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Bildband

Ein queerer Blick auf den Ukraine-Krieg

In seinem bewegenden Buch "The Queer Face of War – Portraits and Stories from Ukraine" richtet der Journalist und Fotograf J. Lester Feder seine Kamera auf jene, die in den üblichen Heldenerzählungen keinen Platz finden.


J. Lester Feder zeigt durch berührende Porträts und aufwühlende Geschichten das queere Gesicht des Ukraine-Krieges (Bild: J. Lester Feder)

Es ist ein Krieg, der in Echtzeit gefilmt, gestreamt und kommentiert wird – und doch bleiben viele seiner Gesichter unsichtbar. J. Lester Feder, Journalist und Fotograf, richtet seine Kamera auf jene, die in den üblichen Heldenerzählungen keinen Platz finden: queere Ukrainerinnen, Soldatinnen, Aktivist*innen, Mütter, Dragqueens.

In "The Queer Face of War" (Amazon-Affiliate-Link ) erzählt er ihre Geschichten – leise, zornig, zärtlich. Das Buch ist kein Report, keine Chronik, sondern ein Korrektiv: eine Sammlung von Porträts, die beweisen, dass die Geschichte des Krieges immer auch eine Geschichte der Körper ist, die sie tragen.

Feder – der Chronist der Ränder

Feder, früherer "BuzzFeed"-Korrespondent und Reporter für "Politico", hat jahrelang über queere Politik und Menschenrechte geschrieben. Doch in diesem Werk verschiebt er die Perspektive: vom Beobachter zum teilnehmenden Zeugen.

Er reist in Frontgebiete, in zerstörte Vororte von Kyiv, in improvisierte Schutzräume und auf queere Versammlungen mitten im Krieg. Er fragt nicht zuerst nach Strategie oder Diplomatie, sondern nach Identität: Wer darf im Krieg sichtbar sein – und zu welchem Preis?

Das Buch ist dabei nicht nur journalistisches Dokument, sondern moralisches Statement. Feder zeigt, dass das Schlachtfeld längst ideologisch ist: Russland kämpft nicht nur gegen ein Land, sondern gegen eine Vorstellung von Freiheit, in der auch queere Liebe Platz hat.

Die Gesichter – Viktor, Olena, AuRa, Adam


Der Bildband "The Queer Face of War" ist im Oktober 2025 im Verlag Kettler erschienen

Feder stellt den Krieg vor wie eine Bühne, auf der Identität eine zweite Uniform wird.

Da ist Viktor, der Soldat aus einer Militärfamilie, der sich erst nach Jahren seines Dienstes als schwul outet – und dann Mitgründer der ersten queeren Soldatinnen-Organisation der Ukraine wird. Sein Mut ist nicht nur militärisch, sondern existenziell: Er kämpft um das Recht, er selbst zu sein.

Da ist Olena Hloba, die Mutter, die sich unter russischem Beschuss versteckt und später in ihr zerstörtes Dorf zurückkehrt, um für Eltern queerer Kinder zu sprechen. Ihre Stimme trägt durch die Ruinen: "Wir verteidigen nicht nur unser Land, wir verteidigen unsere Kinder."

Und da ist Artur, der Drag-Performer AuRa, dessen Bühnenfigur zu einem Symbol des Überlebens wird. Zwischen Sirenen und Scheinwerfern verwandelt er Angst in Schönheit. "Wenn sie uns zerstören wollen", sagt er, "dann antworte ich mit Glitzer."

Der queere Körper als Frontlinie

Was Feder sichtbar macht, ist mehr als individuelle Tapferkeit. Er zeigt, dass queere Körper im Krieg doppelt exponiert sind – Zielscheiben und Symbole zugleich. Sie verkörpern die Grenzen, die Ideologien ziehen, und die Möglichkeiten, sie zu überschreiten. In einer Zeit, in der Russland seine Aggression als Verteidigung "traditioneller Werte" stilisiert, wird queeres Leben selbst zu einem politischen Bekenntnis.

Feder insistiert darauf, dass diese Gewalt – die Entwürdigung, die gezielte Folter, das Verschwindenlassen – nicht als Nebenschauplatz des Krieges behandelt werden darf. "Wir können nicht verurteilen, was wir nicht benennen", schreibt er. Der Satz ist Manifest und Mahnung zugleich.

Krieg, Erinnerung und Recht

Das Buch öffnet einen Raum, in dem Zeugnis zur politischen Handlung wird. Indem Feder die Geschichten der Überlebenden sammelt, ringt er auch um die Sprache des Rechts: Wann wird antiqueere Gewalt als Kriegsverbrechen anerkannt? Wann gelten Folter und Vergewaltigung aufgrund von Geschlecht oder Identität als das, was sie sind – systematische Angriffe auf die Menschlichkeit?

Sein Werk reiht sich damit in die Tradition von James Nachtwey oder Svetlana Alexijewitsch ein: Es beschreibt nicht nur das Leiden, sondern die Würde im Widerstand.


Portrait aus "The Queer Face of War" (Bild: J. Lester Feder)

Der Blick nach vorn

Am Ende steht kein Triumph, sondern ein stilles Bekenntnis: Der Kampf um Freiheit ist unteilbar. Wer die Rechte von Minderheiten verteidigt, verteidigt die Demokratie selbst.

Feder macht sichtbar, dass queere Ukrainer*innen nicht nur für ihre Liebe, sondern auch für das Bild kämpfen, das die Welt von ihrem Land hat. In dieser Erkenntnis liegt die Kraft seines Buches – und seine Notwendigkeit.

Ein Buch als Gegenerinnerung

"The Queer Face of War" ist keine Reportage über Randfiguren, sondern ein Werk über das Zentrum der Gegenwart: über die Zerbrechlichkeit von Freiheit, wenn sie mit Körpern verteidigt werden muss.

Feder erzählt mit Empathie und dokumentarischer Präzision – und zeigt, dass in jedem Porträt ein universaler Anspruch liegt: gesehen zu werden. So wird sein Buch zur Gegenerinnerung – gegen die Unsichtbarkeit, gegen das Vergessen, gegen die Vorstellung, Krieg sei nur eine Angelegenheit der Männer in Uniform.

Denn hier, zwischen Schützengraben und Drag-Bühne, entsteht ein anderes Bild der Tapferkeit: das queere Gesicht des Krieges.

Infos zum Buch

J. Lester Feder: The Queer Face of War. Portraits and Stories from Ukraine. Bildband. 144 Seiten. Verlag Kettler. Bönen 2025. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-98741-199-1)

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