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Gefährlich und mysteriös?
Eine einzigartige Ausstellung über Sex Spaces in Berlin
Eine neue Ausstellung beleuchtet die einzigartige Geschichte sexpositiver Räume in Berlin. Wir sprachen mit den Kuratorinnen über Darkrooms, Adorno, die Wichtigkeit von Sex Spaces für Marginalisierte und ein Verbot von Sexarbeit.

Bild aus der Ausstellung: "Carpe Diem" von Gustav Sonntag (2025)
- Von Marcel Malachowski
29. Oktober 2025, 07:32h 9 Min.
Ab Freitag, den 31. Oktober 2025 präsentiert die Ausstellung "Berlin Sex Spaces" des Berlin Sex Museum historische Installationen und künstlerische Arbeiten, die Berlins einzigartige Geschichte sexpositiver Räume beleuchten. Die einzigartige Schau im Kulturzentrum Culterim am Gesundbrunnen (Brunnenstraße 105-107, im Einkaufszentrum) ist dort bis zum 29. November 2025 zu sehen.
Das Projekt-Team besteht aus drei Frauen: Die US-Historikerin Elise Hanrahan studierte in Santa Fe und Berlin mit dem Schwerpunkt auf die Geschichte der Sexarbeit und die staatliche Repression dagegen. Sie war unter anderem beteiligt an der großen Ausstellung über Sexarbeit im Schwulen Museum. Die Berliner Kunsthistorikerin Lais Castro Reis arbeitete als Kuratorin für verschiedenste Museen und Galerien und war unter anderem beteiligt an der Ausstellung "Studio Berlin" im legendären Club Berghain. Die Kanadierin Lorraine Rumson lebt seit 2018 in Berlin, wo sie unter anderem als Dozentin an de FU tätig war zu Themen wie Sexpositivität, Kink Ethics und BDSM.
Wir sprachen mit ihnen über Darkrooms, Adorno, die Wichtigkeit von Sex Spaces für Marginalisierte und die aktuelle politische Kampagne gegen Sexarbeit.
Wie seid Ihr auf das spannende und wohl noch nie dagewesene Arrangement gekommen, mal Sex Spaces in einer Ausstellung zu präsentieren – mit Kunstwerken, Installationen und als Novum sogar mit einer interaktiven Karte? Das Kuriose und Bigotte ist ja, dass diese Orte eigentlich zum öffentlichen Raum gehören, eigentlich jede*r sie kennt, aber darüber trotzdem kaum öffentlich gesprochen wird...
Berlin ist eine sehr sexy Stadt mit einer sehr sexy Geschichte, und wir wussten, dass wir das in unserer Ausstellung erkunden wollten. Aber es war die Idee der physischen Räume, der tatsächlichen Orte in Berlin, an denen sich Menschen zum Sex trafen, die uns besonders faszinierte. Wir alle drei vom Team des Berlin Sex Museum haben Beziehungen zu Berliner Sex Spaces und haben aus erster Hand erfahren, wie wichtig diese Räume sein können, insbesondere für marginalisierte Communitys. Leider werden sie oft als gefährlich oder zumindest mysteriös dargestellt, als etwas, das "andere Leute" tun. Dabei hat Berlin eine so lange Geschichte verschiedener Arten von Sexräumen, die nicht nur für das Leben der Menschen in Berlin, sondern auch für die Geschichte der Stadt von entscheidender Bedeutung waren. In dieser Ausstellung wollten wir zeigen, wie diese Räume trotz äußerer Unterdrückung, sogar während der Diktatur, existierten, und die Menschen ermutigen, ihre heutige Wichtigkeit zu verstehen.
Fast weltweit bekannt ist ja aber vor allem Hamburg seit dem 19. Jahrhundert als aufgeschlossenste Stadt für Sexualität, Erotik und Diversität in Deutschland und Europa. Die berühmte und bei sogenannten "Soliden" berüchtigte Herbertstraße wurde nach den Corona-Lockdowns sogar persönlich vom Hamburger Bürgermeister wiedereröffnet… Mit hanseatischem Augenzwinkern gefragt: Kann denn Berlin mit seiner oft verklemmten Schnoddrigkeit da wirklich mithalten? Ihr beschäftigt Euch ja auch historisch, soziologisch und wissenschaftlich mit der Geschichte der Sex Spaces...
Es ist lustig, dass Du das sagst, denn natürlich ist Berlin seit dem 19. Jahrhundert auch als sexueller Hotspot und insbesondere als Zentrum für Schwule und Queers bekannt. Christopher Isherwood beschrieb die Sexarbeit in Europa mit den berühmten Worten: "Paris ist für Mädchen, Berlin für Jungs." Doch vielleicht gerade wegen der Tendenz der Berliner Sexualität, queer und im Untergrund zu sein, erfuhr sie immer wieder politischen Widerstand – natürlich am heftigsten von den Nazis, aber auch von der DDR-Regierung und von heutigen Politiker*innen. Wir hoffen natürlich, dass es bald auch in Hamburg ein Sex Museum geben wird!

Die Ausstellungsmacherinnen (v.l.n.r.): lise Hanrahan, Lais Castro Reis und Lorraine Rumson (Berlin Sex Museum)
In der Kunst, in der klassischen Musik wie der Oper, in der Mode und in der Literatur sind Sex Spaces und auch käuflicher Sex immer schon sehr präsent gewesen, auch in der populären Sprache und in Dialekten – aber dennoch scheint ja öffentlich kaum jemand etwas mit "verrufenen" Orten, Stadtteilen und Lokalitäten zu tun haben zu wollen. Die Gesellschaft kommt heutzutage halt sehr aufgeklärt, tolerant und divers daher – aber ist sie es wirklich?
Die Realität von Sexräumen in der eigenen Stadt kann selbst für diejenigen unangenehm sein, die die Vorstellung von Sexräumen in Kunst, Literatur und Musik mögen. Darkrooms, Cruising-Spots, Bordelle – diese Orte vereinen zahlreiche Tabus, insbesondere wenn marginalisierte Gemeinschaften wie LGBTQ+-Personen beteiligt sind. Es ist schwer zu sagen, ob die heutige Zeit "toleranter" oder "aufgeklärter" ist als früher. Heute gibt es eine enorme rechtsextreme Bewegung, die Sexräume als Orte moralischen Verfalls betrachtet, sowie neoliberale oder sozialkonservative Bewegungen, die ihre eigenen Gründe für die Schließung von Sexräumen haben. Sexarbeit wird selbst im "aufgeklärten" Deutschland aus verschiedenen politischen Richtungen marginalisiert. Leider haben viele aufgeklärte und tolerante Menschen immer noch Angst vor ihren eigenen Wünschen. Man denke nur daran, wie allgegenwärtig das Anschauen von Pornos ist und dennoch selbst in aufgeklärten Kreisen ein absolutes Tabu darstellt.
Ein großer Schwerpunkt Eurer Ausstellung ist das queere Leben in Berlin. Cruising-Areas sind ein einzigartiges Phänomen der vor allem schwulen, aber auch trans Community – denn sie sind klassenlos wie die Copacabana, und jede*r hat Zugang. Adorno/Horkheimer schrieben, unter der sichtbaren Geschichte Europas verliefe eine nicht offensichtlich sichtbare: die des Körpers. Sind Cruising-Areas nicht die Inkarnation dieses Gedankens: unsichtbar und sichtbar zugleich in ihrer Körperlichkeit?
Ja! Wunderbar ausgedrückt. Cruising gibt es in vielen Communitys – und Cruising-Kulturen haben eine einzigartige Sprache und Etikette, die Menschen außerhalb dieser Kulturen möglicherweise nur schwer verstehen, zum Teil, weil sie weit entfernt sind von den hegemonialen hetero- und mononormativen Standards der Sexualität. Cruising-Bereiche haben außerdem die Besonderheit, nicht von Nicht-Cruising-Bereichen abgegrenzt zu sein: Konzeptionell kann jeder sie betreten, aber nicht jeder tut es.
Außergewöhnlich elegante Fotografien zum Faszinosum der Darkrooms sind in Eurer Ausstellung zu sehen. Ihr wollt diese Orte auch für bisher Außenstehende erlebbar machen. Wie optimistisch seid Ihr, Klischees und Stereotypisierungen mit dieser außergewöhnlichen und ästhetisch-sinnlichen Herangehensweise abbauen zu können?
Wir sind in der Tat sehr optimistisch. Wir glauben fest an die Kraft künstlerischer Erkundungen, Menschen für neue Erfahrungen zu öffnen. In der Ausstellung haben wir versucht, mehrere Ansätze zu verwenden, die unterschiedliche Menschen ansprechen: immersiv, multisensorisch, künstlerisch, spielerisch und historisch. In jeder Phase der Ausstellungsentwicklung haben wir uns gefragt: Wie können wir am besten über diese besondere Ära der Sexräume kommunizieren? Einige unserer Installationen sind künstlerisch und entführen die Besucher*innen in die Vergangenheit. Andere präsentieren weitere Informationen und die Stimmen von Zeitzeug*innen. Jeder Besucher*innentyp findet in der Ausstellung einen Teil, der ihn anspricht.
Schwule, lesbische und trans Orte waren schon immer das Feindbild aller Reaktionären: Neben den Arbeiter*innen-Bezirken war den Nazis besonders der Kurfürstendamm verhasst als Ort vermeintlicher Dekadenz und als "lichtscheuer" Treffpunkt von queeren, jüdischen und kosmopolitischen Freigeistern. Wie ist es zu erklären, dass bestimmte Orte solche Anziehung ausüben und solchen Hass anderer zugleich? Und wie ist groß ist derzeit die Gefahr der Verdrängung durch gewaltsame Angriffe und kapitalistische Investoren?
Die gleichzeitige Anziehungskraft und Abscheu vor Sex, insbesondere vor öffentlicher Zurschaustellung von Sexualität, ist ein stark wiederkehrendes Merkmal der westlichen Kultur. Sexualität birgt eine Macht, die Autoritären unangenehm ist, auch weil sie ihre eigene Macht in Frage stellen kann. Reaktionäre Politiker*innen müssen daher Wege finden, Sexualität ihren Zielen entsprechend zu gestalten. In der Ausstellung zeigen wir Informationen über das System der Sexarbeit unter den Nazis und wie sie versuchten, es nicht nur durch beispiellose Brutalität, sondern auch durch die Polizeikontrolle von Bordellen zu kontrollieren.
Auch wenn die aktuelle Situation nicht genau der Nazizeit entspricht, erleben wir, wie Sexräume durch politischen und wirtschaftlichen Druck zerstört werden. Der älteste queere Club Berlins, das SchwuZ, hat gerade seine Schließung erklärt. Das ist ein großer Verlust für die Stadt und die queere Kultur. Wir hoffen, dass diese Ausstellung Menschen dazu ermutigt, die Sexräume zu unterstützen, die ihnen wichtig sind.
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Es gibt seit Monaten eine massive Kampagne aus Teilen der CDU, gegen Sex Spaces, Sexworker*innen und bestimmte Milieus vorzugehen mit einem Totalverbot der Sexarbeit – nach dem erzprotestantischen "Schwedischen Modell", das realiter dort allerdings kaum etwas gebracht hat außer Verdrängung in den "Untergrund". Ihr beschäftigt Euch wissenschaftlich seit langem mit diesen Themen – wie bewertet Ihr diese politischen Entwicklungen?
Unserer Einschätzung nach ist es an der Zeit, diesen politischen Entwicklungen an allen Fronten so mutig und laut wie möglich entgegenzutreten. Bewegungen dieser Art wie die Lobby für das "Schwedische Modell" sind Teil eines größeren Trends, der nicht so schnell aufgeben wird. Extremere Gruppen im politischen Spektrum werden die Frustration gemäßigterer Konservativer zu ihrem Vorteil nutzen, und extremistische und autoritäre Politiker*innen haben schon immer sexuelle Ängste ausgenutzt. In einer Zeit wie der unseren, in der die extreme Rechte an Einfluss gewinnt, warnt die Geschichte davor, wie Rechtsaußen sexuelle Ängste unter dem Deckmantel der Moral manipuliert. Rechte Politiker*innen, die sich in Bezug auf sexuelle Themen wie Sexarbeit auf ethische Aspekte berufen, sind keine aufrichtigen Moralist*innen: Sie versuchen, die Kontrolle über Sex zu nutzen, um eine Bevölkerung zu kontrollieren.
Der Eintritt zu Eurer Ausstellung ist für alle frei, und sie findet mitten im Wedding am Gesundbrunnen statt – das ist selber ein Ort mit einer sehr großen Geschichte, der Deutschland nachhaltig und sehr positiv geprägt hat. Nirgendwo im Land war die Arbeiter*innen-Bewegung stärker, viele bekannte Kommunist*innen und Sozialdemokrat*innen nebst Schlager-Ikone Roland Kaiser sind dort aufgewachsen. Müsste es nicht viel mehr solche Ausstellungen an für die Kunstszene ungewöhnlichen Orten und mit freiem Eintritt geben – damit viel mehr Menschen und auch Marginalisierte mit wenig Geld Zugang dazu haben?
Wir freuen uns sehr, unsere Ausstellung in diesem Raum zeigen zu können! Es handelt sich, wie Du richtig sagst, um einen äußerst bedeutenden Bereich Berlins, der in der Stadtgeschichte oft vernachlässigt wird. Mit Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt können wir den Eintritt auch auf Spendenbasis anbieten. Angesichts der Tatsache, dass der aktuelle wirtschaftliche Druck auf Sexräume auch Kunst- und Kulturräume beeinträchtigt und Kulturschaffende für ihre Arbeit oft stark unterbezahlt werden, sind wir sehr dankbar, dass wir aufgrund unserer Umstände allen Interessierten den Eintritt zu dieser Ausstellung ermöglichen und gleichzeitig alle Beteiligten bezahlen können.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Berlin Sex Museum
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















