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Wegen "Homo-Propaganda"
Russland verurteilt toten Besitzer eines angeblich schwulen Reisebüros
Ein Mann, der eine schwules Reisebüro betrieben hatte, ist nun von einem Moskauer Gericht verurteilt worden – knapp ein Jahr nach dem Tod des Angeklagten.

Andrej Kotow in einem Moskauer Gerichtssaal am 2. Dezember 2024 (Bild: IMAGO / ITAR-TASS)
- 18. November 2025, 15:05h 2 Min.
Ein Gericht in Moskau hat nach AFP-Angaben am Freitag posthum den Betreiber eines angeblich schwulen Reisebüros verurteilt. Andrej Kotow habe "extremistische Taten" begangen und sei Mitglied der "internationalen LGBT-Bewegung" gewesen, die das Putin-Regime Ende 2023 als extremistisch eingestuft und im Frühjahr 2024 auf die Terrorliste gesetzt hatte (queer.de berichtete).
Kotow hatte in der russischen Hauptstadt das Reisebüro "Men Travel" betrieben, das unter anderem Gruppenreisen nach Ägypten und auf der Wolga organisierte. Er wurde deshalb wegen Verbreitung von "Homo-Propaganda" im November 2024 festgenommen (queer.de berichtete). Der 48-Jährige starb im Dezember in Haft – nach offiziellen Angaben beging er Suizid (queer.de berichtete).
Menschenrechtsorganisationen hegen jedoch Zweifel daran, dass Kotow Suizid begangen habe. Seine Anwältin erklärte etwa, ein Psychologe habe ihn zwei Tage vor seinem Tod untersucht und habe keine suizidalen Tendenzen feststellen könne.
Foltervorwürfe gegen Beamte
Als er noch lebte, wies Kotow die Vorwürfe zurück, schwule Reisen organisiert zu haben. Er habe lediglich ein reguläres Reisebüro betrieben. Er erklärte auch, dass ihn Beamte geschlagen hätten, als er die Vorwürfe verneinte.
Die Anwältin warf nach der Festnahme den Behörden vor, ihren Mandanten unter anderem auch mit Elektroschocks gefoltert und ihm außerdem Medikamente und warme Kleidung während der Haft verweigert zu haben. Kotow selbst sagte vor seinem Tod: "15 Leute sind in der Nacht zu mir gekommen, haben mich verprügelt und mir ins Gesicht geschlagen."
Die Behörden beschuldigten dem Angeklagten auch, sexuelles Material von Minderjährigen erstellt zu haben. Seine Anwältin erklärte jedoch im April gegenüber der "New York Times", ihr sei der Zugang zu angeblichen Beweisen verwehrt worden.
Posthume Verurteilungen sind im russischen Rechtssystem ungewöhnlich und stehen eigentlich im Widerspruch zur russischen Verfassung. In der Praxis kommen sie aber vor, insbesondere in politisch motivierten Fällen. Im vorliegenden Fall soll die Mutter des Angeklagten darauf bestanden haben, einen Prozess durchzuführen, um die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen.
Russland ist seit der Invasion der Ukraine im Februar 2022 immer härter gegen queere Menschen vorgegangen. Allerdings hatte das Putin-Regime schon lange vorher Stimmung gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten gemacht und zu einem Symptom des dekadenten Westens erklärt. 2013 war bereits das "Gesetz zum Verbot der Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen gegenüber Minderjährigen" beschlossen worden, woraufhin öffentliche Sichtbarkeit von queeren Menschen praktisch untersagt wurde. (cw)














