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Kommentar
Lieber Onkel Bodo, warum reichst du Klöckner die Leiter zum Fahnenmast?
Mit Bodo Ramelow verteidigt ein prominenter Linker die Einschränkung queerer Sichtbarkeit. Ohne Not. Gegen das eigene Parteiprogramm. Und das in einem Moment, in dem queere Menschen in Deutschland wieder häufiger bedroht, beschimpft und attackiert werden.

Bodo Ramelow (Linke) ist seit März 2025 Vizepräsident des Deutschen Bundestags. Im Interview mit der Tageszeitung "Freies Wort" stellte er sich jetzt hinter die Entscheidung von Parlamentspräsidentin Julia Klöckner (CDU), zum Berliner CSD keine Regenbogenflagge mehr auf dem Reichstag zu hissen (Bild: Deutscher Bundestag / Inga Haar)
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22. November 2025, 13:53h 6 Min.
Lieber Onkel Bodo, man kann viel über dich sagen, aber Mut zum Unpopulären hattest du immer. Nur dieses Mal ist es kein Mut – es ist ein Missverständnis von historischer Tragweite: Einst hast du jedes Jahr in Erfurt die Regenbogenflagge gehisst – stolz, sichtbar, solidarisch. Jetzt verteidigst du ausgerechnet Julia Klöckners Verbot, sie zum Berliner CSD am Reichstag zu zeigen (queer.de berichtete). Eine CDU-Politikerin baut die Sichtbarkeit ab – und du hältst ihr den Mantel, damit der Wind nicht stört. Das nennt man nicht Staatsräson. Das nennt man Selbstverleugnung. "Neutralität" – der neue Name für das alte Wegducken.
Als Linken-Vizepräsident im Bundestag, einst Ministerpräsident, immer gern moralische Instanz, lobst du Julia Klöckners Entscheidung als "sehr gut begründet" und "stringent" und behauptest, die Öffentlichkeit habe sie lediglich falsch verstanden. Hier beginnt die eigentliche Peinlichkeit: Nicht die Entscheidung selbst – die war erwartbar konservativ -, sondern die Tatsache, dass ein prominenter Linker sie nun als Musterfall parlamentarischer "Neutralität" verteidigt. Ohne Not. Gegen das eigene Parteiprogramm. Und das in einem Moment, in dem queere Menschen in Deutschland wieder häufiger bedroht, beschimpft und attackiert werden.
Neutralitätspflicht? Nein, das ist Rückzug – und zwar deinerseits
Klöckners Argument: Wenn man zum CSD die Regenbogenflagge hisst, müsse man künftig auch bei jeder Großdemonstration andere Fahnen hissen – im Extremfall die palästinensische Flagge. Du sagst: logisch, nachvollziehbar, überzeugend.
Aber lieber Onkel Bodo, du weißt es doch besser: Die Regenbogenfahne steht für eine Minderheit, deren Rechte der Bundestag schützen muss. Sie ist ein Grundrechts-Symbol – kein Demo-Accessoire. Klöckners Argument ist so schlicht wie falsch: Wenn man zum CSD die Regenbogenfahne hisse, müsse man sie bald bei jeder Demo hissen. Nein, Bodo. Die Regenbogenflagge steht nicht für irgendeine Tagesparole, sondern für eine Menschengruppe, die täglich Diskriminierung erlebt. Sie ist ein Grundrechts-Symbol – kein Eventlogo.
Wer den Regenbogen verbietet, weil er "nicht bei jeder Großdemo Flaggen hissen" könne, verwechselt Gleichstellung mit Gefälligkeit. Und Neutralität mit Angst. "Neutralitätspflicht" wird zur Schutzbehauptung einer Politik, die Sichtbarkeit wieder zu einer Zumutung erklärt. Dass du diese Argumentation übernimmst, ist nicht "staatsmännisch" – es ist ein Rückzug ins Falsche.
"Ordnung" statt Solidarität – und du klatschst Beifall
Klöckner verkauft das Ganze als Ordnung, Merz als "kein Zirkuszelt" – und du erklärst, ihre Entscheidung sei "stringent" und "sehr gut begründet". Das ist nicht staatstragend. Das ist staatsmüde. Wer Reichsflaggen-T-Shirts mit Regenbogenpins in einen Topf wirft, verwischt Moral mit Mode – und spielt denen in die Hände, die seit Jahren versuchen, queere Rechte wieder einzuschränken. Die CDU inszeniert sich wieder als Ordnungsmacht, nicht gegen Missstände, sondern gegen Sichtbarkeit. "Neutralitätspflicht" nennt man heute, was früher "Sonderrechte" hieß. Und du? Du erklärst, der Bundestag solle nicht zum "Überbietungswettbewerb der Provokationen" werden.
Nein, Bodo. Provokation ist, wenn Abgeordnete Reichsflaggenfarben tragen. Solidarität ist, wenn Sichtbarkeit geschützt wird. Und Feigheit ist, wenn man beides gleichsetzt.
Die Linke – und dein erstaunlich kurzer Gedächtnisweg
Das Problem: Deine Partei sieht das gänzlich anders. Die Linke hat Klöckner zu Recht vorgeworfen, nicht neutral, sondern reaktionär zu handeln. Denn für die Linke ist die Regenbogenflagge kein "Überbietungssymbol", sondern eine Haltung: Gleichberechtigung ist nicht laut, sie ist nötig. Sichtbarkeit ist kein Gag, sie ist Schutz. Und du? Du stellst dich mit einer Selbstverständlichkeit gegen das, was deine eigene Partei verteidigt – und tust so, als ginge es um Anstand, nicht um Abrüstung.
Die Linke hat bislang immer betont, dass die Sichtbarkeit von queeren Menschen kein modisches Accessoire ist, sondern ein politisches Bekenntnis zu Gleichberechtigung und Schutz vor Diskriminierung.
Die Linke kritisierte auch Klöckners Entscheidung scharf, gerade weil sie Symbolpolitik nicht als Nebensache versteht. Dass du als einer der bekanntesten linken Politiker nun sagst, die Entscheidung sei nachvollziehbar – das ist nicht nur ein Widerspruch. Es ist ein Affront gegenüber der Grundidee linker Politik: dass man für Unterdrückte eintritt, nicht erst dann, wenn es in Erfurt gerade sonnig ist und der Wind günstig steht.
Die Logik des Rückwärtsgangs
Deine Verteidigung der Flaggen-Verbote steht nicht isoliert: Schon das Ausweichen mancher Ministerien, die Regenbogenflagge künftig nur noch am IDAHOBIT, aber nicht mehr zum CSD zu hissen, zeigt einen Trend zur administrativen Abrüstung. Was als "klare Regeln" verkauft wird, ist in Wahrheit Rückzug – ein symbolpolitischer Offenbarungseid in Zeiten wachsender Queerfeindlichkeit Du verstärkst diesen Trend, anstatt ihm entgegenzutreten. Du erklärst das alles für vernünftige Verwaltungslogik. Doch es ist das Gegenteil: ein schleichender Rückzug aus der Solidarität. Wer Sichtbarkeit nur noch "wo es passt" erlaubt, wird irgendwann bestimmen, dass sie nirgends mehr passt.
Der Preis deiner Kombination aus Staatsräson und Harmoniebedürfnis
Du sagst: "Damit die Neutralität gewahrt bleibt." Ich sage: Du verwechselst Neutralität mit Entpolitisierung. Denn die Regenbogenfahne ist keine Parteinahme – sie ist die Anerkennung eines Grundprinzips. Sie ist nicht "links", sie ist nicht "grün", sie ist nicht "modebewusst" – sie ist demokratisch. Du verwechselst Gelassenheit mit Gleichgültigkeit. Du willst, dass im Parlament die "Argumente im Vordergrund stehen" und nicht die Symbole. Aber manchmal sind Symbole Argumente – gerade für jene, deren Leben auf den billigen Plätzen der Gesellschaft verhandelt wird.
Die Regenbogenflagge ist kein Provokationswettbewerb. Sie ist ein Versprechen: Du bist nicht allein. Und dieses Versprechen – eigentlich das Herzstück linker Politik – hast du im Eifer der Staatsmännerei kurzerhand eingezogen. Wer heute die Regenbogenfahne aus Gründen der Staatsneutralität verbannt, der schafft einen Präzedenzfall, auf den sich morgen andere berufen, wenn es um Gesetze, um Schutzräume, um gleiche Rechte geht. Der Rückzug beginnt immer im Symbolischen – du müsstest das wissen.
Eine Bitte zum Schluss
Lieber Onkel Bodo, ein Linker, der Klöckners Regenbogenverbot beklatscht, erinnert an einen Feuerwehrmann, der plötzlich das kontrollierte Abbrennen entdeckt. Er meint, er handle verantwortungsvoll, während er in Wahrheit zulässt, dass etwas Wesentliches verkohlt. Progressive Politik von Position, nicht von Pose. Von Haltung, nicht von Harmoniesucht. Von Solidarität, nicht von staatsmännischer Selbstverzwergung.
Und die Regenbogenfahne? Sie ist kein Störfaktor, sondern ein Schutzversprechen. Eines, das du gerade zu relativieren beginnst. Für eine Partei, die Gleichheit und Respekt ernst nimmt, ist deine Position nicht nur unglücklich formuliert. Sie ist grundfalsch.
Komm zur Besinnung, Bodo. Nicht zur Fahne – die weht auch ohne dich. Sondern zur Einsicht, dass Solidarität nicht neutral sein darf. Und dass man die Rechte von Minderheiten nicht dadurch schützt, dass man ihre Symbole versteckt. Denn wenn selbst Linke anfangen, die Regenbogenflagge für "problematisch" zu halten, dann ist das nicht Neutralität. Das ist Kapitulation.
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