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Queer History
Zurück in die schwule Zukunft
Heute vor genau 50 Jahren – am 8. November 1975 – erschien in der Basler "National-Zeitung" ein Artikel über die Zukunft der Homosexualität, der zu großer Aufmerksamkeit und Coming-outs führte.

Der anonyme Autor des Artikels: André Ratti (r.) 1974 bei einer TV-Sendung
- Von
8. November 2025, 05:06h 13 Min.
Homosexuelle können sich nicht fortpflanzen und sind "nutzlos". Und was sagt eigentlich die Bibel dazu? Um aufzurütteln, begann der schwule Autor André Ratti seinen Artikel, der vor 50 Jahren (anonym) in der "National-Zeitung" (NZ) erschien, recht provokativ. Mit ihm scheint die Schweiz vor 50 Jahren einen Homosexuellenaktivisten gehabt zu haben, der – ähnlich wie Rosa von Praunheim – provozierte, aber auch eine wichtige Diskussion über die Akzeptanz von Homosexuellen in Schwung brachte.
Nachfolgend geht es mir neben dem Artikel auch um die Wellen, die er auslöste. In der NZ wurden dazu 13 recht ausführliche Leserbriefe veröffentlicht, und in der Homosexuellenzeitschrift "Du & Ich" wurde der Artikel im März 1976 nachgedruckt, ebenfalls mit Leserbriefen. Ein Zeitzeuge und Mitglied der HABS (Homosexuelle Arbeitsgruppen Basel) beschreibt außerdem eindrucksvoll, wie seine Kolleg*innen auf sein Coming-out reagierten, das er durch einen Leserbrief an die NZ vollzog.
Der Artikel vom 8. November 1975
Der Artikel "Ueber die Zukunft der Homosexualität" erschien in der Wochenendausgabe der NZ vom 8. November 1975 (S. 1, 4). Illustriert wurde er mit dem französischen Comic "Teufelskreis der Angst" von Jean-Pierre Gos. Im Folgenden fasse ich den Text des Autors (d.i. André Ratti) zusammen, der, wenn er von Homosexuellen schreibt, nur männliche Homosexuelle meint:
Es gebe "mehr Frauen und Männer als je zuvor", die sich "aktiv homosexuell" verhielten. Die Gründe für die Ächtung und Verfolgung lägen darin begründet, dass sich Homosexuelle nicht fortpflanzten und damit bevölkerungstechnisch "nutzlos" seien. Sex werde genossen, ohne Verantwortung für Kinder zu übernehmen. "Dazu kommt ein von den Heterosexuellen besonders tief empfundenes Gefühl für das 'Natürliche'." Auch nach der Legalisierung bleibe die Ächtung bestehen. Filme, Bücher und Zeitungsartikel hätten nur zu einer "scheinbaren Liberalisierung" geführt.
Homosexuelle "verachten sich weniger, haben weniger Schuldgefühle" und lebten inzwischen "offener und freier". Sie hätten sich angepasst und kleideten sich wie andere Menschen auch. Interessant seien gewisse "Trends" wie Promiskuität und anonyme Sexualkontakte in Parks und Saunen. In einigen Bars und Clubs sei das gemeinsame Tanzen mittlerweile sogar polizeilich erlaubt. In Bahnhöfen und Toiletten könne man auf junge Stricher treffen, wobei schwuler Sex im Allgemeinen unter Gleichaltrigen stattfinde. SM sei "eine spezifisch sexuelle Verhaltensweise" von Homosexuellen, bei dem die "faschistischen Züge" augenfällig erschienen. Die Homosexuellen "kennen einander alle, denn jeder hat jeden schon irgendwo getroffen oder mit ihm sexuellen Kontakt gehabt". Ältere Homosexuelle machten "als einsame Wölfe die Jagdgründe der Jüngeren unsicher".

Der Artikel "Ueber die Zukunft der Homosexualität" mit einem Comic "Teufelskreis der Angst"
Die Dunkelziffer der Männer, die ihre Veranlagung ablehnten und sie nicht auslebten, sei groß. Die homosexuellen Interessenvertretungen wie die HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich) hätten nur eine "geringe Bedeutung". Lesben seien weniger sichtbar. Homosexuelle beschränkten sich häufig auf Sexualität – mit "wenig Platz für Emotionalität und Bindungsfähigkeit". Dabei dürften Unterschiede zu Heterosexuellen bei dem Wunsch "zu lieben und geliebt zu werden" kaum vorhanden sein. Der Sex Homosexueller sei "bis zu einem gewissen Grade" von Suchtverhalten bestimmt.
Homosexuelle seien in allen Berufen tätig – nicht nur als "Modeschöpfer (…) oder Künstler". Ältere Homosexuelle würden "zänkisch und böse", lebten einsam und verbittert und legten sich "eine schicke Krankheit" oder einen Hund zu. In Zeiten größerer Liberalität würden Homosexuelle zwar toleriert, aber bei einer "Tendenzwende" würden sie wieder im Gefängnis landen. Die "Zukunft der Homosexuellen" liege "ausschließlich in ihrem eigenen Verhalten" – wie sie ihre Beziehungen und ihre Sexualität gestalteten und wie sie "die heterosexuelle Gesellschaft in ihr Leben mit einbeziehen" würden. Sie hätten "die Chance, neue Muster zwischenmenschlicher Beziehungen" zu entwickeln, wenn Sexualität nicht zum Selbstzweck werde, sondern im Kontext von "Emotionalität und Beziehung" praktiziert werde. Den Umgang mit Sexualität könne man lernen – ganz unabhängig von Leistung und Konsum.
"Die Homosexuellen könnten beweisen", dass man geschlechtsspezifisches Rollenverhalten "hinter sich zurücklassen kann". "Wir brauchen Mut!" Die Homosexuellen könnten Begriffe wie Liebe und Toleranz vollkommen neu erfinden. Sie müssten aber den ersten Schritt wagen und sagen: "Wir sind homosexuell, aber wir sind noch sehr viel mehr als das."
Der Autor André Ratti
Der Artikel beginnt mit einer Erklärung, dass der Autor homosexuell sei, aber anonym bleiben wolle, weil "die meisten seiner Mitbürger seine Veranlagung nicht billigen können". Dies müsse jedoch nicht so bleiben und dann wäre vielleicht auch ein solcher Artikel "nicht mehr notwendig". Damit verfolgte die NZ den früher und auch heute nicht selbstverständlichen und emanzipatorischen Ansatz, bei der Frage der Homosexualität einen Homosexuellen selbst zu Wort kommen zu lassen.
Im Rahmen meiner Recherche habe ich von dem Basler Homosexuellenaktivisten Peter Thommen erfahren, dass der Artikel von dem Schweizer Journalisten André Ratti (1935-1986) stammte, der sich erst infolge seiner Aids-Erkrankung 1985 outete und kurz danach an den Folgen von Aids starb. Posthum erschien über ihn die Dokumentation "Ich lebe gern, ich sterbe gern" (1989).
Die Leserbriefe vom 22. November 1975
Von der Redaktion wurden in zwei Ausgaben insgesamt 13 Leserbriefe zu Rattis Artikel veröffentlicht. Sie wurden mit dem Hinweis eingeleitet, dass auch "kräftig" erscheinende Wendungen unverändert belassen worden seien. In ihrer Mischung vermitteln sie einen guten Einblick in den Zeitgeist der Siebzigerjahre. Auf den ersten Leserbrief der HABS werde ich später noch eingehen.
Die Bildhauerin M. Roth vermisst positive Identifikationsmöglichkeiten und verweist auf die Antike bzw. homosexuelle Prominente wie André Gide, Marcel Proust und Benjamin Britten. Jürg Stauffer betont, dass Homosexuelle zwar nicht verfolgt werden sollten, er sieht aber trotzdem auch die Gefahr einer "Verführung" von Jugendlichen. Für Erich Luder ist Rattis Text kaum mehr als eine Lebensbeichte eines Homosexuellen, der mit seinem eigenen Leben nicht zurechtkomme. P. S. aus Basel ist der Ansicht, der Autor räume zwar unbedeutende Klischees aus dem Weg, schaffe aber durch den Hinweis auf promiske, beziehungsunfähige und sadomasochistische Homosexuelle neue und gravierende Klischees. Frans Wassenaar verweist darauf, dass sich die katholische Kirche in der Schweiz dazu entschlossen habe, eine "positive Homo-Seelsorge" zu betreiben, und Harro Schön weist auf die Erfolge der Lesbenbewegung hin sowie darauf, dass von ihr, nicht von den homosexuellen Männern, "ein neues Weltbild kommt".
Die Leserbriefe vom 29. November 1975
In der Ausgabe vom 29. November 1975 erschienen weitere sechs Leserbriefe. Ein "Homo" aus St. Gallen kritisierte die noch bestehenden "Rosa Listen" und verwies auf die kurz zuvor erschienene bahnbrechende Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" von Martin Dannecker und Reimut Reiche. Hanns H. Hänni kritisierte, dass Ratti seinen Text anonym veröffentlicht hatte, sowie dessen Gleichsetzung von Homosexualität mit SM. Das abstrakte Appellieren, mutig zu sein, sei nach seiner Ansicht nur wie ein Rat an einen Ertrinkenden, Schwimmen zu lernen.

Die Leserschaft verwies auf emanzipatorische Literatur wie "Der gewöhnliche Homosexuelle" von Martin Dannecker und Reimut Reiche
Die lesbische I. A. kritisierte, dass der Autor Sex als Sucht darstelle. Sie betonte, ihr und anderen gehe es auch um "Liebe, Treue und Geborgenheit", und empfahl für die Selbstakzeptanz das Buch von Norman Pittenger "Zeit zur Verständigung" (dieses Buch mit dem Untertitel: "Plädoyer eines Christen zum Problem der Homosexualität" von 1971 war eines der ersten theologischen Werke, das sich für die volle Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen aussprach). Eine Cornelia verwies auf negative Erfahrungen mit heterosexuellen Männern und auf ihre tiefe Freundschaft mit ihrem "Homofreund", der den "plumpen Männern ein Vorbild sein" könne. Hannes Bertschi geht davon aus, dass sich durch Rattis Artikel "auch heute noch ein großer Teil der Bevölkerung provoziert vorkommen" werde. Für den Pfarrer Fritz Schneider war es "ein gutes Wort zur rechten Zeit" und er freue sich, wenn "theologische Themen aufgegriffen werden".
Die Basler Bewegung in den Siebzigerjahren
Der Artikel und die Reaktionen darauf sind im Kontext der frühen Homosexuellenbewegung in Basel und der Schweiz zu sehen, die maßgeblich auch von den 1972 gegründeten HABS ausging. Anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums veröffentlichten die HABS die auch online verfügbare Broschüre "Geschichte, Ereignisse und Neues aus 40 Jahren" (2012) über die homosexuelle Geschichte Basels in diesem Zeitraum.
In den Beiträgen zu den Siebzigerjahren werden auch der NZ-Artikel und die dazugehörigen Leserbriefe behandelt (S. 15). Der erste der abgedruckten Leserbriefe stammte von den HABS, die damit auf ihre politische Arbeit hinwiesen und den Autor indirekt dafür kritisierten, dass er seinen Namen nicht nannte. Um als Vorbilder voranzugehen, outeten sich am Ende des Briefs 26 Mitglieder der HABS mit vollem Namen.

Ausschnitt eines Leserbriefs mit 26 Coming-outs in der NZ-Ausgabe vom 22. November 1975 – unter anderem mit den Namen von Peter Thommen und Ueli Tschamper
Wie viel Mut das 1975 erforderte, ist heute wohl kaum noch vermittelbar. Zu diesen mutigen Mitgliedern gehörte auch Peter Thommen und Ueli Tschamper, bei denen ich mich ausdrücklich für ihre Unterstützung für diesen Beitrag bedanke.
Ueli Tschamper nutzte den Leserbrief in der NZ für sein Coming-out

Das HABS-Mitglied Ueli Tschamper erzählt von den Reaktionen auf sein Coming-out in der NZ
Das Mitglied Ueli Tschamper schilderte in der oben genannten Broschüre (S. 15) 37 Jahre später, wie 1975 seine Arbeitskolleg*innen auf sein Coming-out in der NZ reagierten. Der Leserbrief erschien am Samstag, dem 22. November 1975. Als er am darauffolgenden Montag zur Arbeit ging, gratulierte ihm eine Kollegin und sagte, "sie wisse schon, dass ich keiner von denen sei, die kleine Buben verführen". Eine andere Kollegin "weinte, weil sie annahm, nun stünden mir ganz schwere Zeiten bevor". Die meisten schwiegen. Für Ueli Tschamper gab es mehr Bewunderung als Ablehnung, befürchtete Repressionen blieben aus.
Der Nachdruck in "Du & Ich"

Zielgruppengerechte Ansprache: Der Nachdruck von Rattis Artikel in "Du & Ich" (1976)
In der Homosexuellenzeitschrift "Du & Ich" (1976, März, S. 16-19) wurde Rattis Artikel vollständig übernommen, einschließlich der Zwischenüberschriften. Aus der ursprünglichen Überschrift "Ueber die Zukunft der Homosexualität" wurde hier "Wir brauchen Mut! Gedanken über die Zukunft des Homosexuellen". Dadurch erhielt der Text eine andere Ausrichtung, was vor dem Hintergrund der anderen Zielgruppe nachvollziehbar ist. Illustriert wurde der Artikel mit mehreren nackten Männern als Eyecatcher. Zudem wurde von der "Du & Ich"-Redaktion betont, der Text sei mehr "als nur ein dringlicher Appell an die heterosexuelle Gesellschaft", sondern "auch ein Aufruf an alle Homosexuellen, über ihr eigenes Verhalten kritisch nachzudenken". Es liegt nahe, dass der Text über den Schweizer Publizisten Alexander Ziegler (1944-1987) in die "Du & Ich" kam, der von 1971 bis 1979 Chefredakteur der Zeitschrift war.
Der Artikel hatte nur zwei abgedruckte Leserbriefe zur Folge: In der Juni Ausgabe von 1976 bedauerte das HABS-Mitglied Peter Fertig, dass es bis Februar 1976 immer noch immer kein Treffen mit dem Autor gab und in der Juli-Ausgabe wünschte sich Ekkehard T. aus Dortmund von den Schwulen mehr Selbstwertgefühl, statt "Abkapselung und Märtyrergehabe". Für die Recherche in der "Du & Ich" bedanke ich mich hiermit bei den Mitarbeitern im Centrum Schwule Geschichte.
Peter Thommen erinnert sich an André Ratti und die NZ

Peter Thommen (*1950) vom Arcados-Archiv in Basel im Jahre 2017
Der damalige HABS-Aktivist Peter Thommen erinnert sich:
Meine Bekanntschaft mit André Ratti begann bei dem Treffen einer Handvoll HABS-Leute mit dem zunächst unbekannten Autor der "National-Zeitung". Die Gruppe hatte auf den Artikel mit einem Leserbrief reagiert und Ratti hatte ein Treffen vorgeschlagen. Das Aufsehen in der HABS war groß und wir wollten mit ihm diskutieren. In seinem Artikel hatte er sich auf die HAZ in Zürich bezogen und wir von der HABS in Basel waren da etwas entspannter. Das Treffen fand in meiner damaligen Wohnung statt. André Ratti arbeitete beim Schweizer Fernsehen in Zürich, wie sich herausstellte. Er war Wissenschaftsredakteur bzw. gelernter Buchhändler und hatte dort wohl keine Kontakte zur Schwulenbewegung. Im Gespräch wurde dann klar, dass Ratti mit seinem Text "aufrütteln" wollte, weil er an seiner Situation etwas verändern wollte. Sein Text ist für mich so etwas wie die "Betrachtungen eines Unpolitischen". In den darauffolgenden Jahren verlor ich ihn aus den Augen, begegnete ihm erst wieder in den Achtzigern in meinem Buchladen Arcados. Er war Basler und suchte hier in der Stadt nach Kontakten. So kam er immer mal vorbei, um sich zu informieren. Ich war in der Anfangszeit in der HABS aktiv und setzte mich für deren politische Etablierung in Basel ein.
Einschätzung des Verhaltens der Redaktion
Das Verhalten der NZ-Redaktion deutet auf eine recht aufgeschlossene Haltung hin. Es ist löblich, dass sie einen Homosexuellen selbst zu Wort kommen ließ. Die Auswahl der Leserbriefe – es wurden keine grundsätzlich ablehnenden Briefe abgedruckt – unterstützt für mich die Annahme einer eher emanzipatorischen Grundhaltung der Redaktion zu dieser Zeit. Die Leserbriefe vom 22. November 1975 wurden mit einem Foto der kirchlichen Trauung zweier Männer in San Francisco illustriert, was zusammen mit der Überschrift "Zukunft der Homosexualität" auf eine mögliche Zukunft in der Schweiz verwies, in der Homosexuelle heiraten können. Die Äußerung der Redaktion, dass Homosexuelle ihr "eigenes Verhalten kritisch (…) überprüfen" sollten, wirkt vorwurfsvoll, greift jedoch nur die Äußerungen des Autors auf. Ähnliches gilt für den Hinweis der Redaktion auf die fehlende "Bindungsfähigkeit" der Homosexuellen, der keine Kritik an Homosexualität darstellt. Die Redaktion beschrieb Homosexualität als ein heikles, aber diskussionswürdiges Thema (22. November), was mutig wirken soll und sich wohlwollend und abwartend anhört.

Mit einem Foto der kirchlichen Trauung zweier Männer in San Francisco wurden die Leserbriefe illustriert
Nach Auskunft von Peter Thommen war 1975 die politische Ausrichtung der NZ linksliberal. Dies änderte sich 1977 durch die Fusion mit den bürgerlich-konservativen "Basler Nachrichten" zur "Basler Zeitung". In den späteren Jahren nach der Fusion gab es – so Thommen – jedoch auch Probleme, als die HABS ein Inserat schalten wollten.
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Eine Einschätzung des Autors
Seit Rosa von Praunheim und seinem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) wissen wir, dass mit provokanten Aussagen Schwule erfolgreich getriggert werden können, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Auch André Ratti wollte mit seinem Text offenbar aufrütteln und verwies auf Sex in öffentlichen Toiletten, der Vorurteile zu bestätigen scheine. Seine Unterstellungen, wie die Behauptungen einer von Suchtverhalten gesteuerten schwulen Sexualität, einer speziell schwulen Vorliebe für SM und "faschistischer Züge" der Lederszene, waren jedoch zu pauschal, um als konstruktive Kritik durchzugehen. Seine Sichtweise auf Sexualität war moralisch geprägt, aber nicht moralisierend. Dass Sexualität emotional eingebunden sein sollte, ist ein legitimer Standpunkt. Die Aufforderung "Wir brauchen Mut!" kann wohl jede*r unterschreiben. Der Text analysiert überwiegend Erscheinungen der damaligen Gegenwart; die Überschrift "Zukunft der Homosexualität" passt daher nur bedingt. Insgesamt wirkt der Beitrag gut gemeint – ob er wirklich gut gelungen ist, hängt auch von der individuellen Perspektive ab.
Der Kritik an Rattis Text, wie sie in einem Teil der Leserbriefe deutlich wird, kann ich mich gut anschließen. Ratti forderte andere auf, mutig zu sein, publizierte seinen Text aber dennoch anonym. Er sprach lediglich von Toleranz, nicht von Akzeptanz. Lesben wurden von ihm nur beiläufig erwähnt. Die Irritationen der HABS, die aus dem Leserbrief deutlich werden, kann ich gut nachvollziehen, denn ein Autor, der außerhalb der Homosexuellenbewegung stand, hat darauf verwiesen, dass diese Bewegung bislang kaum messbare Erfolge erzielt habe. Auch unter Berücksichtigung der Annahme, dass Ratti mit seinen Zuspitzungen gezielt provozieren wollte und sich dabei vielleicht sogar von Rosa von Praunheim inspirieren ließ, bleiben für mich dennoch erkennbare inhaltliche Schwächen in seinem Text.
Man kann Rattis Text auch anhand seiner Wirkung beurteilen. Nicht jeder Autor schaffte es in dieser Zeit, einen großen, grundsätzlich emanzipatorischen Artikel in der bürgerlichen Presse zu platzieren und so Homosexualität zu enttabuisieren. Mit seinem überwiegend positiv aufgenommenen Beitrag konnte er in die Breite der Schweizer Bevölkerung wirken – das ist ein Verdienst, das André Ratti erreicht hat.
Außerdem finde ich Rattis Text in doppelter Weise inspirierend: zum einen für die Frage, wie man sich früher die Zukunft der Homosexuellen vorgestellt hat – also letztlich die Gegenwart, in der wir heute leben. Zum anderen regt er dazu an, sich vorzustellen, wie wir uns heute die Zukunft der queeren Menschen in 50 oder 100 Jahren vorstellen. Wie werden wir sozial und sexuell miteinander umgehen? Wo werden wir uns treffen? Wie werden sich Politik und Gesellschaft verändern? Wird sich die queere Bewegung in Zukunft überflüssig machen?
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