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Kommentar
Gottes Bodenpersonal und der TÜV der Moral
Die jüngsten Ausfälle einiger Bischöfe gegen ein Papier zu queerer Vielfalt erinnern an eine religiöse Inspektionstruppe, die den Menschen nicht die frohe Botschaft, sondern einen zweihundertseitigen Mängelbericht über ihr Leben überreicht.

Neben Stefan Oster und Rainer Maria Woelki kritisierte auch der Regenburger Bischof Rudolf Voderholzer das Papier "Geschaffen, erlöst, geliebt" der Deutschen Bischofskonferenz, das an Schulen eine "differenzierte Wahrnehmung und Sichtbarkeit von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit" sowie einen Einsatz gegen Diskriminierung und Ausgrenzung fordert (Bild: IMAGO / Friedrich Stark)
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19. November 2025, 07:45h 4 Min.
Es gibt Glaubenssätze, die mit der Zeit Patina ansetzen. Etwa die Vorstellung, die Sonne kreise um die Erde, oder dass man mit Blutegeln Liebeskummer kurieren könne.
Und dann gibt es jene katholischen Doktrinen über Geschlecht und Sexualität, die nicht etwa Patina, sondern einen ausgewachsenen Rostfraß entwickelt haben – und dennoch mit einer Selbstgewissheit präsentiert werden, als kämen sie frisch aus dem göttlichen Werkstatt-Handbuch.
Die jüngsten Ausfälle der Herren Voderholzer, Woelki & Co. erinnern an eine religiöse Inspektionstruppe, die den Menschen nicht die frohe Botschaft, sondern einen zweihundertseitigen Mängelbericht über ihr Leben überreicht. Der TÜV der Moral, von Männern betrieben, die seit Jahrzehnten keine Beziehung geführt haben und dennoch über Sexualität dozieren, als hätte man ihnen den Nobelpreis in angewandter Sinnlichkeit verliehen.
Voderholzers Stress-Theorie – Die Homöopathie der Dogmatik
Man muss die Regensburger Kreativität bewundern: Homosexualität als "vorgeburtlichen Stress" zu erklären ist derart barock, dass selbst Esoteriker höflich erröten würden.
Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: 2019 veröffentlichte das Bistum Regensburg ein Jugendmagazin, das Homosexualität auf "vorgeburtlichen Stress" zurückführt. Man stelle sich vor: Ein Baby im Mutterleib, das sich denkt: "Oh Gott, das ist alles so viel Druck – ich glaube, ich werde schwul." Diese Art Theologie ist nicht einmal mehr pseudowissenschaftlich. Es ist die religiöse Variante von "Wasser hat Gefühle" und "Chakren lassen sich mit Kartoffelschalen reinigen".
Der Gipfel ist jedoch Voderholzers empörter Hinweis, Homosexualität dürfe kritisiert werden – das sei keine Diskriminierung. Das ist ungefähr so, als würde jemand sagen: "Ich finde dich wirklich schrecklich, aber diskriminierend gemeint ist das nicht."
Woelkis Wunderwelt: Pastoral als Paralleluniversum
Kardinal Woelki predigt, als hätte ihn jemand in einem anderen Zeitalter abgesetzt und dann dort vergessen. Seine Welt ist ein Ort, an dem Sexualität ein Problem ist, Vielfalt ein Risiko und die Wirklichkeit eine Art liberaler Anfall, der hoffentlich bald vorübergeht. Wer ihm zuhört, hat das Gefühl, ein intergalaktischer Übersetzer habe versagt: Hier spricht ein Mann, der Menschen führen möchte, aber in Wahrheit vor ihnen davonläuft.
Woelki hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, queere Menschen nicht etwa willkommen zu heißen, sondern ihnen die Existenz zu erklären. Aus seiner Sicht zwar freundlich, aber in etwa so hilfreich wie ein Wegweiser im Wald, der nach fünf Kilometern plötzlich ein Schild "Viel Glück!" statt Richtungspfeile anbietet.
Er und Voderholzer gehören zu einer generationstreuen Seilschaft, die sich weigert zu akzeptieren, dass ihre dogmatische Welt nicht "die Kirche" ist, sondern lediglich ein besonders hartnäckiger Knoten im christlichen Teppich. Ein Knoten, den man schon lange hätte lösen können – hätte jemand den Mut, nicht nur zu predigen, sondern damit aufzuhören.
Die Gegenwart klopft – und niemand macht auf
Man möchte der Deutschen Bischofskonferenz eine Art religiöse Orientierungsbrille schenken. Denn während sich überall in der Gesellschaft ein respektvolleres, offeneres Menschenbild durchsetzt, sitzen einige Eiferer weiterhin in ihrem theologischen Bunker und sortieren Menschen in Kategorien ein, die niemand außer ihnen mehr benötigt.
In Klassenzimmern sitzen junge Menschen, die selbstverständlich schwul, lesbisch, trans oder nichtbinär sind. Und dann kommt aus einer bischöflichen Amtsstube ein Papier, das wirkt, als wäre es mit der Rohrpost aus dem Jahr 1954 geschickt worden.
Der Schrottplatz der Geschichte hat noch freie Stellplätze
Die gute Nachricht ist: Für diese Art Eiferer gibt es bereits einen gut sortierten, großzügigen Schrottplatz der Geschichte. Dort stehen sie neben den Argumenten gegen Frauenwahlrecht, der Dämonisierung des Jazz und jener hübschen Theorie, nach der Linkshänder eigentlich umgeschult werden müssten.
Bischöfe, die gerade lautstark gegen ein queerfreundliches Schulpapier der Bischofskonferenz protestieren, gehören genau dorthin. Nicht aus Bosheit, sondern aus Gründen der geistigen Hygiene. Wer Menschen kategorisiert wie Ersatzteile, darf sich nicht beschweren, wenn man ihn irgendwann dorthin bringt, wo Ersatzteile landen.
Auch Voderholzer, Woelki und alle anderen Dogmatischen, die sich vor queeren Menschen fürchten wie vor einer theologischen Seuche, werden dort ihren Platz finden – als Mahnung, wie absurd die Angst vor Vielfalt sein kann.
Ein neues Gleichnis muss her
Vielleicht wäre es Zeit für ein modernes Gleichnis — eines, das auch die Kirche verstehen kann: Ein Mann baute ein Haus. Er hielt alle Türen geschlossen, weil er glaubte, Fremde könnten ihm schaden. Doch irgendwann erkannte er, dass die Luft stickig geworden war. Und als er endlich eine Tür öffnete, kam nicht die Gefahr hinein, sondern das Leben.
Wenn die Kirche nicht aufpasst, wird sie nicht an äußeren Feinden zugrunde gehen – sondern daran, dass sie ihre Fenster nie öffnet. Und während draußen Menschen in Freiheit und Vielfalt atmen, sitzen drinnen einige Herren und prüfen die Luftqualität mit einem Katechismus aus dem 19. Jahrhundert. Auf dem Schrottplatz der Geschichte. Zwischen den rostigen Dogmen, die niemand mehr braucht.














