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Buchtipp

Bodymorphing mit der Wahlfamilie

Lina Ehrentrauts neuer Comic "Toys" entwirft eine ermutigende queere Utopie innerhalb des Science-Fiction-Genres – verspielt, sinnlich und zutiefst menschlich.


Szene aus "Toys"

Tony liegt im Bett, trägt nur ein kurzes Oberteil und ist untenrum nackt. Nach einer spontanen Partynacht ist Tony verkatert, lustlos und von einsamer Trägheit erfüllt. Beziehungsperson Patrice antwortet nicht, Masturbation reizt auch nicht. "Meine Tragik nervt so", sagt Tony beim Spongebob-Schauen – ein Satz, der den melancholischen Stillstand perfekt auf den Punkt bringt.

Die Hauptfigur des neuen Comics "Toys" (Amazon-Affiliate-Link ) der Leipziger Künstler*in Lina Ehrentraut steht an einem Wendepunkt: Tony hat das eigene Sextoy-Unternehmen verkauft, kämpft mit beruflicher Ungewissheit, einer festgefahrenen Beziehung und dem Wunsch nach körperlicher Veränderung. Unsicherheit und Einsamkeit prägen den Alltag.

Durchgehend genderneutral geschrieben


Lina Ehrentrauts Comic "Toys" ist im Oktober 2025 in der Edition Moderne erschienen

Als Geschenk für den Firmenverkauf bekommt Tony von Their Pleasure ein "humanoides Sextoy mit App", das kurzerhand optisch nach Patrice und namentechnisch nach Sandy Cheeks, dem eigensinnigen Eichhörnchen aus Spongebob, modelliert wird. Eine clevere Metapher für Verwandlung – ein zentrales Thema des Comics. Haare werden umgestylt, Schwerelosigkeit im Wasser erlebt, schließlich sogar der Body-Shifter von Sandy transplantiert. Tony erhält dadurch die Fähigkeit zum Bodymorphing: "Wir verändern uns sowieso unser Leben lang – immer wieder – und das ist ganz schön", heißt es im Comic.

Die einzige Konstante in "Toys" ist Tonys Wahlfamilie – Freund*­innen, die als liebevolle Basis durch die Geschichte tragen. Das Buch ist durchgehend genderneutral geschrieben, was – wie Ehrentraut im Interview erklärt – sowohl aus persönlichem Interesse am Thema Geschlechts­identität entsteht als auch als bewusster Gegenentwurf zur rechten und konservativen Vereinnahmung solcher Themen gedacht ist.

Entwurf alternativer Erfahrungsräume

Gerade dieser inhärent queere Aspekt macht "Toys" so besonders. Der Sci-Fi-Comic lebt von seinem unperfekten Stil: ungenaue Konturen, krakelige Linien – eine visuelle Authentizität, die Spaß macht. Durch Setting, Worldbuilding und Characterdesign bricht Ehrentraut mit Normen unserer Lebensrealität und entwirft alternative Erfahrungsräume, in denen queere Identität einfach ist, ohne erklärt oder verteidigt werden zu müssen.

Nach "Melek + ich" (erschienen 2021) macht "Toys" nicht nur Lust auf mehr von Ehrentrauts Werk, sondern entwirft auch eine ermutigende queere Utopie innerhalb des Science-Fiction-Genres – verspielt, sinnlich und zutiefst menschlich.

Infos zum Buch

Lina Ehrentraut: Toys. Comic. 264 Seiten. Edition Moderne. Zürich 2025. Taschenbuch: 26 € (ISBN 978-3-03731-278-0)

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