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Hass bleibt populär
"Mitte-Studie": Weniger Homophobie, aber mehr Transphobie
Die große Mehrheit der Deutschen sieht sich als überzeugte Demokrat*innen und hat auch mit queeren Menschen kein Problem. Doch einige haben auch ganz andere Ansichten.

Der Hass auf queere Menschen wird von Rechtsextremen genutzt, um neue Fans zu finden – dagegen muss sich die Mitte wehren, damit die Liebe gewinnen kann (Bild: IMAGO / Müller-Stauffenberg)
- 6. November 2025, 14:32h 7 Min.
Antidemokratische Einstellungen haben sich in Deutschland laut der am Donnerstag veröffentlichten zehnten "Mitte-Studie" der Universität Bielefeld und der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (PDF) verfestigt. Bei Queerfeindlichkeit ergibt sich jedoch ein gemischtes Bild.
Laut der Studie mit dem Titel "Die angespannte Mitte" würde jede und jeder Siebte Verhältnisse wie in einer Diktatur hierzulande befürworten. Sogar rund jede fünfte Person zeigt sich offen für extreme und nationalistische Positionen. Ein klar rechtsextremes Weltbild teilen demnach aber "nur" 3,3 Prozent. Dazu sind abwertende Meinungen über Asylbewerber*innen und Langzeitarbeitslose für viele selbstverständlich geworden.
Thesen: Schwule Küsse sind "ekelhaft", trans Menschen "albern"
Wie in den letzten Jahren wurden im Rahmen der Studie 2.000 Menschen aus Deutschland repräsentativ befragt – beim Thema Queerfeindlichkeit gab es zwei Thesen in einem Fragenkatalog über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: "Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen" und "Ich finde es albern, wenn ein Mann lieber eine Frau sein will oder umgekehrt, eine Frau lieber ein Mann." Diese Fragen sollen beispielhaft das Verhältnis der Deutschen zu queeren Menschen abfragen.
Vor schwulen Küssen ekeln sich demnach zwölf Prozent der Befragten. Bei der letzten Studie vor zwei Jahren waren es noch 16 Prozent, bei der vorhergehenden Studie vor vier Jahren allerdings nur neun Prozent. Damit ist der neueste Wert zwar rückläufig, hat aber das Level von 2021 nicht erreicht.
Höchstwert beim Hass auf trans Menschen
Anders sieht es beim Hass auf trans Menschen aus – dieser hat einen neuen Höchstwert erreicht. Demnach halten es 19 Prozent für "albern", wenn trans Menschen offen mit ihrer geschlechtlichen Identität umgehen. Vor zwei Jahren waren es noch 17 Prozent, vor vier Jahren lediglich elf Prozent.
Queerfeindlichkeit könne laut der Studie als "Brückenideologie vermutlich Rechtsextremismus leicht aktivieren". Rechtsextreme könnten also den Hass auf queere Menschen in der Bevölkerung kanalisieren, um damit neue Fans zu gewinnen.
Hass aufs Gendern als rechtsextreme Einstiegsdroge
Besorgt äußerten sich die Autor*innen über eine neue Akzeptanz von rechtsextremen und antiqueeren Themen in der Mitte, die nicht nur übernommen werden würden, "sondern politisch umgesetzt, wie das Verbot von Gendern mit Sonderzeichen an Schulen, Universitäten, Verwaltungen oder Ministerien in verschiedenen Bundesländern zeigt". Dabei sei für das Gemeinwohl eine andere Schwerpunktsetzung wichtig: "Notwendig wäre vielmehr, sich über den mangelnden Schutz vor verbaler und körperlicher Gewalt gegen Homosexuelle, Trans*-Menschen und Frauen oder über den Gender Pay Gap aufzuregen, als leidenschaftlich über Gendersternchen zu streiten."
Die Autor*innen weisen dabei auch auf den Widerspruch hin, dass Rechtsaußen die Forderung nach Meinungsfreiheit nach außen getragen werde, aber "nach Gender- und damit Sprachverboten" gerufen werde. "So ist der Bild-Zeitung das Verbot von gendersensibler Sprache ein besonderes Anliegen, was die Frage aufkommen lässt, ob deren Sprachvorlieben nun tatsächlich als Maßstab für Schule und Wissenschaft gelten sollen. Solche Verbote stehen exemplarisch für das Sichern überkommener gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die sich in Sprache widerspiegeln", heißt es in dem Dokument.
Hass wird "normalisiert"
Generell stellen die Forschenden "Gewöhnungseffekte und Normalisierung" bei rechtsextremen Einstellungen gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen fest. Abwertende Ansichten gegenüber Asylsuchenden haben mehr als 30 Prozent der Bevölkerung, gegenüber Langzeitarbeitslosen sogar 36 Prozent. Ein Drittel unterstellt Geflüchteten pauschal Sozialmissbrauch. Dass für Menschen mit Behinderung in Deutschland teils "zu viel Aufwand betrieben" werde, meinen acht Prozent.
Und wie verbreitet ist Antisemitismus? Die Forscher fassen die Zustimmungswerte als stabil zusammen. 5,5 Prozent meinen eher oder voll, Jüdinnen und Juden hätten eine Mitschuld an ihren Verfolgungen. Knapp 13 Prozent meinen dies teils/teils. Aufgrund des Nahostkonflikts geben 17 Prozent an, sie könnten "gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat".
Weniger klar rechtsextreme Einstellungen
Allerdings zeigen die neuen Umfragedaten auch, dass der Anteil der Menschen mit klar rechtsextremen Einstellungen im Vergleich zur Vorgängerstudie von vor zwei Jahren von acht auf rund drei Prozentpunkte zurückgegangen ist. Doch im längeren Zeitvergleich sei das Niveau konstant: Seit 2014 habe es stets zwischen zwei und drei Prozent Rechtsextreme gegeben.
Zu so einem rechtsextremen Weltbild gehört dabei eine Befürwortung einer Diktatur, die Verharmlosung des Nationalsozialismus, eine völkisch-nationalistische Ideologie, Fremdenfeindlichkeit oder Sozialdarwinismus, also eine Unterscheidung zwischen Höher- und Minderwertigen, wie der Studienautor Andreas Zick erläuterte. "Wir reden hier von Menschen, die 18 Aussagen eindeutig zustimmen." Konstant bleibe ein Graubereich mit Teilzustimmungen mit 21 Prozent.
Nach eigener Einschätzung verorteten 57 Prozent der Befragten ihre politischen Ansichten "genau in der Mitte" – eine leicht steigende Tendenz. "Die Mehrheit der Menschen in Deutschland ist demokratisch eingestellt und äußert Sorgen wegen des zunehmenden Rechtsextremismus", so die Autor*innen um den Bielefelder Konfliktforscher.
Nationalistischer Graubereich
Rund 20 Prozent äußern sich ambivalent gegenüber rechtsextremen und nationalchauvinistischen Aussagen, stimmen also weder zu noch lehnen sie ab. "Dieser Graubereich", so die Expert*innen, "hat sich gegenüber dem Vorjahr gefestigt und zeigt eine Offenheit für antidemokratische Orientierungen".
Zustimmung findet bei fast einem Viertel der Befragten der Satz: "Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht." 30 Prozent finden dies teils/teils. 15 Prozent bejahen voll oder überwiegend: "Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert." Zehn Prozent finden dies teils/teils, rund 75 Prozent lehnen die Aussage ab. Ein Viertel findet: "Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert."
Antidemokratische Einstellungen
"Das Demokratie-Misstrauen ist sehr deutlich angestiegen", sagte Zick. Beim Großteil der Misstrauenden sei dies eine umfassende Einstellung. Kein Vertrauen in die demokratischen Institutionen hätten zwei von fünf Deutschen, in demokratische Wahlen rund 18 Prozent – dreimal so viel wie vor vier Jahren. Nur 52 Prozent der Befragten stimmt zu, dass die deutsche Demokratie im Großen und Ganzen ganz gut funktioniere. Ein Viertel (24 Prozent) verneint dies – ein Rekordwert.
Einhergehen diese Zweifel laut der Analyse mit Einstellungen, die "dem liberalen Geist des Grundgesetzes" widersprechen: Zwar meinen laut der Studie fast 88 Prozent, in einer Demokratie solle die Würde und Gleichheit aller an erster Stelle stehen. Doch 34 Prozent sind laut Umfrage der Ansicht: "Im nationalen Interesse können wir nicht allen die gleichen Rechte gewähren." Ein Viertel meint, es werde zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen. Rund acht Prozent billigten körperliche Gewalt gegen "Fremde".
Die Mehrheit tickt anders
Fast vier von fünf Befragten bezeichnen sich grundsätzlich als überzeugte Demokrat*innen – sechs Punkte mehr als vier Jahre zuvor. Drei Viertel lehnen rechtsextreme Einstellungen ab, 70 Prozent empfinden den zunehmenden Rechtsextremismus als Bedrohung für Deutschland. 88 Prozent meinen, Würde und Gleichheit solle an erster Stelle stehen.
/ FESonlineLaut unserer neuen #MitteStudie lehnen gut drei Viertel der Menschen in Deutschland (76,1 %) rechtsextreme Einstellungen ab. 3,3 % der Bevölkerung haben ein rechtsextremes Weltbild. 19,8 % stimmen nationalchauvinistischen Aussagen zu.https://t.co/I0KJT03UKg pic.twitter.com/0q0IQ6t6Vv
Friedrich-Ebert-Stiftung (@FESonline) November 6, 2025
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Der Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung, der frühere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, forderte, Verantwortungsträger*innen und Zivilgesellschaft müssten gegenhalten. "Mandatsträgerinnen und Mandatsträger, von lokaler über Länderebene bis hin zur Bundesregierung und darüber hinaus müssen zeigen, dass sie mit den Mitteln der Demokratie die bestehenden Herausforderungen meistern und das Alltagsleben der Menschen spürbar verbessern können."
Der schwule SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh attestierte, dass die Demokratie in einer Vertrauenskrise stecke: "Wir müssen diese aus der Mitte der Gesellschaft heraus überwinden. Der Normalisierung demokratiefeindlicher Einstellungen steht immer noch eine breite demokratische Grundhaltung entgegen", so der Sprecher der SPD-Arbeitsgruppe "Strategien gegen Rechtsextremismus": "Wir müssen Extremismus klar benennen – und entschieden bekämpfen. Gleichzeitig geht es darum, Vertrauen zurückzugewinnen. Vertrauen in unseren Staat. Vertrauen in unser Parlament. Vertrauen in das, was Demokratie leisten kann."

Helge Lindh ist seit 2017 Mitglied des Bundestages (Bild: Deutscher Bundestag / Achim Melde)
Soziale und ideologische Hintergründe
Ein hoher Schulabschluss geht laut der Studie mit deutlich geringerer Zustimmung zu antidemokratischen Einstellungen einher. Männer befürworten teils deutlich häufiger als Frauen Rechtsextremismus und Gewalt. Im Osten gebe es mehr Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Im Westen seien Sozialdarwinismus und Klassismus, also Herabwürdigung aufgrund sozialer Herkunft, weiter verbreitet.
/ AmadeuAntonioUnd jetzt? Die Antwort auf die Ergebnisse der Mitte-Studie muss lauten: Mehr politische Bildung, mehr Zivilgesellschaft! Bildung ist das beste sowohl präventive als auch akut wirkende Therapeutikum gegen antidemokratische Einstellungen. Zur Studie: https://t.co/ZKkHkzKT0h 9/9
Amadeu Antonio Stiftung (@AmadeuAntonio) November 6, 2025
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Ein Viertel der Befragten hängt laut der Studie einer "libertär-autoritären Ideologie" an. Motto: Jeder und jede solle in erster Linie auf sich selbst achten. Diese Gruppe neige deutlich stärker zu einem rechtsextremen Weltbild und billige stärker politische Gewalt. Befragte mit dieser Ideologie stimmten zu 20 Prozent der Aussage zu: "Gegen politische Gegner muss man auch mal Gewalt einsetzen, um nicht den Kürzeren zu ziehen."
Klima im Abseits?
Der Anteil derer, die den Klimawandel als große Bedrohung sehen, ist von früher rund 70 gemäß der Studie auf 56 Prozent gesunken. Entsprechend sinke der Anteil in der Bevölkerung, die eine "klar klimaprogressive Haltung" vertritt, auf nur noch gut die Hälfte. Klimapolitisch aus Sicht der Forschenden rückschrittliche Haltungen sind dabei laut Studie oft mit Distanz zur Demokratie verbunden. (dk/dpa)














