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Interview
"Schwulensaunen haben großes Potenzial"
Im Liebesdrama "Sauna" verliebt sich der cis schwule Johan in den trans Mann William – bis die Beziehung an Grenzen stößt. Im Interview erzählt der dänische Regisseur Mathias Broe, warum schwule Saunen nicht nur Orte zum Ficken sind – und weshalb es mehr Solidarität braucht.

"Ich wollte immer schon mal in eine Schwulensauna gehen, aber ich habe mich nie getraut": Szene Mathias Broes Spielfilm "Sauna" (Bild: Salzgeber)
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1. November 2025, 08:42h 12 Min.
In einer schwulen Sauna kann sich eine völlig neue Welt eröffnen: Ein Ort der direkten Begegnung – ohne endloses Schreiben. Ein Ort der Blicke, der Lust, des langsamen Herantastens. Oder aber ein Ort der Unsicherheit und Ablehnung, weil der Bauch zu dick, der Schwanz zu klein oder die Art zu feminin ist.
In diesem Spannungsfeld spielt der erste Spielfilm des dänischen Regisseurs Mathias Broe (ausführliche Filmkritik). Er hat sich Zeit genommen, mit queer.de über "Sauna" zu sprechen.

Regisseur Mathias Broe (Bild: Christian Geisnaes)
Mathias, wie stehst du selbst zu Schwulensaunen?
(lacht) Ich wollte immer schon mal in eine Schwulensauna gehen, aber ich habe mich nie getraut. Doch durch den Film war ich gezwungen, das zu überwinden. Mein erstes Mal in der Schwulensauna in Kopenhagen war zum Recherchieren – das war ziemlich aufregend, aber auch seltsam, weil man in so einem Raum eigentlich nicht einfach nur da sein kann.
Und es ist schon ein Unterschied, ob man zum Beispiel in Berlin in die Sauna geht – dort kann man einfach ein schönes Spa-Erlebnis haben. Die in Kopenhagen aber wurde seit den 1970er Jahren nicht mehr renoviert. Wenn man also dorthin geht, dann nicht wegen des Spas, sondern weil es dort ziemlich aufregende Räume gibt – und um Sex zu haben.
Dein Film handelt vom Ausschluss – nicht nur zwischen cis und trans Personen, sondern auch in Bezug auf Alter oder Körper. Wie hast du das selbst erlebt?
Das Erste, was ich dort gesehen habe, war ein großes Bild eines Jungen, der auf einem Felsen sitzt und melancholisch schaut. Das sieht fast aus wie in einem Museum, weil dort all diese alten Gemälde von Monet und so hängen. Dieses Bild des Jungen auf dem Felsen hängt in meiner Wohnung, und ich habe es vorher nie irgendwo anders gesehen. Das fühlte sich wie ein Zeichen an, als wäre ich zu Hause.
Dann habe ich diesen alten Mann gesehen, vielleicht Ende achtzig. Er sah fast aus wie eine Leiche, rauchte eine Zigarette mit ganz langer Asche, weil er sie nicht abklopfte. Das war nicht besonders sexy, sondern eher faszinierend. Ich habe einfach so viele Bilder gesehen, die ich machen wollte. Damals fühlte es sich nicht wie ein Ort des Ausschlusses an, sondern wie ein Ort der Faszination. Vielleicht wäre das in einer größeren Stadt – zum Beispiel in Berlin – anders, da wäre ich wohl viel stärker mit meiner eigenen Unsicherheit in Bezug auf Männlichkeit konfrontiert. Als eher femininer Schwuler fühle ich mich manchmal unsicherer. Und ich verstehe die Perspektive, dass man als schwuler Mann nun mal auf Männer steht – und wenn jemand, ob cis oder trans Mann, zu feminin wirkt, vielleicht nicht das ist, was man begehrt. Aber meine eigene Partnerin begann ihre Transition, während wir den Film gedreht haben. Und das ist schon eine große Herausforderung, sich von dieser starren Vorstellung dessen zu lösen, was man begehrt.
Aber "Sauna" handelt vom Ausschluss von trans Personen innerhalb eher cis-schwuler Räume, und das ist ein großes Problem. In Kopenhagen ist es inzwischen tatsächlich erlaubt, dass trans Männer in die Schwulensauna gehen dürfen. Aber die Frage ist: Fühlen sie sich dort auch wohl?
Habt ihr tatsächlich in einer Schwulensauna in Kopenhagen gedreht?
Ja! Das war eine unserer größten Herausforderungen in der Vorproduktion, denn es gibt in Kopenhagen nur diese eine Schwulensauna. Sie heißt "Amigo" – im Film und im Buch heißt sie "Adonis". Wir hatten kein Geld, um woanders hinzugehen oder eine eigene Sauna zu bauen. Also war es extrem wichtig, dass wir dort drehen konnten. Die Betreiber haben sich aber überhaupt nicht für die politische Seite interessiert und wollten keine Details – sie wollten nur wissen, wie viel Geld wir hatten. Das machte es einfacher.
Das ist überraschend, denn dein Film ist ja durchaus kritisch – auch gegenüber dem Saunabesitzer, der William nicht hineinlassen will.
Genau. Und jetzt hängt dort das Filmplakat an der Wand – und in der Sauna selbst. Darauf bin ich sehr stolz, weil es so ein ikonischer Ort ist, und wir haben ihn noch ikonischer gemacht.
Die Sauna ist nicht der einzige Originalschauplatz, oder?
Ja, und alle Clubs tragen ihre echten Namen, weil wir so authentisch wie möglich bleiben wollten. Ich finde es schön, dass man den Film sehen kann und dann tatsächlich diese Orte besuchen kann. Außerdem liegen die klassischen Schwulenorte in Kopenhagen sehr nah beieinander, man kann sie alle zu Fuß erreichen. Wir nennen das das "Gay Bermuda-Dreieck".

Poster zum Film: "Sauna" läuft im November 2025 in der Queerfilmnacht. Regulärer Kinostart ist am 20. November 2025
Wolltest du also eher eine lokal verwurzelte Geschichte erzählen oder eine universelle?
Mir war es sehr wichtig, sie als universelle Liebesgeschichte zu behandeln, aber durch eine spezifisch queere Perspektive – das ist die Perspektive, mit der ich mich identifiziere. Gleichzeitig wollte ich sie ganz bewusst in Kopenhagen und in der heutigen Zeit verankern. Früher wollte ich immer Filme machen, die irgendwie zeitlos sind, die nicht altern. Je reifer ich werde, desto mehr habe ich gemerkt, dass es viel interessanter ist, Filme zu machen, die wirklich das Hier und Jetzt zeigen. Ich habe keine Angst mehr davor, dass ein Handy in fünf Jahren nostalgisch wirkt.
Eine Schwulensauna gilt als sehr sinnlicher und sexueller Ort. Dein Film transportiert das, besonders am Anfang, wo man nicht viel sieht, sondern eher hört. Trotzdem ist der Film sehr emotional. Wolltest du mit dem Sauna-Klischee, wonach dort nur herumgevögelt wird, brechen?
Ich glaube, der Film zeigt, dass das, was in deinem Kopf passiert, oft viel erotischer ist als das, was tatsächlich geschieht. Im Prolog, in der Johan herumläuft, die Leute stöhnen hört und durch die Glory Holes schaut – das ist genau diese Fantasie, die Menschen überhaupt erst in die Sauna treibt. Wenn man dann aber dort ist, wird das Begehren so konkret, dass es manchmal unglaublich unsexy und kompliziert wird. Und manchmal hat man Glück und erwischt diesen Moment, in dem alles passt – man versteht sich, jemand ist aufmerksam und nett – dann kann man großartigen Sex haben.
Der emotionale Ton des Films entspricht wohl dem, was ich im Inneren empfinde. Ich bin ein sehr romantischer Mensch, ich will glauben, dass Liebe romantisch ist, aber je älter ich werde, desto zynischer werde ich. Ich glaube, ich kann meine eigene Sehnsucht nach Emotionalität ausleben, indem ich Filme mache.
Das klingt nach einem ständigen Prozess – du beeinflusst deine Filme, und sie beeinflussen dich?
Ja, auf jeden Fall. Man kommuniziert mit dem Werk. Der Film hat dreieinhalb Jahre gedauert, und das färbt natürlich auf das eigene Leben ab. Er hat mich auch als Mensch verändert.
Dein Film ist eine Adaption eines Romans von Mads Ananda Lodahl, der selbst in der Adonis-Sauna und auch im Boiler in Berlin gearbeitet hat. Wie bist du zu dem Roman gekommen?
Mein Produzent hat mir das Buch vorgeschlagen, weil er wusste, dass ich einen queeren Debütfilm machen wollte. Ich habe es gelesen und mich sofort in die Figuren verliebt. Außerdem konnte ich darin ein Kopenhagen sehen, wie ich es in Filmen noch nie gesehen habe. Ich kenne diese Räume, ich wusste: Das kann ich machen.

Szene aus "Sauna" (Bild: Nicolai Lok)
"Sauna" wird aus Johans Perspektive erzählt. Warum war dir diese cis-schwule Perspektive auf trans Maskulinität wichtig?
Er ist einfach so eine wunderbar komplexe Figur. Im Buch denkt er politischer, idealistischer über die Welt. Wir haben ihn verändert, sodass er mehr zu jemandem wird, der sich einfach nach Intimität sehnt – etwas, das er in der klassischen cis-schwulen Community nicht findet. Dann trifft er eine trans Person, die Teil einer Community ist, die sich auf ganz andere Weise unterstützt und über Körper, Liebe und Begehren spricht. Johan ist davon sehr inspiriert, und es erfüllt tatsächlich etwas in ihm. Aber er passt trotzdem nicht ganz hinein, weil er ein cis-schwuler Typ ist, der nicht die richtige Sprache hat, weil er nicht in einer großen Stadt aufgewachsen ist. Er muss so vieles erst noch lernen.
Johan will wirklich helfen, scheitert aber – er wird übergriffig. Wie hast du diesen Konflikt dargestellt?
Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie er aus Romantik und Verzweiflung heraus handelt. Viele junge Menschen haben schon einmal versucht, mit jemandem zusammen zu sein, der schwer zu erreichen oder zu verstehen war. Statt wirklich zuzuhören und die Grenzen des anderen zu respektieren, versucht man dann Strategien zu entwickeln, um näherzukommen – und vergisst dabei zuzuhören. Ich verstehe also, warum er so handelt. Er ist eine Art Robin-Hood-Figur, nur dass er die Gerechtigkeit nicht wirklich versteht – er tut es für sich selbst, nicht für den anderen.
Wie hast du sichergestellt, dass Williams Perspektive genug Raum bekommt?
Wir haben viel darüber diskutiert, ob William vielleicht die Hauptfigur werden sollte. Aber mein Drehbuchautor und ich sind nicht trans, und wir hatten das Gefühl, wir könnten das nicht vollständig aus dieser Perspektive erzählen. Dennoch haben wir entschieden, dass William eine Hauptfigur sein sollte. Wir haben die Liebesgeschichte in den Mittelpunkt gestellt, dann Johans individuelle Reise, und als Drittes ein Porträt der queeren Community. Weil die Liebesgeschichte Priorität hatte, bekam William automatisch mehr Raum – bis hin zum Filmplakat.
Nina Rask ist die erste trans Person, die eine Hauptrolle in einem dänischen Film spielt. War dieser Aspekt wichtig für dich – oder hattest du Sorge, dass der Film darauf reduziert wird?
Wir hatten nie das Ziel, den ersten Film mit einer trans Hauptfigur zu machen. Wir haben das im Laufe der Zeit erst herausgefunden. Natürlich ist es schön, Filmgeschichte zu schreiben, aber es ist auch ein zweischneidiges Schwert: Schön, dass wir die Ersten sind – traurig, dass es so lange gedauert hat.
Dein Film übt deutliche Selbstkritik daran, wie exklusiv queere Räume sein können. Hattest du Angst, dein eigenes Nest zu beschmutzen? Und wie hast du vermieden, zu moralisch zu sein?
Anfangs hatten wir große Angst, etwas falsch zu machen. Wir hatten eine ganze Gruppe von Beratungen – Forschende zur Repräsentation von trans Menschen, trans Personen, professionelle Drehbuchberatung, cis-schwule Leute. Irgendwann haben wir gesagt: Wir machen einen Film über echte Menschen, nicht nur über queere Menschen. Sie müssen zuerst Menschen sein – und dann queer. Das hat sehr geholfen, weil man sie dann einfach wie alle anderen behandelt. Und deshalb kritisieren wir im Film alle ein bisschen. Natürlich die cis-schwule Kultur stärker, weil cis Schwule die meisten Rechte schon haben und deshalb vielleicht glauben, nicht mehr kämpfen zu müssen – und dabei vergessen sie, dass der Kampf ihrer trans Freund*innen noch läuft.
Manche denken, dass alles gut ist – aber das stimmt nicht, wenn nicht alle akzeptiert werden. Wenn man sich nicht für die Menschenrechte anderer interessiert, ist man einfach ein Arschloch. Ich finde nicht, dass wir Schwule schlecht darstellen – wir üben berechtigte Kritik an Haltungen, die viele schwule Männer haben. Manchmal müssten wir uns einfach mehr für die anderen Buchstaben in LGBTIQ interessieren als nur für das G – und darauf achten, dass wir nicht immer den meisten Raum einnehmen. Wir müssen inklusiver werden.
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Eine der sinnlichsten Szenen ist die, in der Johan William das Testogel aufträgt. Sie zeigt, wie Kümmern und Begehren zusammenhängen. Wie habt ihr an dieser Szene gearbeitet?
Manchmal entstehen solche Szenen ganz intuitiv. Johan ist eine sehr fürsorgliche Figur – er will wirklich, dass William sich so gut wie möglich fühlt. Und er ist auch ein großer Pleaser. Schon die erste Sexszene, in der er William einen Blowjob gibt, ist sowohl ein Akt der Fürsorge als auch des Verlangens. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie transmaskuline Männer auf die Testogel-Szene reagieren würden – vielleicht berührt es sie, einen Partner zu sehen, der das liebevoll übernimmt, um auf eine Weise miteinander zu verschmelzen. Gleichzeitig läuft in der Szene ein Lied, dessen Text davon handelt, dass jemand "die andere Person werden" möchte. Das zeigt auch Johans egoistische Seite – er will William werden, weil William etwas hat, das ihm fehlt: Selbstvertrauen, eine Community, ein Zuhause, Sicherheit. William weiß, wer er ist und was er will – Johan weiß das nicht.
Die trans Community reagiert zurecht oft sehr sensibel auf Repräsentation im Film. Hattest du Angst vor den Reaktionen?
Ja, anfangs hatte ich große Angst, wie der Film aufgenommen wird. Aber nach ein paar Testvorführungen nicht mehr. Natürlich kann man es nie allen recht machen. Als der Film herauskam, fühlten sich viele Menschen sehr verbunden – aber das wird nicht bei allen so sein. Das musste ich akzeptieren. Irgendwann wurde ich ruhig. Besonders trans Männer reagieren sehr emotional auf den Film. Wir hatten rund 600 Kompars*innen, viele aus der queeren Community. Sie hatten das Gefühl, Teil des Films zu sein – und das machte ihn noch stärker zu einem Gemeinschaftswerk der Community.
Wenn queere Menschen sich in deinem Film wiederfinden – was würdest du dir wünschen, das sie daraus mitnehmen?
Bei den ersten Screenings waren manche Leute unglaublich traurig. Der Film ist emotional, aber er ist nicht "Titanic", kein Film, bei dem man Rotz und Wasser heult. Ich glaube, wenn man sich selbst zum ersten Mal auf der Leinwand sieht, merkt man gleichzeitig, dass man sich bisher nie gesehen hat – und das kann sehr schmerzhaft sein. Ich denke auch, dass viele cis Schwule die Sehnsucht nach mehr Fürsorge, Intimität und Romantik innerhalb der eigenen Community nachvollziehen können – gerade in Zeiten von Grindr, schnellen Hook-ups und dieser zynischen Haltung, in der man sich gegenseitig nur noch sexualisiert.
Hat sich deine Haltung zu Schwulensaunen nach dem Film verändert? Warst du vielleicht sogar nochmal in einer?
Ja, tatsächlich – ich war vor ein paar Wochen in einer in Hongkong. Ich habe jetzt viel weniger Angst vor Schwulensaunen. Nach all dem Drehen in der Amigo-Sauna fühle ich mich dort fast wie zu Hause. Ich bin inzwischen viel entspannter beim Cruisen. Und ich glaube, Schwulensaunen haben großes Potenzial, schöne Begegnungsorte für schwule Männer zu sein. Aber wir müssen auch mehr Räume schaffen, in denen wir uns wirklich begegnen – und nicht nur unsere Lust.
Sauna. Drama. Dänemark 2025. Regie: Mathias Broe. Cast: Magnus Juhl Andersen, Nina Rask, Dilan Amin, Klaus Tange, Peter Oliver Hansen. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: dänisch-schwedische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih Salzgeber. Kinostart: 20. November 2025. Zuvor läuft der Film bereits in der Queerfilmnacht
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