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Volkstrauertag
Totengedenken: Steinmeier erwähnt erstmals queere Menschen
Bei der Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Bundestag erinnerte der Bundespräsident erstmals explizit an Menschen, die während des Nationalsozialismus wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität verfolgt wurden.

Inklusives Totengedenken: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag im Deutschen Bundestag (Bild: IMAGO / dts Nachrichtenagentur)
- 17. November 2025, 04:05h 4 Min.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das traditionelle Totengedenken am Volkstrauertag um zwei Opfergruppen erweitert. Bei der zentralen Gedenkstunde am Sonntag im Deutschen Bundestag erinnerte er erstmals ausdrücklich an Menschen, die wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität während des Nationalsozialismus verfolgt und getötet wurden. Zudem werden Polizist*innen aufgenommen, die im Einsatz ihr Leben verloren.
Das Sprechen des Totengedenkens zum Volkstrauertag wurde 1952 von Bundespräsident Theodor Heuss eingeführt. Es benennt die Opfergruppen, derer am Volkstrauertag gedacht wird: die Opfer der Weltkriege und der NS-Gewaltherrschaft, aber auch gegenwärtiger Kriege und von Hass- und Gewalttaten in Deutschland. Der Text wurde im Laufe der Zeit mehrfach angepasst.
Erinnerung an Opfer von Hass und Gewalt
Der neue Text des Totengedenkens lautet (Änderungen hervorgehoben):
Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren, etwa wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität, oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten, Polizisten und anderen Einsatzkräfte, die im Einsatz für unser Land ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt Opfer geworden sind. Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Extremismus, Antisemitismus und Rassismus in unserem Land.
Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.
Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.
italiens Staatspräsident hielt Gedenkrede
Der Volkstrauertag war in diesem Jahr der italienisch-deutschen Freundschaft gewidmet. Bundespräsident Steinmeier lud dazu den italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella ein, die Gedenkrede zu halten. Mattarella sagte unter anderem, dem "Nie wieder" als Reaktion auf den Holocaust stehe heute ein "Wieder" gegenüber. "Dies erleben wir gerade: wieder Krieg, wieder Rassismus, wieder große Ungleichheit, wieder Gewalt, wieder Aggression."
In der Gedenkstunde im Bundestag nahmen auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth teil. Sie hatten zuvor in der Neuen Wache in Berlin Kränze niedergelegt. Die Neue Wache ist die zentrale deutsche Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
Klöckner rief zum Volkstrauertag dazu auf, Frieden und Demokratie konsequent zu verteidigen. Gedenken müsse mehr heißen als zu erinnern, sagte sie in Berlin. "Es muss heißen, zu verstehen und zu handeln: Frieden und auch Demokratie sind keine Zustände, die einfach gegeben sind, die man verwalten kann. Sie sind Aufgaben, die jeden Tag neu beginnen und die kein anderer für uns erledigt."
Die Bundestagspräsidentin betonte, wer die Opfer von Krieg und Gewalt ehre, wisse, wohin Hass und Verblendung führen. "Der darf nicht schweigen, wenn Frieden und Demokratie bedroht werden – nirgendwo auf der Welt."
"Wo Krieg geführt wird, verschwindet die Demokratie"
In der Gedenkstunde im Bundestag wies der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Wolfgang Schneiderhan, darauf hin, dass Diktatur und Krieg eng beieinander lägen und umgekehrt Demokratie und Frieden zusammengehörten. "Wo Krieg geführt wird, verschwindet die Demokratie. Und wo die Demokratie abgeschafft wird, wird die Tür für den Krieg geöffnet."
Der Volkstrauertag war zunächst zur Erinnerung an die Toten des Ersten Weltkrieges eingeführt worden. Das erste offizielle Gedenken fand 1922 im Reichstag in Berlin statt. Von 1952 an gab es den Gedenktag dann in der Bundesrepublik wieder. Er bezieht seitdem auch die zivilen Opfer der Kriege mit ein. Der Volkstrauertag wird jährlich zwei Sonntage vor dem ersten Advent mit zahlreichen Gottesdiensten, Kranzniederlegungen und Gedenkstunden in ganz Deutschland begangen. (mize/dpa)














