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Interview
"Für uns Queers gibt es nichts Wichtigeres, als unsere Geschichten zu teilen"
Wir sprachen mit dem schwulen Regisseur Ryan White über seine bewegende Doku "Come See Me in the Good Light" – und wie seine Protagonist*innen Andrea Gibson und Megan Falley auch seine eigene Beziehung verändert werden haben.

Regisseur Ryan White (M.) mit Andrea Gibson (r.) und Partnerin Megan Falley bei der Weltpremiere von "Come See Me in the Good Light" im Januar 2025 auf dem Sundance-Filmfestival (Bild: IMAGO / Everett Collection)
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15. November 2025, 10:18h 6 Min.
Seit mehr als 15 Jahren gehört der schwule Regisseur Ryan White zu den meistbeschäftigten Dokumentarfilmer*innen überhaupt. Zu seinen Filmen, die er stets mit seiner besten Freundin und Produktionspartnerin Jessica Hargrave umsetzt, gehören der Emmy-nominierte "The Case Against 8", die Netflix-Serie "The Keepers", der mit mehreren Critics Choice Award ausgezeichnete "Good Night Oppy", Filme über Serena Williams, Dr. Ruth Westheimer oder Pamela Andersom sowie die AppleTV-Reihe "Visible: Out on Television".
Nun legt White mit "Come See Me in the Good Light" über Andrea Gibson – in den USA als Lyriker*in gefeiert und im Juli 2025 nach langer Krebskrankheit verstorben – einen der bewegendsten Filme des Jahres vor (Filmkritik von Fabian Schäfer). Wir konnten uns mit ihm über die Dokumentation unterhalten.

Poster zum Film: "Come See Me in the Good Light" kann seit 14. November 2025 auf Apple TV gestreamt werden
Ryan, zu Ihrem neuen Film "Come See Me in the Good Light" kamen Sie über die Komikerin Tig Notaro, die diese Dokumentation produziert hat, nicht wahr?
Genau, Tig und ich sind seit 13 oder 14 Jahren befreundet, und mein Plan war eigentlich immer, dass sie mal mit einer Comedy-Doku bei mir anklopft. Ich wollte einen wirklich lustigen Film drehen und lag ihr damit immer in den Ohren. Stattdessen meldete sie sich irgendwann mit der Idee, einen Film über Andrea Gibson, nichtbinär, Lyriker*in und Aktivist*in – und obendrein unheilbar an Krebs erkrankt. Das klang erst einmal nicht besonders witzig.
Waren Sie mit Gibsons Werk vertraut?
Nein, ich hatte nie von Andrea gehört. Was auch daran lag, dass ich vor zwei Jahren mit Lyrik noch nicht viel am Hut hatte. Aber Tig schickte mir Videos von Andreas Lesungen und Spoken Word-Auftritten. Die hauten mich regelrecht um. Andrea war so umwerfend komisch und unfassbar ehrlich und offen. Gerade im Umgang mit der eigenen Sterblichkeit. Der Tod war eigentlich kein Thema, das mir sonderlich behaglich war. Von Andrea allerdings war ich derart begeistert, dass ich mir nach Tigs Nachricht ein Ticket nach Colorado buchte, um Andrea und Andreas Ehefrau Megan Falley kennenzulernen.
Der Film ist einerseits eine Geschichte über die Liebe der beiden, andererseits aber natürlich auch einer über das Sterben. Wie findet man da als Regisseur die richtige Balance?
Letztlich musste ich mich nur von Andrea leiten lassen. Obwohl immer klar war, dass keine Heilung möglich ist und Andreas Lebenserwartung sogar schon überschritten war, sagten die beiden immer wieder, dass sie so glücklich und verliebt seien wie nie. Das klang seltsam, aber sobald man Zeit mit ihnen verbrachte, merkte man schnell: das stimmt. Diese Lebensfreude veränderte das Konzept unseres Films total. Wir alle waren anfangs davon ausgegangen, dass wir Andrea mit der Kamera bis zum Tod begleiten werden. Doch je länger wir drehten, desto mehr realisierte ich, dass da gerade ein Film über das Leben, nicht über das Sterben entsteht. Weswegen dann auch die Entscheidung fiel, schon vor Andreas Tod einen Schluss für "Come See Me in the Good Light" zu finden. Dass Andrea dann am Ende sogar noch die Weltpremiere des Films beim Sundance Film Festival miterleben konnte, war ein unglaubliches Geschenk.
Glauben Sie, dass es bei diesem Film wichtig war, dass er von jemandem gedreht wurde, der selbst Teil der LGBTI-Community ist?
Zu den großartigsten, kraftvollsten Aspekten des dokumentarischen Arbeitens gehört die Möglichkeit, das Publikum mitzunehmen in die Leben und Häuser von Menschen, denen sie sonst niemals begegnet wäre. Ganz gleich, was jemand über die queere Community weiß oder denkt – nach 90 Minuten mit einem Paar wie Andrea und Meg wird es niemanden geben, der von den beiden und ihrer Liebe nicht zutiefst berührt ist. Deswegen würde ich immer sagen, dass es für uns Queers nichts Wichtigeres gibt, als unsere Geschichten zu teilen und damit andere Menschen zu erreichen. Und doch würde ich sagen, dass weder meine Queerness noch die von Andrea und Meg hier der springende Punkt waren.
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Warum nicht?
Was mich an Andrea reizte, war weder die Queerness noch die Nicht-Binarität. Wie bei jedem meiner Filme ging es mir nur darum zu wissen, dass die Geschichte dieses Menschen das Potential dazu hat, eine große Zahl von Menschen zu berühren. Andrea hat immer wieder gesagt: Krebs ist vollkommen unparteiisch. Und entsprechend wusste ich, dass so viele Menschen etwas mit dieser Thematik würden anfangen können, ganz unabhängig davon, wie viel oder wenig ihr Leben ansonsten mit Andreas gemein hat.
Frühere Ihrer Filme handelten unter anderem von Pamela Anderson oder Dr. Ruth Westheimer. Gibt es etwas, das allen Ihren Arbeiten gemeinsam ist?
Nicht wirklich. Sieht man einmal davon ab, dass ich mir eigentlich immer jemanden suche, der Bemerkenswertes durchlebt und sich dabei von mir ein paar Jahre begleiten lässt. Die einzige wirkliche Gemeinsamkeit ist ansonsten nur, dass ich noch nie einen Film über einen männlichen Protagonisten gedreht habe. Selbst "Good Night Oppy" handelte von einem weiblichen Roboter.
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Eine letzte, vielleicht kitschige Frage noch zu "Come See Me in the Good Light": was haben Sie selbst aus der Begegnung mit Andrea mitgenommen und gelernt?
Im Kontext dieses Films ist wirklich nichts zu kitschig – und das sage ich als jemand, der vor zwei Jahren noch einen riesigen Bogen gemacht hätte um alles, was zu sentimental ist. Andrea war in der Lyrik genauso wie im Leben dagegen sehr offen für die Sentimentalität, und ich kann gar nicht betonen, wie sehr ich durch die Arbeit an diesem Film und die Begegnung mit Andrea zu einem neuen Menschen wurde. Ich könnte hier eine halbe Stunde lang aufzählen, wie ich mich dadurch verändert habe, dass ich eine Weile lang teilhaben durfte am Leben von Andrea und Megan.
Vielleicht geben Sie zumindest ein kleines Beispiel?
Ich versuche es! Das Miterleben ihrer Beziehung hat dafür gesorgt, dass sie die Beziehung zu meinem eigenen Mann – und überhaupt zu anderen geliebten Menschen in meinem Leben – verändert. Weil ich gesehen habe, wie bewusst Andrea bei jeder Interaktion mit anderen ist. Gleichzeitig habe ich von Andrea aber auch gelernt, dass zwar einerseits die Zeit fliegt und das Leben kurz und endlich ist, aber man andererseits enorm viel herausholen kann aus der Zeit, die wir auf Erden haben. Sowohl in den kleinsten Momenten als auch bei den ganz großen Dingen. Ich bin eigentlich ein echter Workaholic und liebe meinen Job, aber Andrea hat mich da immer hinterfragt. Warum dieser Ehrgeiz, wofür machst du das alles? Fortan will ich versuchen, ein klein wenig weniger produktiv zu sein und lieber ein bisschen mehr Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich liebe.
Come See Me in the Good Light. Dokumentarfilm. USA 2025. Regie: Ryan White. Mitwirkende: Andrea Gibson, Megan Falley. Laufzeit: 104 Minuten. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). Ab 14. November 2025 bei Apple TV
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