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Potsdam
Vom Mythos zur Popkultur – das Einhorn im Museum Barberini
Warum glaubten Menschen lange an Einhörner? Die Ausstellung im Museum Barberini beleuchtet Legenden, Kunst und überraschende Fakten zum queeren Fabeltier.

Maerten de Vos: Einhorn, 1572, Öl auf Eichenholz, 137 × 136,5 cm, Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin (Foto: Ulrich Pfeuffer)
- 23. Oktober 2025, 09:26h 3 Min.
Vom Symbol der Reinheit bis zum Popkultur-Phänomen: Das Museum Barberini in Potsdam widmet dem Einhorn eine große Ausstellung. Unter dem Titel "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" sind vom 25. Oktober 2025 bis 1. Februar 2026 rund 150 Werke aus 4.000 Jahren zu sehen – darunter Leihgaben aus dem Louvre in Paris oder dem Prado in Madrid.
Der Chefkurator des Museums, Michael Philipp, erzählt, wie es dazu kam: "Das Motiv des Einhorns zieht sich durch fast die gesamte Kunstgeschichte, und es ist nicht nur in der europäischen Kunst vertreten, sondern kommt auch in asiatischen oder der persischen Kultur vor." Das Motiv verbinde Künstler über Räume und Zeiten hinweg. "Die verschiedenen Bedeutungen, die dem Einhorn im Lauf der Zeit zugeschrieben wurden, sind ebenso vielfältig wie die Art seiner Darstellung." Das Einhorn sei ein "Grenzgänger zwischen Fantasie und Wirklichkeit".
Die Existenz der Einhörner

Tizian, Orpheus bezaubert die wilden Tiere, 1562-1601, Öl auf Leinwand, 131,5 × 104,5 cm, Museo Nacional del Prado Madrid
Dass Einhörner wirklich lebten, wurde dem Museumskurator zufolge bis ins 16. Jahrhundert nicht angezweifelt. Die Gründe: "Zum Ersten wird es mehrfach in der Bibel erwähnt – und was dort steht, hielt man für die Wahrheit -, und zum zweiten behandelten die antiken Gelehrten wie Plinius das Einhorn in ihren Naturbeschreibungen, die niemand infrage stellte", sagt Philipp. Auch Berichte von angeblichen Sichtungen verstärkten den Glauben.
Zudem wurde im Mittelalter in manchen Kirchen das Horn eines Einhorns ausgestellt. "Erst im 17. Jahrhundert konnten Forscher nachweisen, dass es sich bei den weißen, spitz zulaufenden Stangen mit der geriffelten Oberfläche um den Zahn des Narwals handelt", löst Philipp auf.
Nashorn, Esel oder Ziege?
Auf Schulranzen, in Kuscheltierläden oder in Zeichentrickfilmen sind Einhörner oft Pferde mit weißem Fell – und eben dem markanten Horn auf der Stirn. "Diese Vorstellung kam aber erst im 15. Jahrhundert auf", sagt Philipp. Demzufolge hatten die antiken Autor*innen das Einhorn ganz unterschiedlich beschrieben. "Mal sollte es einem wilden Esel gleichen, mal hatte es Elemente vom Nashorn, dann wieder, so bei Plinius dem Älteren, sollte es den Schwanz vom Schwein und die Füße vom Elefanten haben."
Besonders viel Einfluss soll laut Philipp ein Text gehabt haben, der das Einhorn mit einem kleinen Ziegenbock verglich. Deshalb ähnele das Einhorn in der europäischen Kunst des Mittelalters häufig einer Ziege.
Von wild über keusch bis magisch
Während das Einhorn in der Antike noch als schnell und wild galt, weswegen es sich nicht fangen ließ, wurde für es für die Kirche im Mittelalter ein Symbol für Christus, später für Keuschheit. "Bis ins 17. Jahrhundert galt sein Horn als wundertätige Medizin, weshalb sich viele Apotheken nach dem Einhorn nannten, einige gibt es noch heute", sagt Philipp. "Gerade was die Heilkraft des Horns betrifft, finden sich manche kuriose Zeugnisse." Allerdings warnt Philipp davor, über den damaligen Wunderglauben zu spotten. "Schließlich konnten es die Menschen seinerzeit nicht besser wissen – und auch heute gibt es Leute, die auf Fake News hereinfallen."
Doch damit endete die Wandlung des Fabelwesens nicht: "Kurz vor 1900 griff Arnold Böcklin das Motiv wieder auf und malte zwei Gemälde, in denen er das Einhorn als Ausdruck der künstlerischen Fantasie würdigte", so der Kurator. Der Wunsch nach etwas Magischen habe sich eine Industrie zunutze gemacht, die das Einhorn auf vielerlei Weise kommerzialisiert. "Kein anderes Fabeltier ist heute so verbreitet." Ein weiterer Anknüpfungspunkt findet sich bei der queeren Community, "die im Einhorn das Seltene und Wunderbare sieht, dessen Existenz von manchen bestritten wird", ergänzt Philipp. (cw/dpa)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Museums Barberini
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















