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Kommentar
Die Würde und die Rechte von trans Menschen sind keine Gefahr für die Meinungsfreiheit
Nach "Nius", AfD & Co. wirft nun auch die Initiative Queer Nations (IQN) deutschen Medien vor, "kritische" Berichte zu trans Themen zu unterdrücken – und betreibt damit geistige Brandstiftung. Denn Belege gibt es nicht.

"Trans* rights are human rights": Protestschild beim Kölner CSD 2023 (Bild: IMAGO / Guido Schiefer)
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23. November 2025, 06:23h 6 Min.
Die Initiative Queer Nations (IQN) macht sich Sorgen um die Glaubwürdigkeit der deutschen Medienlandschaft. Sie macht sich Sorgen um die journalistische Meinungsfreiheit, von der sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF angeblich schon lange verabschiedet haben und die eher linksstehenden Printmedien sowieso.
Seltsamerweise bleiben die Defizite in Sachen Meinungsfreiheit bei konservativen und rechten Medien ausgeblendet. Klar, es geht gegen das, was andernorts Wokeness heißt. Das scheint für IQN allemal die größere Gefahr zu sein als das, was rechts von der Mitte stattfindet.
Jan Feddersen und Till Randolf Amelung, das streitbare Meinungsmacher-Duo beim IQN-Blog, hatten nämlich zwei Artikel im "Spiegel" gelesen, die zum einen den Fall der vom NDR geschassten Julia Ruhs und zum anderen den sogenannten Presscott-Bericht aus Anlass einer manipulativ einseitigen Trump-Berichterstattung bei der BBC, die dort eine Rücktritts-Epidemie auslöste, ausführlich behandeln.
Eine positive Meinung zu trans war ihnen schon immer ein Dorn im Auge
Und natürlich fanden sie auf der einen wie auf der anderen Seite das Thema trans und die als zu positiv empfundene Berichterstattung darüber als Mitschuldige der behaupteten Glaubwürdigkeitskrise. Das wurde dankbar aufgegriffen, weil es ideal in ihr Weltbild passt. Ebenso klar, ein Sündenbock muss her, der in dieser Rolle schon lange Übung hat. Wir sind am Rechtsruck schuld, an der angeblichen Spaltung der Gesellschaft, an der "Frühsexualisierung" von Kindern, am Zuschauer*innen-Schwund bei ARD und ZDF und schließlich am Karriereknick beziehungsweise Mobbing von Journalist*innen. Eine positive Meinung zu trans war und ist dem Duo schon immer ein Dorn im Auge, weil sie doch so gesellschaftsgefährdend sei.
Es gehe "um die fehlende Bereitschaft, transkritische, vor allem transmedizinkritische Perspektiven aufzugreifen". Das würden Experten wie der trans Mann Till Randolf Amelung (gibt es eigentlich auch noch andere?) und "viele klassische Feministinnen wie Alice Schwarzer und Chantal Louis" sagen. Neu war für mich an der Aussage lediglich, dass es jetzt auch "klassische" Feministinnen gibt. Ja, Jan, der Mann für besondere Aufgaben bei der "taz", hat bekanntlich nur die eine Platte. Statt Kritik, gebe es "fast ausschließlich positive Beiträge über Transmenschen". Feddersen leidet darunter sehr. Umso wohltuender war für ihn diese Passage im "Spiegel"-Artikel, die auch gleich noch Amelung in seinem Kommentar zitierte:
Im Sommer 2023 wird in der ARD darüber diskutiert, eine Dokumentation über die steigende Zahl von Jugendlichen zu drehen, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren. An der Schalte nehmen unter anderem [Thomas] Berbner teil, Julia Ruhs und ein Redakteur des Bayerischen Rundfunks. Die Idee ist, sich in dem Film mit den Risiken auseinanderzusetzen, die es mit sich bringt, die sogenannte Geschlechtsdysphorie schon in jungen Jahren mit Hormonen oder gar chirurgischen Eingriffen zu behandeln. Es ist ein Thema, das politisch und emotional enorm aufgeladen ist und viele Menschen bewegt. Zum Ärger von Berbner und Ruhs wird die Idee in den ARD-Gremien abgelehnt. Berbner hat das Gefühl, dass er mit seinen Vorschlägen zunehmend in "Wände aus Gummi" läuft, wie er es gegenüber Kollegen formuliert.
Anekdoten aus Redaktionssitzungen sind keine Fakten
Lässt sich der eine Fall generalisieren und spielen da nicht auch subjektive Wahrnehmungen, Frust und Kränkungen mit hinein? Feddersen liebt zwar den Begriff Faktencheck oder "harte Faktenanalyse", um dann selbst doch lieber bei Meinungen zu bleiben. Eine Analyse sieht anders aus und ist jedenfalls was anderes als ein Stimmungsbarometer oder Anekdoten aus Redaktionssitzungen. Die gefühlte Temperatur kann sonst wo liegen, entscheidend ist, was gemessen wird. Also, wo ist die Medienanalyse, die das Wohlwollen für trans Menschen als Ursache für die angebliche Abschaffung der Meinungsfreiheit feststellt?
Dass Feddersen das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) ablehnt, wissen wir. Dass ihm die Geschlechtsmündigkeit von Menschen total fremd ist, wissen wir ebenso, was er jedoch bitte nicht den Menschen anlasten sollte, die geschlechtsmündig sind und selbstbestimmt erklären (und es jetzt endlich können), was ihre Geschlechtsidentität ist. Feddersen wird seine doch sicherlich auch kennen?! Oder braucht er dafür ein Gutachten?
Für trans Menschen verlangt er es, nämlich als "Prüfung der Umstände einer Transition". Reicht es nicht, dass wir tausend Gutachten und Bescheinigungen brauchen, um ein bisschen Medizin zu bekommen. Offenbar kennt Feddersen nicht die derzeitige prekäre Lage in der trans Gesundheitsversorgung, in der Krankenkassen kurz vorm Dauer-Njet stehen.
Menschenrechte werden zur Meinungsfrage erklärt
Aber dass das SBGG dahingehend "reformiert" wird, dafür fehle "der öffentliche Druck, den es nicht geben kann, weil die entsprechend reflektierenden und kritischen Berichte gar nicht erst publiziert werden können". Und woher kennt Feddersen die Berichte, wenn sie nicht publiziert werden? Armer Jan Feddersen. In was für einer Welt muss er bloß leben? Und außerdem noch einer derjenigen zu sein, die den wirklichen Durchblick haben bei all dem "Trans-Wahn". Hier kommt er mir wie eine männliche Janice Raymond vor, die einst ein "Transsexual Empire" fantasierte.
Ich nenne so etwas allerdings eher einen Sinn für geistige Brandstiftung. Denn: "Wenn Menschenrechte zur Meinungsfrage erklärt werden, entsteht ein Klima, in dem Gewalt gedeihen kann", erklärte Robin Ivy Osterkamp ganz richtig (Vorstand beim Bundesverband Trans*). Ein Klima, das wir ja längst haben. Mich würde deshalb interessieren, wie der alte weiße schwule Mann reagieren würde, wenn so über Schwule gesprochen und geschrieben werden würde, wie er das im Fall von trans tut.
Wenn derart in Persönlichkeitsrechte einer Gruppe von Menschen eingegriffen wird, dann werden mal eben menschenrechtliche Standards außer Kraft gesetzt. Trump ist, wie wir jüngst lesen konnten, gerade dabei, die Menschenrechtscharta umzuschreiben. Feddersen ist da scheinbar schon längst durch. Wie wäre es, zur Abwechslung mal in die Verfassungsrechtsprechung zu schauen? Die war nämlich in den letzten dreißig Jahren gar nicht transkritisch – und hatte allen Grund dazu. Oder ist Karlsruhe etwa auch aktivistisch unterwandert?
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Stimmungsmache statt fundierte Forschung
Noch ein Wort zu Till Randolf Amelung, der sich seinem Lieblingsthema Kinder und Jugendliche und trans Medizin widmet. Entscheidend ist am Ende nicht, was wo und wie in den Medien behandelt wird, sondern was die Medizin selbst zu sagen hat. Denn dort wird das Wissen generiert. Aber genau dort herrscht eben keineswegs Einigkeit, welche Studien wie zu bewerten sind – und das spricht eben nicht unbedingt für die Studien. Das weiß natürlich Amelung, aber anstatt eine fundierte Forschung zu fordern, die endlich belastbare Zahlen und Erkenntnisse liefert, beteiligt er sich lieber an der Stimmungsmache.
Und dann noch zum Aufreger-Thema Pubertätsblocker: Sie werden, ohne dass das jemals jemanden interessiert hätte, mit aller Selbstverständlichkeit im Fall von Pubertas praecox angewendet, also im Fall einer verfrühten Pubertät. Von der sind in der Mehrheit Mädchen betroffen und wie zu lesen ist, steigen seit 2024 die Fallzahlen. Die Rede ist von 20 bis 30 Prozent. Das sind dieselben Pubertätsblocker, die in der trans Medizin Verwendung finden. Niemanden interessieren jedoch im Anwendungsfall einer verfrühten Pubertät die eventuellen Spätfolgen und die Anwendungsdauer kann über mehrere Jahre gehen. Hier wird also geschwiegen und dort verteufelt. So etwas nennt man doch selektiver Blick und Doppelmoral, oder?
Nein, sie werden uns nicht in Ruhe lassen. Sie werden sich weiter empören, wenn wir auf die Ähnlichkeit ihrer Stimmungsmache mit der der AfD hinweisen. Sie werden sich weiter queer nennen und das Gegenteil praktizieren – und ihre IQN-Giftküche weiter betreiben.















