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Buchtipp

Trans, verliebt und einsam: Queeres Lieben ist politisch

Das neue Buch "Love in Exile – Queerness, Sehnsucht und warum Dating harte Arbeit ist" von Shon Faye vereint Intellekt und Gefühl. Es ist politisch scharf, spirituell offen und zutiefst menschlich zugleich.


Shon Faye, geboren in Bristol, ist Autorin des Bestsellers "Die Transgender-Frage". Sie schreibt die Ratgeber-Kolumne "Dear Shon" für Vogue.com. Faye lebt in London (Bild: Paul Samuel White)

Mit "Love in Exile" (Amazon-Affiliate-Link ) legt Shon Faye ein schonungsloses, kluges und zutiefst bewegendes Buch vor – eines, das weh tut, weil es trifft. Sie schreibt über ihre trans Weiblichkeit, über Begehren, Verlust und die Sehnsucht nach Liebe in einer Welt, die ihr diese systematisch verweigert. Doch statt in Bitterkeit zu verfallen, sucht sie nach Möglichkeiten, zu vergeben, zu lieben, weiterzuleben. Es ist ein Buch über Verletzlichkeit und Würde, über die Kraft, sich der eigenen Zerstörung zu stellen. Faye schreibt mit einer Sprache, die zugleich zart und unerbittlich ist – analytisch, poetisch, brutal ehrlich.

"Schreiben über Liebe ist kein Heilungsakt", schreibt sie, "sondern ein Versuch, das Unbegreifliche zu fassen." Sie zweifelt daran, dass man Liebe durch Bücher oder Theorie lernen kann – das "kühle Sezieren" des eigenen Herzens bleibt für sie steril. Liebe ist kein Erkenntnisobjekt, sondern ein Zustand, der erfahren, riskiert, gelebt werden muss. Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Buch: Faye schreibt nicht über Liebe, sie schreibt aus ihr – aus dem Schmerz, dem Begehren, der Einsamkeit und der Hoffnung.

Liebe, Körper und Politik sind eng miteinander verwoben


"Love in Exile – Queerness, Sehnsucht und warum Dating harte Arbeit ist" ist im Oktober 2025 im Verlag hanserblau erschienen

In acht präzise gearbeiteten Kapiteln entfaltet sie ein Panorama der Liebe in ihren vielen Formen: romantisch, freundschaftlich, süchtig, spirituell. Sie verknüpft persönliche Erfahrung mit scharfer Analyse, seziert patriarchale Machtstrukturen und zeigt, wie eng Liebe, Körper und Politik miteinander verwoben sind. Der Verlust von Liebe ist bei ihr nicht nur privat, sondern politisch – doppelt schmerzhaft, weil er die gesellschaftliche Lüge bestätigt, dass trans Frauen nicht liebenswert seien. Und doch erkennt Faye darin eine paradoxe Freiheit: die Möglichkeit, ein Leben jenseits dieser Normen zu denken.

Brillant ist ihre Analyse der Heterosexualität als sozialem System, das Abweichung bestraft und Männlichkeit als Unterdrückungsform aufrechterhält. Sie beschreibt ihre Kindheit als "geschlechtlicher Abweichler" und ihre ambivalente Faszination für Männlichkeit, die zugleich erotisch und zerstörerisch ist. "Ich bewegte mich als 'Schwuchtel' durch die Welt – als jemand, der durch sein unpassend feminines Auftreten der Männlichkeit versagte." Faye denkt Weiblichkeit als performativen Akt – geprägt durch den männlichen Blick und kapitalistische Körpernormen. "Mir fehlt ein authentisches sexuelles Selbst, das von dem Druck, auf eine kulturell vorgegebene Weise 'sexy' zu sein, losgelöst ist", schreibt sie – ein Satz, der tief ins Mark trifft.

Sucht als Überlebensstrategie

Ihre Kapitel über Sucht und Nachtleben sind erschütternd und zugleich voller Mitgefühl. Alkohol wird hier zur Flucht vor der "Last, in einer kalten und feindseligen Welt ohne Liebe zu existieren". Sucht ist für Faye keine moralische Schwäche, sondern eine Überlebensstrategie, eine "parasitäre Ranke", die Halt gibt und gleichzeitig erdrosselt. Sie beschreibt, wie Schmerz, Begehren und Selbsthass sich verschlingen – und dass Heilung erst beginnt, wenn man wieder lernt, präsent zu sein, sich selbst und anderen offen zu begegnen.

Auch Mutterschaft liest Faye radikal politisch: Eine patriarchale Gesellschaft erwartet, dass Frauen bereit sind, geschwängert zu werden – und entscheidet zugleich darüber, welche Körper als "würdig" gelten. Gegen diese biopolitische Kontrolle setzt sie eine Ethik der Fürsorge, die über biologische Mutterschaft hinausgeht. Mutterliebe wird bei ihr zu einem Modell solidarischer Verantwortung – gegenüber Geflüchteten, Ausgegrenzten und der Natur.

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Freundschaft als die freieste Form von Liebe

Später wendet sich Faye Freundschaft, Selbstfürsorge und Spiritualität zu. Sie beschreibt Freundschaft als die freieste Form von Liebe, weil sie weder durch Begehren noch durch Pflicht bestimmt ist. In einer kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft wird sie entwertet, weil sie keinen Nutzen bringt. "Einer der Gründe, warum ich froh bin, trans zu sein, ist die höhere Qualität der Freundschaften, die ich dadurch in meinem Leben habe." Diese Beziehungen sind für Faye Orte des echten Austauschs, jenseits von Scham, Besitzdenken und Geschlechterrollen.

Im spirituellen Schlusskapitel "Agape" verschmelzen Körper, Sexualität und Göttlichkeit. Faye verbindet Hexenkunst, Feminismus und queere Theologie zu einer Spiritualität, die sinnlich, erdverbunden und verzeihend ist. Ihre Gottheit ist wandelbar, geschlechtslos, trans – ein Symbol für Transformation und radikale Liebe. Wut bleibt für sie politisch notwendig, aber Liebe ist die Kraft, die uns menschlich hält.

Im Nachwort blickt Faye mit entwaffnender Ehrlichkeit auf ihr eigenes Schreiben: "Ich glaube wirklich nicht, dass man aus Büchern lernen kann, geliebt zu werden oder zu lieben. (…) Ich kann es nur versuchen." "Love in Exile" ist kein Buch, das erklärt, was Liebe ist – es zeigt, wie sie sich anfühlt: widersprüchlich, verletzlich, schmerzhaft und schön. Es ist ein seltenes Werk, das Intellekt und Gefühl vereint, das politisch scharf, spirituell offen und zutiefst menschlich ist.

Infos zum Buch

Shon Faye: Love in Exile – Queerness, Sehnsucht und warum Dating harte Arbeit ist. Übersetzt aus dem Englischen von Desz Debreceni und Anne-Sophie Ritscher. 256 Seiten. hanserblau. München 2025. Hardcover: 22 € (ISBN 978-3-446-28429-6).E-Book: 16,99 €

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