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Buchtipp

Dieses Buch gehört in jeden Biologie-Unterricht!

Das neue Buch "Queere Tiere" von Magda Wystub und Justin Time unterhält, überrascht, bildet und hinterfragt festgefahrene Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität auf so unterhaltsame wie tiefgründige Weise.


Symbolbild: Schwules Pinguinpaar Frankie und Vinnie im Folly Farm Adventure Park and Zoo in Pembrokeshire (Bild: IMAGO / Cover-Images)

Mit dem Buch "Queere Tiere" (Amazon-Affiliate-Link ) legen Dokumentarfilmerin Magda Wystub und Illustrator Justin Time nicht nur ein unterhaltsames Werk vor, sondern ein höchst wichtiges Lehrbuch. Es geht den beiden Künstler*innen nicht einfach um skurrile Fun Facts zu 33 Tierarten quer durch die Gattungen, sondern um nichts Geringeres als ein gründliches Aufrütteln der zoologischen Vorstellungen: Alles, was bisher als "normal" galt, wird hier auf den Kopf gestellt.

Fast ein bisschen schade finde ich, dass Wystub ihre Leser*innen siezt – ich halte das Buch für eine hervorragende Ergänzung für jeden Biologie-Unterricht, besonders für ein jüngeres Publikum, das sonst noch in binären Vorstellungen von Natur und Sexualverhalten aufwächst. Das Buch bricht konsequent langgehegte Tabus: Masturbation, Sex, Geschlechtlichkeit – all das wird offen angesprochen. Dabei kann sich Wystub nie verkneifen, wortwitzige Formulierungen einzubauen: So heißt es beim Rotstirn-Blatthühnchen etwa schlicht "weiter vögeln" oder der Kaiserschnurrbart-Tamarin wird kurzerhand zum Hipsterschnurrbarttamarin umgetauft.

"Queere Tiere" kritisiert die binäre Logik der Biologie


"Queere Tiere" ist im Oktober 2025 im Berliner Verlag Favoritenpresse erschienen

"Queere Tiere" ist bemerkenswert, weil es nicht nur unterhaltsam ist, durch die hervorragende Innengestaltung und fantastischen Illustrationen von Justin Time glänzt, sondern auch echte Erkenntnisse über die Kreativität und Vielschichtigkeit der Tierwelt vermittelt. Es enthält Informationen, die einen staunen lassen – und gleichzeitig übt das Buch konkrete Kritik an den bisherigen Forschungsansätzen. Teils hätte ich mir noch eine politischere, aktivistischere Sprache gewünscht, die die Kritik noch deutlicher macht.

Die zentrale Botschaft lautet: Geschlecht und Sexualität in der Tierwelt sind fluid, sozial und biologisch flexibel. Menschliche Vorstellungen von festen Geschlechterrollen und sexueller Ordnung werden konsequent hinterfragt. "Queere Tiere" kritisiert die binäre Logik der Biologie, die Welt in strikte Gegensatzpaare einteilt – Pflanze/Tier, belebt/unbelebt, männlich/weiblich – und alles dazwischen als "Störung" ignoriert.

Nichtbinäre und flexible Geschlechterrollen

Das Buch zeigt beeindruckend nichtbinäre und flexible Geschlechterrollen bei Tieren: Bei Seepferdchen etwa tragen die Männchen die Eier, die klassischen Rollen von "Vater" und "Mutter" verlieren an Relevanz. Fleckenhyänen besitzen weibliche Tiere mit "Penis-ähnlicher" Klitoris, sexuelle Aktivität ist nur mit aktiver Beteiligung der Weibchen möglich, während Männchen keinen Penisknochen besitzen. Rosenschleier-Feenlippfische sind protogyne Hermaphrodit*­innen, die ihr Geschlecht im Laufe des Lebens von weiblich zu männlich wechseln, gesteuert durch soziale Hierarchien. Weißwedelhirsche zeigen inter­geschlechtliche Tiere, die Wahlfamilien unabhängig vom Geschlecht bilden und verwaiste Kälber adoptiert werden, egal welches Geschlecht sie haben. Und das ist nur ein kleiner Einblick – die vielen weiteren Beispiele muss man selbst entdecken. Das Buch zeigt klar: Zwittertum ist keine Ausnahme, sondern eine gesunde Form geschlechtlicher Vielfalt.

Darüber hinaus werden queere Sexualpraktiken oder Abweichungen von Normen thematisiert: Rotstirn-Blatthühnchen zeigen sexuelle Flexibilität mit dem Motto "weiter vögeln", Wildkaninchen können teilweise oder komplett abtreiben – ein biologischer "Reset-Knopf" bei ungewollter Schwangerschaft – und Komodowarane praktizieren Selbstbefruchtung, was für evolutionäre Vielfalt sorgt, auch wenn es langfristig problematisch sein mag.

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Ein unentbehrliches Buch – gerade für junge Leser*innen

Gleichzeitig stellt das Buch menschliche Geschlechterklischees infrage: Fleckenhyänen widerlegen die Vorstellung vom "schwachen" weiblichen Geschlecht, weibliche Gewalt irritiert gesellschaftlich, männliche gilt als normal, in 40 Prozent aller Säugetierarten sind Männchen und Weibchen gleich groß, in 15 Prozent sind die Weibchen sogar größer, und bei bestimmten Arten stillen sogar Männchen, sodass traditionelle Mutter-Vater-Rollen aufgelöst werden. Auch die sozialen Strukturen der Tiere zeigen Flexibilität: Bindungen und Familienformen sind unabhängig vom Geschlecht und werden nicht starr festgelegt.

Wystub macht immer wieder deutlich, wie sehr die westliche Medizin versucht hat, diese Vielfalt zu unterdrücken, etwa durch Operationen bei intergeschlechtlichen Kindern. Hier hätte die Kritik noch etwas schärfer ausfallen können, aber auch so ist "Queere Tiere" ein unentbehrliches Buch – gerade für junge Leser*innen, die sonst nur binären Vorstellungen ausgesetzt sind. Das Buch unterhält, überrascht, bildet und hinterfragt festgefahrene Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität auf so unterhaltsame wie tiefgründige Weise.

Infos zum Buch

Magda Wystub (Text), Justin Time (Illustration): Queere Tiere. Ein rebellischer Blick auf die (natürliche) Ordnung. 168 Seiten. Ca. 40 Illustrationen. Favoritenpresse. Berlin 2025. Gebundenes Buch: 24 € (ISBN 978-3-96849-145-5)

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