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Homosexuelle Literaturgeschichte

Klaus Manns "Der fromme Tanz" wird 100 Jahre alt

Vor 100 Jahren – im November 1925 – veröffentlichte Klaus Mann seinen Roman "Der fromme Tanz" und damit einen der ersten deutschsprachigen Homosexuellen-Romane.


Foto von Klaus Mann aus der Homo­sexuellenzeitschrift "Der Eigene" (1925, Heft 12, S. 531)

Zum Inhalt des Romans

Klaus Mann schildert in seinem ersten Roman "Der fromme Tanz. Das Abenteuerbuch einer Jugend" das Leben des ca. 18-jährigen Andreas Magnus, der aus einem großbürgerlichen Elternhaus stammt und nach Berlin reist, um das Großstadtleben zu entdecken. In Berlin lernt er auch die "einschlägigen" (fiktiven) Lokale "Das Paradiesgärtlein" und "Sankt-Margaretenkeller" kennen (Online-Ausgabe, S. 123-137). Dabei merkt er, dass er für Niels ganz besondere Gefühle entwickelt, und "er wußte nicht, daß das 'lieben' heißt: die ganze Schöpfung in einem Körper wiedererkennen. Er wußte nicht, daß eine Stimme lieben bedeutet, in einer Stimme alle Melodien wieder zu hören und zu begreifen." Dabei kam es ihm gar "nicht in den Sinn, sie (die Liebe zu Niels) vor sich zu leugnen, sie zu bekämpfen als 'Entartung' oder als 'Krankheit'" (S. 238-239). Später reist er Niels nach Paris hinterher und sie besuchen dort das mondäne Künstlerfest "Clo-Clo-Clo", bei dem auch Knaben gehuldigt wird und Damen als Männer auftreten (S. 267-280). Am Ende des Romans erkennt Andreas, dass er noch viel verreisen und vieles erleben möchte.

Die Bedeutung des Romans und die Online-Ausgabe

"Der fromme Tanz" gilt heute als einer der ersten deutschsprachigen Homosexuellen-Romane. Klaus Mann schrieb ihn mit 18 Jahren, das Buch erschien im Monat seines 19. Geburtstages. Aufgrund der vielen Parallelen zwischen der Figur Andreas Magnus und dem Autor Klaus Mann ist es naheliegend, dass der Roman autobiografische Züge trägt, und nur vor diesem Hintergrund ist auch die Behauptung zu verstehen, Klaus Mann habe sich damit "öffentlich zu seiner Homosexualität" bekannt (Wikipedia). Andreas Magnus' Vater wird im Roman "Dr. Magnus" genannt, möglicherweise eine Anspielung auf den Homosexuellenaktivisten Dr. Magnus Hirschfeld.

Der Roman steht in der Erstausgabe auch online zur Verfügung – im Rahmen der "Digitalen Bibliothek verbrannter Bücher" des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. Dieser Umstand verweist darauf, dass Klaus Mann heute zu den wichtigsten Repräsentanten der deutschsprachigen Exilliteratur nach 1933 gehört. Die Einleitung zu dieser Online-Ausgabe verweist darauf, dass "Bücher, die wie dieses (Buch) Erotik, Elend, Großstadt, Drogen, Gewalt und Prostitution thematisierten (…), zwischen 1926 und 1935 (…) auf einer Liste der indizierten Literatur geführt" wurden. In der Einleitung werden zudem alle Seiten aufgelistet, auf denen Klaus Mann das N-Wort verwendete. Hier wäre eine Einordnung in den historischen Kontext wünschenswert, um Missverständnisse bezüglich einer möglichen rassistischen Haltung des Autors zu vermeiden.


"Der fromme Tanz" – Ausgaben von 1925 und 1982

Die zeitgenössische Rezeption

Die Reaktionen auf diesen Roman waren gemischt: Für das in Detmold erscheinende sozialdemokratische "Volksblatt" (8. Januar 1926) war es das beste Buch des Jahres. Die konservative "Westfälische Zeitung" aus Bielefeld (10. März 1926) äußerte sich über die Geschichte des 19-jährigen Künstlers, der sein Vaterhaus verlässt und sich in Berlin und Paris "in zweifelhaften Pensionen, in Kabaretts, Kaschemmen unter geschminkten homo- und bisexuellen Herrchen und Dämchen" herumtreibt, kritisch. Für das katholische "Westfälische Volksblatt" (1. November 1926) aus Paderborn zeigt der Roman nur ein "haltloses Schwanken zwischen unnatürlichem Triebleben und moralischer Verantwortungslosigkeit".

Der Roman erschien nicht 1926, sondern Ende 1925

In der Erstausgabe des Romans ist als Erscheinungsjahr 1926 angegeben – offenbar mit der Absicht, ihn länger aktuell erscheinen zu lassen. Tatsächlich erschien er jedoch schon Ende 1925. Am 6. Oktober 1925 wurde er im "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" erstmals angekündigt und die "Kölnische Zeitung" erwähnte am 26. Oktober 1925 den (ihr offenbar noch nicht bekannten) "neuen, eben jetzt erscheinenden Roman". In der "Literarischen Welt" erschienen am 6. und 13. November 1925 Werbeanzeigen für den nun lieferbaren Titel.

Auszüge im "Eigenen" und eine Rezension

Im Dezember 1925 erschien in der Homosexuellen-Zeitschrift "Der Eigene" ein "Abschnitt aus einem Entwicklungsroman" (1925, Heft 12, S. 532-534) – ohne dass der Buchtitel genannt wurde. Der Auszug stammt – wie die meisten veröffentlichten Auszüge aus diesem Roman -aus dem 5. Kapitel des II. Abschnitts. Daneben wurde ein Foto des Autors Klaus Mann (S. 531) abgedruckt. Weil als Veröffentlichungsjahr des Romans meist 1926 genannt wird, haben einzelne Historiker angenommen, dass es sich bei dem Auszug im "Eigenen" um einen Vorabdruck handeln müsse. Vermutlich war es aber ein auszugsweiser Nachdruck des im November 1925 bereits erschienenen Romans.

1927 wurde der Roman von Christian von Kleist im "Eigenen" (1927, Heft 5, S. 159-160) rezensiert. Er erkannte bei Klaus Mann eine unglaubliche Frühreife und verwies in Bezug auf Klaus Manns "Haltung und Sprachkultur" bzw. "Stil und Formgefühl" auf seinen Vater Thomas Mann. Irritierenderweise sah Kleist in der Authentizität des Romans – "ein Bekenntnis echter und mutiger Art" – auch etwas Negatives, denn das "Autobiographische dieser Dichtung (…), die aus dem unmittelbaren, gegenwärtigen und persönlichen Leben schöpft, entbehrt vielleicht zuweilen der Distanzierung zum Objekt des Dargestellten". Statt ausführlich auf einzelne Textpassagen einzugehen, die offen von Liebesverhältnissen zwischen Männern handeln, schreibt Kleist nur davon, dass Andreas "unerfüllt und einsam" zurückbleibe und dass sich deshalb – bezogen auf "Sehnsucht und Einsamkeit" – Parallelen zu den Werken Herman Bangs erkennen ließen.


Christian von Kleist, der in "Der Eigene" (1927, Heft 5) eine Rezension zu "Der fromme Tanz" verfasste

Aktuellere Sekundärliteratur – Sascha Kiefer

In Wikipedia werden im Artikel "Geschichte sexueller Minderheiten" zwischen 1923 und 1928 außer dem Erscheinen dieses Romans keine anderen Ereignisse in Deutschland zur LGBT-Geschichte aufgeführt. Das vermittelt bereits einen ersten Eindruck von der Bedeutung, die diesem Roman zugeschrieben wird. Dieser Eindruck wird auch durch einen Blick auf die Sekundärliteratur bestätigt, die sich bis heute intensiv mit diesem Roman und seinem Autor beschäftigt.

Besonders hervorzuheben ist Sascha Kiefer, der sich mit den homosexuellen Aspekten des Romans ausführlich auseinandersetzte ("Der fromme Tanz. Klaus Manns Romandebüt im Kontext seines Frühwerks", in: "Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik", Nr. 3, 1997, S. 191-208): Mit seinen Schilderungen der homosexuellen Subkultur gehöre der Roman zu den ersten deutschsprachigen Prosa-Werken, "in denen die Homosexualität eine dominierende Rolle spielt". So "ausführlich und direkt hat Klaus Mann das Milieu der Strichjungen und Transvestiten in späteren Werken nie mehr beschrieben". Die negativen Seiten dieses Großstadtlebens, wie die Schicksale von Strichern und die Kokainsucht, würden dabei von Klaus Mann nicht ausgeblendet.

Nach Kiefer sind die autobiografischen Bezüge leicht aufzuzeigen, auch deshalb, weil Klaus Mann die Figur des Andreas in seiner späteren Autobiografie "Der Wendepunkt" als ein "Selbstportrait" bezeichnet habe. Autobiografische Bezüge ergäben sich auch über Stefan George, für den sich Klaus Mann schon früh begeistert habe. Die "Liebe und Verehrung, die der intellektuelle Andreas dem geistig unterlegenen, aber schönen Niels entgegenbringt, erinnern entfernt an den Maximin-Kult des George-Kreises". Zwischen dem Autor und dem Protagonisten des Romans gebe es jedoch auch Unterschiede. Während bei anderen Romanfiguren auch auf sexuelle Leidenschaften eingegangen werde, scheine Andreas seine Homosexualität durch sein Interesse an den homosexuellen Autoren Walt Whitman, Stefan George, Herman Bang, Paul Verlaine und Oscar Wilde zu sublimieren. Ganz im Gegenteil zu Klaus Mann, der – wie aus seinen Tagebüchern hervorgehe – in Berlin promisk gelebt habe.

Der Roman sei seit seinem ersten Erscheinen als Bekenntnis des Autors zu seiner Homosexualität gelesen worden, was vermutlich nicht nur Mut, sondern auch Lust am Skandal erfordert habe. Im Roman würden jedoch Konfliktherde wie Familie und Berufsleben und die "Konfrontation mit der bürgerlichen Moral" vermieden. Nur so habe der Autor "homosexuelle Lebensweisen als selbstverständliche Alternativen darstellen (können), die einer Rechtfertigung (…) nicht bedürfen". In dieser Einstellung – der "ein utopisches Element innewohnt" – liege die "provozierende Kraft des Buches".

Weitere Sekundärliteratur

Diese Utopie macht Javier Samper Vendrell (Assistenzprofessor u. a. für Gender Studies an der University of Pennsylvania) zum Hauptthema seines Aufsatzes "Queer Utopia in Klaus Mann's 'Der fromme Tanz'" (in: "German Quarterly", Band 94, 2021, S. 83-98). Für ihn hat diese "queere Novelle" zumindest ein utopisches Potenzial, auch wenn sie keine Utopie im traditionellen Sinne darstelle, weil Klaus Mann ja eben keine ideale Gesellschaft beschreibe. Samper Vendrell betont das Identifikationspotenzial für Homosexuelle und bezeichnet den Roman als eine Art "Archiv der Gefühle" der Zwanzigerjahre.

Der Literaturwissenschaftler Gerhard Härle ("Männerweiblichkeit. Zur Homosexualität bei Klaus und Thomas Mann", 1988, S. 268-275) leitet den Namen des Protagonisten "Andreas Magnus" so ab: "Andreas" komme vom griechischen Wort für Mann und "Magnus" verweise auf etwas Großes. Härle weist auf die besondere autobiografische Bedeutung des Werkes hin und zweifelt nicht daran, dass die literarische Gestalt Andreas Magnus nicht nur das Verhältnis "zum eigenen schriftstellerischen Werk spiegelt", sondern "auch zu diesem Zweck entwickelt wurde".

Die Literaturwissenschaftlerin Nicole Schaenzler geht in ihrer Dissertation ("Klaus Mann als Erzähler. Studien zu seinen Romanen 'Der fromme Tanz' und 'Der Vulkan'", 1995, S. 17-68) auf einzelne Romanfiguren näher ein, wie den bindungsunfähigen und heterosexuellen Niels sowie die beiden Homosexuellen Boris und Paulchen. In Klaus Manns Romanen bestimmten "die Kritik an der Pseudomoral" der Gesellschaft und "die unerwiderten Liebes- und Leibesbegehren (aus der Sicht eines Homosexuellen) das Handlungsgeschehen".

Der Journalist und Buchautor Axel Schock ("Das Buch der schwulen Bücher. Die Bibliothek von Sodom", 1997, S. 139-141) sieht einen Zusammenhang zwischen Klaus Manns Roman von 1925 und den Äußerungen seines Vaters Thomas Mann über Homosexualität in dessen Essay "Die Ehe im Übergang" (in: "Das Ehe-Buch", 1925, S. 212-226). Auch ich kann mir diesen Zusammenhang vorstellen, wenn ich auch zu einer positiveren Einschätzung von Thomas Manns Äußerungen komme (s. meinen queer.de-Artikel vom 16. Februar 2025). Ich teile Axel Schocks Bewertung: "Die unbekümmerte Direktheit verleiht dem Buch ("Der fromme Tanz") seine besondere Authentizität."

Uwe Naumann ("Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluß" (1999, S. 62 mit einem Faksimile des ersten Kapitels) betont: "In literarischer Hinsicht war "Der fromme Tanz" gewiß ein fragwürdiges Werk: voller Pathos und religiöser Überhöhung, mit sprachlich oft unzulänglichen Mitteln. Und doch ist er als Dokument (von Klaus Manns Homosexualität) höchst aufschlussreich".


Das Faksimile von Klaus Manns Handschrift des ersten Kapitels

Für den Autor und Literaturhistoriker Tilmann Lahme ("Thomas Mann. Ein Leben", 2025, S. 235-236) ist "Der fromme Tanz" "der erste Roman der deutschen Literatur, der homosexuelle Liebe offen darstellt", und er verweist auf die mitunter brutalen Verrisse, die Anfeindungen, aber auch auf die Leser, die sich in diesem Roman wiederfinden konnten.

Fester Platz in der schwulen Geschichte

Beim Lesen des Romans musste ich häufig darüber nachdenken, welches Verhältnis Klaus Mann zu seinem Vater gehabt haben könnte. Klaus Mann wurde Zeit seines Lebens als Schriftsteller am Werk seines berühmten Vaters Thomas Mann gemessen, was ihm den Einstieg als Autor einerseits erleichterte, andererseits jedoch erschwerte. Mit "Der fromme Tanz" machte Klaus Mann deutlich, dass er mit seiner Homosexualität anders umging als sein Vater. Joachim Campe hat dies so formuliert: "Man muß kein Psychoanalytiker sein, um im Stil dieses literarischen und erotischen Coming outs einen Protest gegen den Vater zu entdecken, der sich zu strenger geistiger Disziplin nötigte und die sexuellen Begierden weitgehend unterdrückte" ("Andere Lieben", 1988, S. 249).

Heute hat der Roman unbestreitbar einen festen Platz in der schwulen Geschichtsschreibung. Dass er auch außerhalb der Literaturwissenschaft rezipiert wird, zeigen Filme wie "Escape to Life – Die Erika und Klaus Mann Story" (2000) und Theaterinszenierungen wie "Frommer Tanz – Abenteuer einer Jugend" im Hamburger Thalia Theater (Oktober 2025), die diesen eindrucksvollen Roman aus einer längst vergangenen Epoche deutscher Geschichte ebenfalls aufgreifen.


Szenenbild aus der Theaterinszenierung "Frommer Tanz – Abenteuer einer Jugend" im Hamburger Thalia Theater(Bild: Isabel Machado Rios)

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