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Mehrfachbeziehungen
Bis zu 500.000 erwachsene Menschen leben in Deutschland poly
Die Segnung einer Liebesbeziehung von vier Männern in Berlin sorgt für Diskussionen. Um mehr über Polyamorie und die Herausforderungen von Poly-Beziehungen zu erfahren, empfiehlt sich die Lektüre des Buches von Stefan Ossmann.

Symbolbild: Szene aus der queeren Polyamorie-Serie "Open to It" (Bild: Nacia Schreiner / Phosphorus Productions)
- Von Christian Höller
11. November 2025, 02:40h 6 Min.
Die evangelische Pfarrerin Lena Müller segnete die Beziehung von vier Männern. Das Thema löste heftige Reaktionen aus. Die Pfarrerin wurde in sozialen Medien massiv angefeindet. Die evangelische Kirche in Berlin nimmt daher die Pfarrerin in Schutz (queer.de berichtete). Zur Polyamorie gibt es viele Fragen, aber bislang wenig fundierte Literatur. Daher hat der Wiener Sozialwissenschafter Stefan Ossmann dazu ein Buch geschrieben. Hier finden die Leser*innen "10 Antworten auf die 10 großen Fragen der Polyamorie" (Amazon-Affiliate-Link ). Das Buch ist im Februar 2025 erschienen.
Der Wissenschafter erklärt unter anderen, wie Menschen polyamor werden, wie polyamorie Beziehungen aussehen können und wie der Umgang mit Eifersucht gelingen kann. Vor allem das Kapitel über die Eifersucht ist spannend, weil dies nicht nur bei polyamoren Menschen ein Thema ist. Ossmann geht auch auf Fragen ein, wie politisch die Polyamorie ist und wie viel Polyamorie die Gesellschaft verträgt. Der Autor hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Er besuchte Treffen der polyamoren Community und befragte 33 Personen aller Altersgruppen (im Alter von 22 bis 64 Jahren), die in verschiedensten polyamoren Konstellationen leben, nach streng sozialwissenschaftlichen Kriterien. Er analysierte die Biografien der befragten Menschen mit dem Fokus auf deren Liebes- und Sexualhistorie. Er ging unter anderem den Fragen nach, wann die polyamore Lebensweise begonnen hat, was seitdem passiert ist und wo die Personen jetzt stehen. Zusätzlich hat er Bücher sowie hunderte Zeitschriften- und Zeitungsartikel, die in den vergangenen Jahren zum Thema Polyamorie erschienen sind, ausgewertet.
Schon eine Definition von Polyamorie ist schwierig

Das Buch "10 Antworten auf die 10 großen Fragen der Polyamorie" ist Anfang des Jahres im Goldegg Verlag erschienen
Auch wenn das Buch einen wissenschaftlichen Anspruch hat, ist es einfach zu lesen. Die Lektüre lohnt sich auch für Menschen, die sich noch nicht viel mit dem Thema beschäftigt haben. Schon eine Definition für Polyamorie zu finden, ist nicht einfach. In den von Ossmann ausgewerteten Zeitschriften und Zeitungen wurden 317 unterschiedliche Beschreibungen, Definitionen und Zuschreibungen verwendet. Der Autor hat auf Basis seiner Untersuchungen eine eigene Definition gefunden. Seiner Ansicht nach müssen bei einer polyamoren Beziehung fünf Aspekte vorkommen: Einverständnis (Konsens), die Beziehung umfasst mehr als zwei Personen, Liebe, körperliche Intimität und Dauer.
Ossmann verwendet dabei den Begriff "körperliche Intimität" beziehungsweise "intime Praktiken" und nicht das Wort Sex. Denn intime Praktiken sind viel mehr als klassische Penetration. "Dazu können Petting oder Oralverkehr zählen, aber beispielsweise auch Fessel- oder Rollenspiele. Die Untersuchung hat gezeigt, dass ein nicht unwesentlicher Anteil über die BSDM-Community bei der Polyamorie gelandet ist", schreibt der Autor. In der Bondage- als auch in der Dominations-/Disziplinszene könne es, müsse es aber nicht zu Geschlechtsverkehr kommen. Swingen, offene Beziehungen sowie nach außen gelebte Monogamie plus Affären gelten demnach nicht als poly. Vereinfacht ausgedrückt sei Polyamorie "eine konsensuale Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf emotionaler Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum hinweg".
Auf Basis seiner Recherchen empfinden laut Ossmann ungefähr fünf Prozent der Gesamtbevölkerung zwischen 18 und 65 Lebensjahren polyamor, leben aber nicht so. Etwa 0,5 Prozent bis 1 Prozent leben tatsächlich polyamor, tun dies aber verdeckt. In absoluten Zahlen ausgedrückt befinden sich in Deutschland rund 250.000 bis 500.000 erwachsene Menschen bis zum 65. Lebensjahr – zumindest heimlich – in polyamoren Beziehungen. In Österreich und in der Schweiz sind es demnach rund 25.000 bis 50.000 erwachsene Menschen bis zum 65. Lebensjahr. Viel kleiner ist der Anteil der Personen, die offen und für alle sichtbar polyamor leben. Dabei handelt es sich um 0,05 Prozent bis 0,1 Prozent der Erwachsenen.
Polyamorie bedeutet nicht freie Sexualität

Autor Stefan Ossmann (Bild: Jolanda Hofmann)
In dem Buch beschäftigt sich der Autor auch mit den Fragen, warum es leichter ist, öffentlich lesbisch oder schwul zu sein als offensichtlich polyamor zu sein. Wie kommen die Menschen wirklich damit zurecht? Und warum wissen wir überhaupt so wenig über dieses Thema. Der Autor erklärt, dass Polyamorie nicht den politischen Anspruch im Sinne der 1968er-Generation habe, freie Sexualität als Gegenmodell zur Monogamie zu positionieren. "Polyamorie ist kein Revival der 1968er, und Polyamorie bedeutet auch nicht freie Sexualität", schreibt Ossmann. Oft werde dies aber missverstanden. So wird in dem Buch eine Person mit diesen Sätzen zitiert: "Polyamorie bedeutet wortwörtlich viel Liebe. Allerdings wird Liebe häufig mit Sex verwechselt. Ich habe den Eindruck, dass in der Szene großteils Männer sind. Die dann schön bunt herumvögeln, und das dann als Polyamorie bezeichnen." Polyamorie sei auch kein neoliberales Optimierungskonzept, "wo in der Partnerschaft fehlende Aspekte mit weiteren Personen kompensiert werden".
Das Buch macht deutlich, dass es die klassische Poly-Beziehung nicht gibt. "Wir kennen Modelle, die häufiger vorkommen, und Modelle, die weniger häufiger vorkommen", unterstreicht der Autor. Polyamore Beziehungen seien so bunt und vielfältig wie die beteiligten Personen. Worin besteht das größte Konfliktpotenzial in polyamoren Beziehungen? Es ist nicht die Liebe, auch nicht die Sexualität und auch nicht die Eifersucht. "Das knappe Gut ist die Aufmerksamkeit, die Sicherheit, wahrgenommen zu werden, die gemeinsam verbrachte Zeit", führt Ossmann aus.
Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich mit dem Thema Eifersucht. "Ein Teil der polyamor lebenden Personen verspürt Eifersucht gar nicht – zumindest sagen sie das in wissenschaftlichen Befragungen, bei Stammtischen und in diversen Internetforen", heißt es in dem Buch. Ein weiterer Teil ersetze die Eifersucht mehr oder weniger durch das Prinzip der Mitfreude. Im generellen Verständnis gehe es bei der Mitfreude um ein Gefühl der Wärme, die Zufriedenheit, Freude oder Befriedigung, wenn Partner*innen mit einer anderen Person oder mit mehreren weiteren Personen emotional eine intime Bindung aufbaue. "Für viele polyamorie Menschen scheint dies auch zu funktionieren. Aber nicht für alle und nicht in gleichem Ausmaß", schreibt der Autor. "Entsprechend gibt es auch Menschen, die sich nicht mitfreuen können oder wollen. Und sich das auch auch eingestehen."
Mehrehe ist politisch kein Thema
Das lesenswerte Buch hilft zu verstehen, wie polyamore Menschen ticken, was sie antreibt und was sie beschäftigt. Der Autor macht deutlich, dass Polyamorie "keine Eintagsfliege und kein Trend, der vor knapp 20 Jahren vermeintlich aus dem Nichts auftauchte, jetzt gerade en vogue ist und bald wieder verschwindet". Sondern er betont, dass Polyamorie die Gesellschaft auch in Zukunft beschäftigen werde. Faktum sei auch, dass "es im gesamten deutschsprachigen Raum keine einzige Organisation gibt, die sich für eine Mehrehe polyamorer Personen einsetzt". Auch der Blick über den Tellerrand der Landesgrenzen zu weiteren Ländern der Europäischen Union zeige, "eine Ehe zwischen mehr als zwei Personen ist nicht möglich und wird auch nicht ernsthaft eingefordert".
Stefan F. Ossmann: 10 Antworten auf die 10 großen Fragen der Polyamorie. Die Fakten zum emotionalen Thema Mehrfachbeziehungen. 250 Seiten. Goldegg Verlag. Wien 2025. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-99060-440-3)
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