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Buchkritik
"Einhorn, Leder, Sternenstaub" – ein illustratives und literarisches Sammelsurium
Der Kunsthistoriker Marian Wild lädt mit einem neuen Sammelband zu einer Reise ins "Universum der Queerkultur" ein. Während die Illustration durchgängig überzeugt, fallen die über vierzig Textbeiträge sehr unterschiedlich aus.

Cover und eine Abbildung aus dem Buch: "Einhorn, Leder, Sternenstaub" ist Anfang November 2025 bei starfruit publications erschienen, Ölgemälde "Dansande Matroser" von Esaias Thorén aus dem Jahr 1929
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16. November 2025, 03:56h 4 Min.
Ein Buch, das uns in "das spannende Universum queerer Kunst und Kultur" entführen möchte, wie es im Pressetext des Verlags heißt – das klingt zweifellos verheißungsvoll.
Vor allem das bereits im Titel erwähnte Einhorn weckt Erwartungen. Gerne möchte man wissen, wie ausgerechnet dieses Fabeltier zu einem weithin anerkannten Symbol queerer Selbstermächtigung wurde – eine Frage, deren Antwort etwa die aktuelle Schau im Potsdamer Museum Barberini über das Einhorn in der Kunstgeschichte schuldig bleibt, selbst wenn es sich dabei um eine exquisite Ausstellung handelt.
Auch Marian Wild – der Herausgeber des Sammelbandes "Einhorn, Leder, Sternenstaub" (Amazon-Affiliate-Link ) – ist in der Museumsarbeit verankert. Er arbeitet als promovierter Kunsthistoriker, Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für moderne Kunst in Nürnberg. Umso unverständlicher ist es daher, dass er sich dem Thema in seinem Kapitel "Von Einhörnern, Hexen, Engeln und Trollen" aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive nähert – denn dabei begibt sich Wild im Kontext von queerer Kultur auf dünnes Eis.
So leitet er seinen Beitrag mit einem Verweis auf den mythischen Erlkönig aus der gleichnamigen Ballade ein, die queer zu lesen gar nicht so abwegig sei, wie man anfangs denke – so Wild. Dabei bringt er Goethes eigene Gefühle für den Knaben Fritz von Stein ins Spiel, die zwischen den Zeilen als unbändige Leidenschaft zum Ausdruck kämen, womit "sich der Erlkönig problemlos in die queere Kulturlandschaft integrieren" lasse. Von wegen "problemlos" – was für ein Minenfeld! Der Sohn von Goethes engster Vertrauten Charlotte von Stein war zu dieser Zeit gerade einmal neun Jahre alt. Abgesehen davon kann auch Wild am Ende des Kapitels die explizit queere Funktion des Einhorns kulturgeschichtlich nicht überzeugend erklären.
Von gendergerechter Sprache bis zum Handwerk des Frisierens
Mehr als die Hälfte der weit über vierzig Texte in dem umfangreichen Sammelband stammen von Marian Wild selbst, die Bandbreite der Themen gleicht einem Sammelsurium: Mal geht es um die Spielarten gendergerechter Sprache, die von Norman Anja Schmidt ausführlich erläutert werden, ein andermal um Queerness im Comic, für die Marie Distler ein Panorama von Tom of Finland über Trina Robbins bis zu Ralf König entwirft. Und in einem Interview mit Nürnbergs Starfriseur Marcel Schneider wird das Handwerk des Frisierens plausibel als soziales Engagement für die Drag- und Trans-Community gefeiert.
Doch was hat es nun eigentlich mit der im Pressetext beschworenen Sprengkraft von Queerness auf sich – mit dem "kreativen Impact auf unsere Gesellschaft"? Marian Wilds "Gedanken zum queeren Stadtraum" beginnen mit einem poetisch-literarischen Stadtspaziergang durch die Berliner Kastanienallee, der durchaus gelungen einen "magischen Moment an einem Donnerstag im Juli" einfängt. Ein schöner Text, der dann schließlich doch in stadtplanerische Banalitäten abdriftet, etwa in der Forderung nach mehr Sitzplätzen und weniger Barrieren im öffentlichen Raum. Ein queer-utopisches oder gar subversives Konzept von Stadtplanung stellt man sich anders vor.
Viele Motive sind herrlich camp
Keine Frage – die Bandbreite an Gedanken und Ideen, die Marian Wild beschäftigen, ist beeindruckend, und mitunter sprühen dabei die Funken vor Einfällen. Das meiste davon dürften von seiner beruflichen Auseinandersetzung mit Kunst inspiriert sein. Genau darin liegt die Stärke des Sammelbandes: Fast die Hälfte des fünfhundertseitigen Wälzers besteht aus Illustrationen, wie sie noch nie in einem queeren Kunstband versammelt waren – erotische Akte sind dabei eher nebensächlich. Viele Motive sind herrlich camp.

Eine Doppelseite aus dem Buch (Bild: Axel Krämer)
Dazu zählt etwa ein Foto vom prächtigen Pfauenthron von Georg Dollmann, der ursprünglich als Teil des maurischen Kiosks für die Weltausstellung in Paris erschaffen und anschließend von Ludwig II. für seine Räume in Schloss Linderhof erworben wurde. Oder Bilder von ikonischen queeren Orten, wie dem monumentalen Grabstein Oscar Wildes auf dem Pariser Friedhof Cimetière du Père Lachaise mit einer Sphinx, von Fans mit roten Lippenstift-Kussmündern und Inschriften verziert. Und natürlich viel queere Kunst: Jannet Flanners Liebesbrief an Mercedes d'Acosta von 1928 etwa, dessen Schrift die Silhouette einer Tulpe formt, oder zeitgenössische Werke wie Frank Bensons betörende Skulptur von der trans Künstlerin Juliana Huxtable von 2015.
In seinem Kapitel "Queere Nonnen, David LaChapelle und die Bibel" kommt Marian Wild über die Auseinandersetzung mit LaChapelles Fotoserie "Heaven to Hell" zu dem Schluss, dass Queerkultur und Christentum etliche Gemeinsamkeiten aufweisen: "Beide Bewegungen können eine gewisse Schwäche für Drama, schrille Performances, bunte Kleider, monumentale Prozessionen und überbordende Hochzeiten – kurz gesagt: für Camp – nicht verbergen." Das zählt zweifellos zu den witzigsten Passagen im Buch, die gut dazu geeignet sind, auf einer Party für Aufmerksamkeit zu sorgen – oder für Lacher während einer Museumsführung. Doch wer erwartet, dass dabei ein weiter Bogen innerhalb eines größeren gesellschaftlichen Kontexts gespannt wird, könnte möglicherweise enttäuscht sein.
Marian Wild u.a.: Einhorn, Leder, Sternenstaub. Blicke ins Universum der Queerkultur. Herausgeber: Institut für moderne Kunst, Nürnberg. 488 Seiten mit 141 Farb- und 56 s/w-Abbildungen. starfruit publications. Fürth 2025. Softcover: 32 € (ISBN 978-3-922895-58-9)
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