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Skurriler Alltag eines schwulen Lehrers
Erfrischende queere Selbstironie: Warum die Serie "English Teacher" Hoffnung macht
Die clevere Comedy-Serie "English Teacher" über einen schwulen Lehrer in Texas dreht sich um die alltäglichen Absurditäten mit aufmüpfigen Schüler*innen, nervigen Eltern und diversen Kulturkampf-Minenfeldern.

Brian Jordan Alvarez als offen schwuler Englischlehrer Evan Marquez (Bild: FX)
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25. Oktober 2025, 07:53h 4 Min.
Zu den queeren Höhepunkten der ersten Staffel von "English Teacher" gehört wohl der Rollentausch zwischen dem Football-Team und den Cheerleadern: Die Girls treten auf dem Feld sportlich gegeneinander an, derweil die Boys in Drag das Publikum mit einer Tanzeinlage unterhalten. Wie realistisch es ist, dass sämtliche Jungs der Football-Mannschaft dabei enthusiastisch mitmachen, sei dahingestellt. Aber es ist jedenfalls ihr schwuler Englischlehrer Evan Marquez (Brian Jordan Alvarez), der zur Vorbereitung einen alten Bekannten organisiert; dieser tritt regelmäßig als Dragqueen Shazam auf und bringt den Jungs bei, was es dafür braucht.
Dass Shazam (Trixie Mattel) am Ende noch etwas Schulmaterial mitgehen lässt, weil sie gerade knapp bei Kasse ist, ist das eine. Gleichzeitig jedoch stellt sich die "LGBTQIA2S+ Alliance" der eigenen Schule gegen diesen alljährlichen queeren Rollentausch und somit auch gegen den offen schwulen Lehrer – weil es sich dabei "um eine alte Boomer-Tradition handelt, bei der die Jungs sich über die Mädchen lustig machen und Football-Spieler aus Witz ihr Geschlecht wechseln". Der clevere, satirisch-sarkastische Umgang mit diesen und anderen US-Kulturkampf-Minenfeldern im heutigen Schulumfeld macht "English Teacher" zu einem sehenswerten, kurzweiligen Vergnügen.
Pausenloses Chaos, durchtriebene Teenager
In der kürzlich angelaufenen zweiten Staffel (in Deutschland zu sehen bei Disney+) sind alle Hauptfiguren zurück, also auch die eigenwilligen Kolleg*innen des schwulen Englischlehrers: Dazu gehören Evans beste Freundin, die Geschichtslehrerin Gwen (Stephanie Koenig), der sehr heterosexuelle und ziemlich konservative Sportlehrer Markie (Sean Patton), der jedoch ein Herz aus Gold hat und heimlich in Gwen verliebt ist, sowie Schulleiter Grant (Enrico Colantoni), der mit resignierter Geduld versucht, den Laden irgendwie zusammenzuhalten und durch das pausenlose Chaos zu steuern.
Ebenfalls wieder mit dabei ist Evans Ex Malcom (Jordan Firstman), der sich bei Evan am Ende der ersten Staffel gegen den attraktiven Lehrerkollegen Harry (Langston Kerman) durchsetzt, und mit dem der Englischlehrer nun in einer "offenen Beziehung" zusammenlebt. Und dann sind da natürlich noch die Schüler*innen, die sich primär für sich selbst interessieren, sämtliche hypersensitiven Schulregeln clever und durchtrieben für sich zu nutzen wissen und gleichzeitig oft erschreckend unwissend sind. Trotz allem ist Evan ehrlich darum bemüht, ihnen Wissen und gelegentlich auch etwas Lebensweisheit mitzugeben – derweil er sich in anderen Bereichen obsessiv verrennen kann.
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Eine nicht nur sympathische Hauptfigur
In der ersten Folge der zweiten Staffel etwa freut Evan sich sehr, dass seine Klasse fürs jährliche Schultheater das Stück "Angels in America" ausgesucht hat, ein Drama rund um die Aidskrise unter Schwulen in den 1980er Jahren. Doch als die Proben losgehen, beklagen sich die Kids, dass sie sich mit den Figuren so gar nicht identifizieren können und dass das alles überhaupt schon ewig her ist. Spontan beschließen sie, selbst ein Stück zu schreiben, "Covid in America", das sei ja schließlich irgendwie ähnlich gewesen und zudem viel näher an ihrer Lebenswelt. Evan ist schwer enttäuscht, findet das neue Stück furchtbar und zieht alle Register, um die Aufführung zu verhindern – erfolglos. Am Ende wird es nicht nur gezeigt, sondern findet ein begeistertes Publikum.
Dass die Hauptfigur von "English Teacher" nicht immer nur sympathisch ist, spricht für die Risikofreudigkeit des schwulen Comedian Brian Jordan Alvarez, der nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern die Serie auch kreiert hat, zusammen mit Schauspielkollegin Stephanie Koenig. Die erste Staffel kam beim Publikum genauso gut an wie bei der Kritik und wurde für diverse Preise nominiert.
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Erfrischende queere Selbstironie
Dann jedoch beschuldigte ein früherer Schauspielkollege Alvarez der sexuellen Belästigung – und nicht nur gab es am Ende wohl deswegen deutlich weniger Ehrungen für die Serie, sondern es war plötzlich fraglich, ob es überhaupt eine zweite Staffel geben würde. Alvarez wies alle Beschuldigungen entschieden zurück, und schließlich entstand die Fortsetzung trotz der Kontroverse. Ob es allerdings auch noch eine dritte Staffel geben wird, ist völlig offen – auch wenn die Story klar darauf abzielt.
Was "English Teacher" so vergnüglich macht, ist nicht nur der satirische Umgang mit dem heutigen Schulalltag und seinen Kulturkampfwirren, sondern auch die erfrischende queere Selbstironie, die Alvarez in fast jeder Episode durchschimmern lässt. Dass das so möglich ist und offenbar auch bei einem breiten Publikum funktioniert, illustriert einmal mehr, wie selbstverständlich Queersein in der westlichen Gesellschaft und im TV inzwischen geworden ist. Das wiederum macht Hoffnung, dass der aktuelle Backlash es bei aller Aggressivität vielleicht doch nicht so leicht haben wird, die Uhren zurückzustellen.
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