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Buchtipp
Eine queere Abrechnung mit Leistung, Disziplin und Konkurrenz
Mit der Graphic Novel "Leib" präsentiert der genderqueere Berliner Künstler Lias Sinram (Pronomen he/they) eine berührende Geschichte über das Aufwachsen im kompetitiven Turnsport.

Szene aus "Leib"
- Von
9. November 2025, 12:51h 3 Min.
Lias Sinram (Pronomen he/they), Student der Visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, hat mit der Graphic Novel "Leib" (Amazon-Affiliate-Link ) im Oktober sein erstes Buch veröffentlicht – eine berührende Geschichte über das Aufwachsen im kompetitiven Turnsport. Der Titel verweist auf die Körperlichkeit dieser Disziplin – und darauf, wie früh junge Körper gedrillt werden, ohne dass die nationalsozialistische Vergangenheit des deutschen Turnsports kritisch reflektiert würde.
Der Comic ist autofiktional und entstand als praktischer Teil von Sinrams Bachelor-Abschluss in Visueller Kommunikation in Berlin. Er beginnt damit, dass Protagonistin Lisa – Achtung, alle weiblichen Figuren tragen ähnliche L-Namen – zum zwölften Geburtstag einen Turnanzug mit Flammenmuster erhält. Dieses Motiv zieht sich durch das Buch: Flammen stehen für Lisas jugendliche Wut und Impulsivität, für den harten Wettbewerbsgeist, aber auch für die Bücherverbrennung, über die sie in der Schule referieren muss. Der Comic beschreibt die nationalsozialistische Ausrichtung der Deutschen Turnerschaft, die Turnen als Mittel einer "nationalen und sozialen Erneuerung auf völkischer Grundlage" verstand.
Nicht aufgeben – niemals

Die Graphic Novel "Leib" ist im Oktober 2025 im Berliner avant-verlag erschienen
Sinram verknüpft diese historische Dimension mit einer persönlichen Reflexion: Im Interview fragt er, welche Narrative und Wertvorstellungen durch Turnen als Performance weitergetragen werden – und was sich davon in seinen eigenen Körper eingeschrieben hat. Dieser selbstreflexive Ansatz eröffnet eine spannende Verbindung zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Geschichte, hätte in der Ausarbeitung jedoch noch pointierter und analytischer vertieft werden können.
Der Turnsport folgt einer gnadenlosen Devise: Nicht aufgeben – niemals. Als Lisa beim Barrensturz zögert, befiehlt die Trainerin sofort weiterzumachen, sonst traue man sich ja nie mehr auf das Gerät. Beim Dehnen drückt sie die Mädchen tiefer auf den Boden, mit der Anweisung, "in den Schmerz hineinatmen" zu müssen. Sinram zeigt die Härte unter den Turnerinnen – und deutet die strikte Geschlechterbinarität des Sports an. Leistung, Disziplin und Konkurrenz prägen die Atmosphäre. Der schwarz-weiße Zeichenstil fängt Bewegungsdynamiken und Körperlichkeit eindrucksvoll ein, nur Sinrams handschriftliche Lettern sind mitunter schwer zu entziffern.
Jugendliches Ringen um Identität
Neben dem sportlichen Drill erzählt "Leib" vom jugendlichen Ringen um Identität: vom weiblichen Körperbild vor Social Media – durch Fernsehsendungen wie GNTM -, von Scham über Körperbehaarung, Akne, Anpassungsdruck und der Angst, uncool zu wirken. Nicht nur der Sport, auch das weibliche Schönheitsideal wird zur Form der Fremdbestimmung.
Emotionaler Kern des Comics ist Lisas enge Freundschaft mit Lena (BFFs!), die zerbricht, als Lara dazwischenkommt – ja, die Namensähnlichkeit sorgt für Verwirrung. Diese Erfahrung der Isolation, der Angst, ausgestoßen zu werden, trifft einen universellen Nerv des jugendlichen Aufwachsens – sie hätte jedoch noch etwas tiefgründiger ausgestaltet werden dürfen. Sinram gelingt es mit "Leib" dennoch, die Spannung zwischen Disziplin, Körpererinnerung und historischer Last eindringlich sichtbar zu machen – und damit zu zeigen, wie tief Geschichte in unsere Bewegungen eingeschrieben sein kann.
Lias Sinram: Leib. Graphic Novel. Schwarz-weiß. 224 Seiten. avant-verlag. Berlin 2025. Softcover: 25 € (ISBN 978-3-96445-153-8)
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