Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?55653

Interview

Daria Nina bringt queere Vielfalt ins Krimidinner

Mit ihren Krimidinnern schafft die Münchnerin Daria Nina nicht nur Spannung, sondern auch queere Sichtbarkeit. Im Interview spricht sie über Reaktionen, persönliche Motive und den Einfluss von Vorbildern wie Lady Gaga.


Ein Krimidinner in Aktion: "Besonders spannend sind die Momente, in denen Spieler*innen erstmals in eine andere Geschlechterrolle schlüpfen"

Krimidinner erfreuen sich über alle Altersgruppen hinweg großer Beliebtheit – als spielerisches Gemeinschaftserlebnis voller Spannung, Humor und überraschender Wendungen. Ganz besondere Storylines liefert Erfolgsautorin Daria Nina: Ihre interaktiven Dinner-Krimis verbinden schwarzen Humor mit queerer Sichtbarkeit und einem Bruch klassischer Geschlechterrollen.

Am 28. August 2025 erschien ihr zehntes Spiel in der Erfolgsreihe "Mord bei Tisch". Mit über 130.000 verkauften Exemplaren zählt Daria Nina zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autor*innen dieses Genres. Ihre Geschichten begeistern mit schrägen Figuren, Dragqueens und -kings, neurotischen Großstadtcharakteren und übernatürlichen Kreaturen – zuletzt in einer New Yorker U-Bahn und einer Geistervilla.

Im Interview mit queer.de spricht sie darüber, warum ihr Anliegen wie queere Sichtbarkeit besonders am Herzen liegen, über ihre eigenen Erfahrungen mit Queerness und über die Bedeutung von Vorbildern wie Lady Gaga. Sie erzählt, wie diese Einflüsse ihre Arbeit prägen – und warum ihre Krimidinner mehr sind als bloße Unterhaltung.


Erfolgsautorin Daria Nina (Bild: privat)

Daria, du hast über 130.000 Krimidinner verkauft und zählst zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autor*­innen dieses Genres. Wie kommt man dazu, Krimidinner zu schreiben?

Geschichten zu erzählen, war für mich immer zentral. Nach dem Studium schrieb ich meinen ersten Kriminalroman, während Freunde ein Amazon-Business aufbauten. Wir taten uns zusammen und entwickelten Krimidinner – obwohl ich selbst kaum Erfahrung damit hatte. Ich analysierte alle verfügbaren Spiele, suchte bewusst nach einem Twist und brach mit klassischen Settings wie Mafia oder Herrenhaus. Mein erstes Spiel spielte backstage bei einem Popkonzert, mit schrägen Figuren und moderner Struktur. Das kam an: Unsere Marke "Mord bei Tisch" umfasst zehn Spiele, ist regelmäßig Marktführer auf Amazon und kommt jetzt in den Einzelhandel. Heute übernehmen andere Anbieter meine Struktur – das freut mich natürlich.

In deinen Spielen tauchen regelmäßig queere Figuren auf – was bedeutet dir queere Repräsentation in einem Format, das oft als "Mainstream-Unterhaltung" gilt?

Für mich kommt das natürlich. Queerness gehört zu meinem Leben, und Sichtbarkeit ist essenziell. Klar gibt es vereinzelt Kritik, aber Mainstream erreicht viele Haushalte – auch solche, in denen queere Figuren sonst nicht vorkommen. Studien zeigen, dass selbst Sitcoms Vorurteile abbauen können, weil Zuschauer*­innen emotionale Bindungen aufbauen. Genau das möchte ich: Mauern abbauen, indem Figuren menschlich und nahbar werden.

Du gibst auch Dragqueens und -kings eine Bühne. Wie reagieren Spieler*­innen darauf – und was war dir bei der Darstellung besonders wichtig?

Meine Figuren sind oft bewusst extravagant und brechen spielerisch mit Gender-Normen. Für viele ist das einfach Spaß – aber besonders spannend sind die Momente, in denen Spieler*­innen erstmals in eine andere Geschlechterrolle schlüpfen. Durch das Spiel fallen Hemmungen, und allein das ist ein Gewinn: Wenn Menschen merken, dass Geschlecht auch kreativ und fließend sein kann.

Wie beeinflusst deine eigene queere Identität deine Arbeit als Autorin – beim Schreiben, bei der Figurenentwicklung, bei der Themenwahl?

Auch wenn ich nicht autobiografisch schreibe, fließt meine Lebenswelt immer mit ein. Erfahrungen, Wissen, Perspektiven – all das prägt Figuren und Plot. Ich sehe die Welt nicht durch eine heteronormative Brille, und deshalb tauchen queere Themen ganz natürlich auf. Nicht jede Figur muss queer sein, aber meine Erzählweise ist davon beeinflusst.

Gibt es queere Geschichten oder Perspektiven, die du im Krimi-Genre bisher vermisst hast – und die du bewusst einbringst?

Für meine neue Reihe mit einer queeren Hauptfigur recherchiere ich gerade weibliche Ermittlerfiguren. Dabei fällt auf, wie stark sie oft entweder überzeichnet feminin oder männlich konnotiert sind – selten dürfen sie einfach sie selbst sein. Bei queeren Figuren ist das noch extremer: Sie werden oft auf ihre Sexualität reduziert oder bedienen Klischees. Eine Redakteurin erzählte mir von einem Meeting, in dem behauptet wurde, junge Queers hätten heute keine Probleme mehr. Das zeigt, wie wichtig echte Repräsentation ist. Natürlich lieben wir Klischees und ich bediene sie auch – aber mein Anspruch ist, authentische Figuren zu schreiben, nicht reine Abziehbilder.


Für sechs bis acht Spieler*­innen: Krimidinner "Geistervilla" von Daria Nina

Du bist in Moskau geboren, in der Oberpfalz aufgewachsen und lebst heute in München. Wie hat dieser Weg dein Verständnis von Queerness und Community geprägt?

Ich wusste früh, dass ich anders bin – aber ohne Worte oder Vorbilder. Ich wusste nur, dass die Serie "Xena" mich auf einer ganz tiefen Ebene anspricht. In der Sowjetunion und einem bayerischen Dorf gab es keine queere Sichtbarkeit. Erst das Internet brachte Erkenntnis. In München fand ich, Anfang der 2000er Jahre, zunächst keinen Zugang zur lesbischen Szene, die mir zu kategorisch erschien, und fühlte mich in Schwulenclubs wohler. Bis heute denke ich selten in Schubladen wie Butch/Femme oder Top/Bottom. Ausschlüsse innerhalb der Community – etwa Bi-Bashing oder Transfeindlichkeit – irritieren mich. Mein Coming-out war nicht geradlinig, ich war erst mit Männern zusammen. Heute bezeichne ich mich als lesbisch, aber ohne starres Label. Kategorien können Halt geben, aber auch ausgrenzen. Ich habe meine eigene queere Community im Freundeskreis gefunden.

Viele deiner Figuren sind schräg, verletzlich, manchmal auch radikal. Was reizt dich an diesen Charakteren – und steckt darin auch ein queerer Blick auf Gesellschaft?

Mich interessiert das Echte hinter der Fassade. Die meisten Menschen sind auf ihre Weise schräg und verletzlich – meine Figuren spiegeln diese radikale Authentizität. Der Blick ist auch ein queerer: Wer gesellschaftliche Normen als Konstrukte erkennt, sieht tiefer. Dazu kommen meine Migrationsgeschichte, das Gefühl, oft "die Neue" zu sein, und mein Ethnologie-Studium, das mich gelehrt hat, die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten. Genau dort, in den Widersprüchen, finde ich die spannendsten Geschichten.

Du arbeitest an einem Podcast und an Drehbüchern mit queeren Themen. Was kannst du schon verraten – und was willst du erzählen, was bisher zu wenig Raum bekommt?

Ich möchte Menschen ermutigen, ihren eigenen Weg zur Selbstwirksamkeit zu finden – jenseits des "Du kannst alles schaffen"-Narrativs, das Unterschiede in Startbedingungen ignoriert. Es geht darum, zu zeigen: Nur weil der Standardweg nicht klappt, ist das Leben nicht vorbei. Manchmal führen viele Wege nach Rom, und manchmal merkt man auf halber Strecke, dass man eigentlich nach Paris will – und das ist auch okay. Im Podcast spreche ich mit Menschen ohne geradlinige Erfolgsgeschichten – wie ich selbst, als ich mein Abi mit Ende 20 im Selbststudium nachholte. Mit Mona Maijs von @rosa.schichten schreibe ich Drehbücher, die queere Perspektiven zeigen – mit komplexen Figuren, die Resonanz erzeugen. Auch meine Krimiromanreihe soll eine queere Ermittlerin in den Mainstream bringen.

Wie erlebst du die queere Szene in München – und gibt es Orte oder Menschen, die dich besonders inspirieren?

Die Szene ist im Wandel. Es gibt zwar keinen rein lesbischen Club, aber kreative Formate wie das LEZ oder die "Lost Girls"-Partys. Ein Crowdfunding für eine neue Bar war erfolgreich. Vernetzung über Meet-Up- und WhatsApp-Gruppen erleichtert es, Gleichgesinnte zu finden – ob für Sport, Kultur oder Austausch. Die Community wirkt heute proaktiver und vielfältiger als früher.

Was würdest du queeren Menschen mitgeben, die selbst kreativ arbeiten wollen – gerade in einer Branche, die nicht immer offen ist für andere Perspektiven?

Vertraut eurer Stimme und habt Mut, ihr zu folgen. Mir half es, kreative Energie zu kanalisieren – etwa durch Lady Gaga, die mir zeigte, wie kraftvoll es ist, zu seiner Vision zu stehen und das Weird-Sein zu feiern, anstatt es zu verstecken. Praktisch: Baut euch ein Netzwerk, auch über den eigenen Bereich hinaus. Ich habe zum Beispiel die Künstlerin Anna Urazova kennengelernt – heute inspirieren wir uns gegenseitig. Austausch über Sparten hinweg ist unglaublich bereichernd.

-w-