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"Liebe! Ein Aufruf"

Daniel Schreiber ruft zu mehr Liebe auf

Der schwule Bestseller-Autor Daniel Schreiber fühlt sich ohnmächtig angesichts einer weltweiten Politik voller Hass. Dem stellt er in seinem neuen literarischen Essay die Forderung nach mehr Liebe entgegen.


Daniel Schreiber im Juni 2025 auf der Phil.Cologne (Bild: IMAGO / Horst Galuschka)

Die Liebe hat einen schlechten Ruf, zumindest im politischen Umfeld. Liebe als politische Kategorie, das klingt naiv, pathetisch, verträumt, illusorisch. Da schwingt "Gutmensch" gleich mit, und kaum etwas ist eine verächtlichere Beleidigung, glaubt man der Straße.

Die Liebe fehlt, stattdessen grassiert der Hass. Ein Klick in Kommentarspalten auf Social Media ist kein Beweis, denn das Internet, der Algorithmus verzerrt, weil es von Polarisierung lebt. Doch ein Blick in Bundes- und Landtagsreden, in beliebige Polit-Talkshows, auf rechtsextreme Gegendemos zu Prides lässt keinen Zweifel an dem Befund. Ganz zu schweigen zu dem, was auf der anderen Seite des Atlantiks geschieht. Der Ton ist rauer geworden, heißt es dann gern fast schon beschönigend.

Die Liebe zur Welt fällt schwer im Moment

Das empfindet auch Daniel Schreiber. Angesichts von Hass, Kriegen und Klimakrise fühle er sich von der Gesellschaft entfremdet, schreibt er in seinem neuen Buch "Liebe! Ein Aufruf" (Amazon-Affiliate-Link ). Er fühle Ohnmacht und Lähmung. Sein Befund: "Mir war die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben."

Er ist damit nicht allein. Die Welt um uns herum ist komplex, Zusammenhänge kaum zu überblicken, und trotz allen Fortschritts hat es ein Virus geschafft, die Welt binnen Wochen aus den Fugen zu bringen – mit sichtbaren und verborgenen Konsequenzen bis heute.

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Die Angst als schwuler Mann


Daniel Schreibers neues Buch "Liebe! Ein Aufruf" ist am 18. November 2025 bei Hanser Berlin erschienen

Die Weltordnung erodiert, geopolitische Bündnisse bröckeln, die Demokratie befindet sich in einer Krise. Nicht wenige wählen da den Rückzug ins Private, in die vermeintliche Sicherheit – und/oder in die Arme von Populismus und Extremismus, die einfache Lösungen und klare Feindbilder bieten.

Das alles ist erschreckend – und macht Angst. Zumal diese Entwicklungen nicht nur auf einer abstrakten Ebene passieren. "Ich hatte viele Jahre lang nicht mehr damit rechnen müssen, als schwuler Mann auf der Straße beschimpft, bedroht oder angespuckt zu werden, und mich in Sicherheit gewiegt", schreibt Daniel Schreiber. Doch das habe sich angesichts steigender Zahlen rechtsextremer Gewalt geändert.

Dystopische Darstellung der Gegenwart

Was Daniel Schreiber über die Gegenwart festhält, ist mehr eine eher dystopische Darstellung als eine ausgefeilte soziologische Analyse. Die lieferten zuletzt andere, etwa Aladin El-Mafaalani mit "Misstrauensgemeinschaften" oder Andreas Reckwitz mit "Verlust" – Bücher, von denen starke Impulse und echte Erkenntnisgewinne ausgehen.

Daniel Schreiber ist kein Soziologe, sein Zugang ist ein anderer, und doch arbeitet er dieses Mal faktenbasierter als in vergangenen Schriften. Leider lassen sich dabei jedoch einige Ungenauigkeiten oder plakative Aussagen ohne Nachweis finden. Er schreibt, dass rechtsextreme Übergriffe, Körper­ver­letzungen und Morde "in den vergangenen Jahren exponentiell angestiegen" seien. Zwar gibt es einen deutlichen Anstieg, was besorgniserregend genug ist, ein exponentielles Wachstum lässt sich aus der Statistik jedoch nicht herauslesen.

Für die Behauptung, dass Medien suggerieren, "öffentlicher Widerstand, gewaltfreie Interventionen und ziviler Ungehorsam seien zwecklos", gibt es ebenso keinen Beleg. Das ist schade, weil es seine Argumentation schwächt.

Raus aus der Lethargie – nur wie?

Daniel Schreiber möchte sich mit seinem Gefühl der Lähmung nicht abfinden. Er möchte raus aus der Lethargie und "wieder wirksam gesellschaftlich handeln". Wie in seinen vergangenen literarischen Essays, zuletzt "Die Zeit der Verluste" oder "Allein", nimmt er die Leserschaft mit in seinen Reflexionsprozess.

Der besteht aus persönlichen Überlegungen in einer Rahmenhandlung. War die in "Die Zeit der Verluste" noch in der Stadt Venedig verortet, dient ihm jetzt sein eigenes Schreibseminar als Ausgangspunkt. Das wirkt nicht nur konstruiert und eher nach Eigenwerbung, etwa wenn er das "liebevoll renovierte Gründerzeithaus, mitten im Wald, das Geborgenheit ausstrahlte" beschreibt. Er scheint einen viertägigen Workshop auch etwas zu verklären, wenn er ihn als "eine Insel des Widerstands und des Trosts" stilisiert.

Direktlink | Daniel Schreiber über sein neues Buch
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Arendt, Schweitzer, Fromm und Martin Luther King als Anknüpfungspunkte

In den theoretischen Überlegungen konsultiert er etwa die Denker*­innen Hannah Arendt, Albert Schweitzer und Erich Fromm sowie den Bürgerrechtler Martin Luther King. Bei Arendt stützt er sich insbesondere auf ihr Verständnis des "Amor Mundi", der Liebe zur Welt, die gewährleistet, "dass wir immer die Freiheit haben, von Neuem zu beginnen. Dass es uns immer wieder gelingen kann, die Welt zu verändern". Bei Albert Schweitzer verfängt dessen Theorie der Ehrfurcht vor dem Leben, von Martin Luther Kings Feindesliebe ist er zutiefst beeindruckt.

Vom erstaunlich aktuellen Erich Fromm lässt er sich in dessen Definition von Liebe nicht als Gefühl, "sondern als eine Handlung, als einen Akt und eine Praxis" inspirieren: Den aktiven Charakter der Liebe verstand Fromm als "Form des Gebens, als eine Form von Fürsorge, Achtung und Verantwortungsgefühl". Daniel Schreiber versteht es, bei großen Denker*­innen Antworten auf seine Fragen zu finden und sie knapp und verständlich darzustellen – so trägt er dazu bei, sie wiederzuentdecken, was auch dank des ausführlichen Literaturverzeichnisses gut möglich ist. Ausgehend von den Erkenntnissen bildet er anschließend seine eigenen Ableitungen – die jedoch enttäuschen.

Die Lösung: Eine "Allianz der Liebe"

Seine zentrale Erkenntnis, Botschaft und These: Eine "Allianz der Liebe" der verschiedenen demokratischen Parteien und Interessen könne die "Koalition von rechtsextremen und neoliberalen Eliten" aufhalten. Die wichtigste Frage stellt er zwar – wie könnte diese Allianz aussehen? -, eine Antwort bleibt er jedoch schuldig. "Ich weiß es nicht", bekennt Daniel Schreiber.

Und weiter: "Aber ich möchte versuchen, dazu beizutragen. Ich möchte mich selbst immer wieder dazu aufrufen, mehr zu lieben und Teil dieser Allianz zu werden. Möchte die Menschen in meinem Leben dazu aufrufen, zu lieben."

Ja, das ist ehrlich, aber es ist auch frustrierend. Es folgen knapp zehn Seiten verschiedener Aufrufe – manche davon smart, andere hingegen banal, etwa wenn er dazu aufruft, "in unseren politischen Verhandlungen und Diskussionen auf das Gemeinsame, das uns Verbindende zu schauen, anstatt auf das, was uns voneinander trennt".

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Mehr Liebe – wer würde da widersprechen?

Provokant, wegweisend oder von enormer Schlagkraft ist da wenig. Immer wieder prangert Schreiber in "Liebe! Ein Aufruf" (Amazon-Affiliate-Link ) zwar einen "Finanzmarktkapitalismus" sowie die Machenschaften "neoliberaler Eliten" an – doch konkrete, globale Maßnahmen dagegen, seien sie noch so radikal, schlägt er nicht vor. "Begegnungsräume, in denen man sich mit Respekt gegenübertritt und in denen sich Formen der Liebe entfalten können" werden das Machtstreben der Milliardäre nicht einhegen, auch wenn das noch so schön wäre.

Natürlich lässt sich seinen Punkten beim Lesen sehr leicht nickend zustimmen. Mehr Anstand, Empathie und Kompromisse – wer in Schreibers Leser*innenschaft würde da schon widersprechen? Doch wie lassen sich diejenigen, die sich davon längst verabschiedet haben (und das Buch nicht in die Hand nehmen würden), davon überzeugen? Auf diese heikle Frage gibt es keine Antwort.

Die Rückbesinnung zur Nächstenliebe, zum Verständnis, zum weniger reflexhaften Verurteilen anderer Meinungen – gerade in aufgeheizten Zeiten und über Milieugrenzen hinweg – ist sicher sinnvoll und nötig. Diese Haltung bildet aber allenfalls die Grundierung, auf der ein gutes Miteinander sowie wirkungsvolle politische Entscheidungen gelingen können.

Infos zum Buch

Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf. 160 Seiten. Hanser Berlin. Berlin 2025. Hardcover: 22 € (ISBN 978-3-446-28593-4).E-Book: 16,99 €

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