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Sachbuch

Warum Polarisierung zur Demokratie gehört

In seinem neuen Buch "Polarisierung. Über die Ordnung der Politik" räumt der Soziologe Nils C. Kumkar mit dem Mythos der gespaltenen Gesellschaft auf – und erklärt, warum von dieser Debatte gerade die Rechten profitieren.


Symbolbild: Protestschild "CSD statt AfD" beim CSD Eisenach 2023 (Bild: IMAGO / Müller-Stauffenberg)

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik las man in Zeitungen so oft das Wort Polarisierung wie heute. Ein Blick ins Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) bestätigt es. Und andere Medien machen da sicherlich keine Ausnahme. Wo von Polarisierung die Rede ist, da ist der Befund auch sofort zur Stelle, dass wir uns gerade inmitten einer gesellschaftlichen Spaltung befinden. Aber ist das wirklich unsere Wahrnehmung, und erleben wir in unserem Alltag tatsächlich eine zweigeteilte Gesellschaft mit erkennbaren Demarkationslinien?

Wie es das Buch zum Film (oder umgekehrt) gibt, haben wir jetzt prompt das Buch zur aktuellen Debatte (Amazon-Affiliate-Link ). Erschienen ist es kürzlich in der Edition Suhrkamp und trägt als Titel den vielzitierten Begriff "Polarisierung", verfasst von dem an der Universität Bremen forschenden Soziologen Nils C. Kumkar. Der Autor erklärt darin, dass sich Polarisierung politisch gar nicht vermeiden lasse, sondern zur Demokratie gehöre, und vor allem warum das so ist. Auch erfahren wir bei ihm, warum von dieser Debatte gerade die Rechten profitieren und dass sie von ihnen von Anfang an strategisch vereinnahmt wurde.

Keine empirischen Belege für eine Spaltung


Das Buch "Polarisierung. Über die Ordnung der Politik" ist im August 2025 in der Edition Suhrkamp erschienen

Das Buch sei weder Entwarnung noch Alarm, "sondern eine Lockerungsübung". Nun haben politisch informierte Menschen natürlich längst mitbekommen, dass es für die Angstvision namens Polarisierung in der empirischen Forschung erstaunlicherweise keine Belege gibt. Hier wäre insbesondere auf die Publikation "Triggerpunkte" zu verweisen, verfasst von Steffen Mau und weiteren Soziologen.

Auch wurde das erneut durch die Erhebungen des kürzlich veröffentlichten "Polarisierungsbarometer 2025" bestätigt, in dem eine Forschungsgruppe der Technischen Universität Dresden im Auftrag der Mercator Stiftung ihre Ergebnisse zum Besten gibt. Sie unterscheiden in ideologischer und affektiver Polarisierung. Ideologisch meint "die Art und Weise, wie politische Positionen […] in einer Gruppe verteilt sind", während mit affektiv der jeweilige Umgang mit Meinungsunterschieden bezeichnet wird.

Doch wie steht es nun wirklich um unsere Gesellschaft und die drohende oder bereits vorangeschrittene Spaltung? Der Bericht sagt: Nein, durch die empirischen Befunde lasse sich die Spaltungs-These nicht stützen, obschon es durchaus hie und da in diese Richtung gehende Hinweise gebe. Das Forschungsteam erklärt außerdem mit Blick auf die affektive Polarisierung, dass es noch an sozialwissenschaftlichen Untersuchungen mangelt, doch das Interesse dafür wachse inzwischen. Der Bericht spricht von dem Verdacht, dass die affektive Polarisierung der Demokratie schaden könnte, weil sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Kooperationsbereitschaft angreife.

Meinungsstreit belebt das demokratische Geschäft

Und genau an dieser Stelle wird nun Nils C. Kumkars Studie interessant, denn sie versucht dem auf den Grund zu gehen, was das Polarisierungsbarometer nur andeutet. Wobei Kumkar zunächst daran erinnert, dass es in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder Phasen der politischen Polarisierung gab, aber nie zum Schaden der Demokratie. Im Gegenteil, denn beispielsweisen waren Wahlbeteiligungen in Zeiten kontroverser Diskurse wie etwa Ostpolitik und Westbindung stets bemerkenswert hoch. Salopp formuliert, belebt der Meinungsstreit das demokratische Geschäft, weil er einen Mobilisierungseffekt mit sich bringt.

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, obschon Kumkar darauf besteht, dass Polarisierung eine wichtige Funktion für das politische System darstelle. Die damit zusammenhängende Frage: Wie kommt die Politik zu Problemlösungen und wie stellt sie Legitimität her:

Das moderne politische System ist nicht zuletzt deshalb so solide, weil es seine Legitimität selbst dann behaupten kann, wenn diese innere Bejahung bei relevanten Teilen der Bevölkerung nicht vorliege. Diese Form der Legitimität speist sich vielmehr daraus, dass Dissens mit der Politik gerade dadurch prozessiert wird, dass die Spaltung von Opposition und Regierung ihn abbildet. Dissens von Politik und Publikum wird so auf Dissens in der Politik umgelegt.

Bliebe zu hoffen, dass diese politische "Mechanik" dauerhaft funktioniert und nicht nur in der soziologischen Theorie. Damit ist aber freilich nicht beantwortet, warum wir dennoch ständig von gesellschaftlicher Spaltung reden und Polarisierung in erster Linie negativ bewerten, wo sie doch so eine Art demokratischer Treibstoff sein soll.

Polarisierung als Erzeugnis der Massenmedien

Kumkars Antwort: Polarisierung ist auch ein Erzeugnis der Massenmedien, indem sie politische Konflikte in den Meldungen überbetont. Diese Meldungen erscheinen überproportioniert und würden sich deshalb leicht zu einem Bild zugespitzter gesellschaftlicher Konflikte aufaddieren. Polarisierung werde so als eine Art "Bedeutungsverstärker" verwendet. Diese Erklärung würde zumindest eine Antwort geben, warum es diese Differenz zwischen "gefühlter" und der empirisch beobachteten Wirklichkeit gibt.

Interessant wird es dann noch einmal, wenn Kumkar der Frage nachgeht, wer denn von all dem profitiere – und das ist eindeutig der Rechtspopulismus. An einer Stelle meint der Autor, eigentlich brauche es gar keine AfD, denn schließlich haben wir die "Bild"-Zeitung. Da mag was dran sein, aber auch die folgende Einsicht scheint den neuralgischen Punkt der Geschichte zu treffen: "Der Rechtspopulismus gibt in erster Linie vor, die Interessen der 'Von-der-Politik-Ausgeschlossenen' zu vertreten, vielmehr inszeniert er das Spektakel des Ausgeschlossenseins selbst."

Darum sei Rechtspopulismus auch keine Ideologie, sondern eine Strategie – "eine Strategie zur Erhitzung der Konfliktkommunikation". So gesehen wird der Erfolg des Rechtspopulismus überhaupt erst plausibel durch die Polarisierungsstrategie, die er Tag für Tag für sich arbeiten lässt. Kumkars unbedingt lesenswerte Studie kommt in der Tat zur richtigen Zeit, um uns ein ziemlich verrutschtes Wirklichkeitsbild wieder in den richtigen Rahmen einzupassen.

"Wir sollten uns trauen zu polarisieren. Sonst tun es die anderen"

In einem längeren Interview des Autors im "Spiegel" (Bezahlartikel) lesen wir nicht nur die Empfehlung: "Wir sollten uns trauen zu polarisieren. Sonst tun es die anderen." Ja, da bin ich gerne dabei. Doch in dem Interview zerlegt er auch gleich noch das hohle Gerede von der Neutralität unserer Bundestagspräsidentin Julia Klöckner in Fragen der Regenbogenflagge zum Christopher Street Day:

Damit positioniert sie sich zwischen zwei Lagern, die sich selbst gar nicht zu Wort gemeldet haben. Man könnte meinen, es gäbe da draußen ein konsolidiertes links-grünes Woke-Lager, das dafür kämpft, überall Regenbogenflaggen zu hissen – und auf der anderen Seite eine große Gruppe konservativer Christen, die traditionelle Lebensmodelle verteidigt und sich von ebendieser Regenbogenflagge angegriffen fühlt. Die gibt es aber so gar nicht. Und trotzdem sagt Klöckner: Ich muss neutral sein, ich darf der einen Seite keine Zugeständnisse machen, weil ich damit die andere vor den Kopf stoßen würde. Damit erweckt sie erst den Eindruck einer klaren Front.

Infos zum Buch

Nils C. Kumkar: Polarisierung. Über die Ordnung der Politik. 290 Seiten. Edition Suhrkamp. Berlin 2025. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-518-12814-5). E-Book: 17,99 €

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