieler Tosh Wanogho-Maud mit viel Einfühlungsvermögen dargestellt. "Schon aus persönlicher Sicht kann ich mich sehr gut in Lola hineinversetzen – besonders als schwuler Mann innerhalb der Black Community", so Tosh. "Viele von uns haben schwierige, teils angespannte Beziehungen zu ihren Vätern, weil es eine generationsübergreifende Form von Trauma gibt, die viele von uns mit ihren Vätern verbindet."

Das werde besonders in dem Song "Not my Father's Son" vermittelt – einer der Höhepunkte des Stücks: "Es geht um die verschiedenen Phasen der Trauer, die man bei einer als gescheitert empfundenen Beziehung zu seinem Vater durchläuft: um das, was sie hätte sein können, um das, was sie tatsächlich war und um das, was man sich gewünscht hätte. Eine tiefe Traurigkeit steckt darin, dass man, so wie man ist, auf die eine oder andere Weise seinen Vater enttäuscht. Im nächsten Schritt wird daraus ein Akt der Selbstermächtigung: Ich entscheide mich bewusst dafür, ihn zu enttäuschen – denn wenn ich es nicht täte, müsste ich einen Teil von mir aufgeben. Aber ich will ich selbst sein. Darum muss ich mich im letzten Schritt selbst akzeptieren."

Wenn High Heels zu einem Manifest werden

Doch so herausfordernd diese Facette auch klingt, geht es in 'Kinky Boots' letztlich um das Erlangen von Selbstvertrauen – verdichtet im Sinnbild der hohen Absätze. "High Heels sollten immer etwas mit einem Gefühl von Stärke zu tun haben", sagt Tosh. Es gehe weniger um Technik als um emotionale Haltung. "Man muss spüren, was dieses Gefühl bedeutet: sich aufrichten, mit einem stolzen Brustkorb, das Gewicht leicht nach vorn auf die Zehen verlagert. Wer High Heels trägt, sollte das Gefühl haben, den Raum zu betreten, bevor man ihn tatsächlich betritt – dass die eigene Energie den Raum bereits ausfüllt, bevor man selbst eintritt."

Oder anders gesagt: "Kinky Boots" verwandeln Haltung in ein Lebensgefühl – und so werden High Heels zu einem Manifest.

Der Beitrag entstand auf Einladung zu einer Pressereise nach London zur Präsentation von "Kinky Boots".

-w-