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Porträt

Trans Aktivismus "größer denken"

Mit der Philosophin Luce deLire beginnen wir eine neue Serie über queere Erfolgsgeschichten. In ihren Texten stellt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Berliner Humboldt-Uni so provokante Fragen wie, ob wir als trans Personen wirklich wie cis aussehen müssen.


Luce deLire ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin und engagiert sich im Bündnis "Selbstbestimmung selbst gemacht" (Bild: Andre Germar)

Wenn es um all die Negativ-Meldungen geht, mit der die queere Community fast täglich konfrontiert wird, oder um unser Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft, dann höre ich nicht selten: Es fehle an positiven Beispielen, an gelingenden Biografien, ja, an queeren Erfolgsgeschichten. Doch die gibt es, und die lassen sich erzählen.

Klar, sie bringen die sinkenden Akzeptanz-Werte und die gleichzeitig steigenden Zahlen bei Hass- und Gewaltdelikten nicht zum Verschwinden. Doch bei all dem sollten wir doch bitte nicht den Blick dafür verlieren, dass wir so, wie wir sind, nicht nur richtig, sondern wirklich großartig sind. So viel widerständige Selbstbestimmtheit, wie wir durch unser Queer-Sein leben, müssen uns die anderen erst mal nachmachen.

Und weil das so ist, möchte ich hier in loser Folge Persönlichkeiten aus der queeren Community vorstellen, die beweisen, dass wir überall in der ersten Liga mitspielen. Für mich sind die Begriffe queer und kreativ längst zu Synonymen geworden: Da sind zum einen Lebensentwürfe, die in ihrer wie auch immer definierten Nonkonformität für Kreativität stehen. Andererseits: Was aus solchen Lebensentwürfen heraus künstlerisch, geistig und politisch entsteht, beweist vor allem bemerkenswerte kreative Potentiale. Ja, wir haben allen Grund, stolz auf uns zu sein und sollten uns selbst immer wieder daran erinnern, damit wir es bei all dem Bullshit, der uns umgibt, am Ende nicht vergessen.

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Zunächst zwei Ausstellungs-Tipps

Manchmal erinnern uns auch die anderen daran. Beispielsweise aktuell durch zwei Ausstellungen in Köln und Düsseldorf. Die im Kölner Museum Ludwig gezeigte Schau trägt den Titel "Fünf Freunde", war zuvor im Münchener Museum Brandhorst zu besichtigen und ist den US-amerikanischen schwulen Künstlern John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg und Cy Twombly gewidmet, die Kunst-, Tanztheater- und Musikgeschichte im 20. Jahrhundert geschrieben haben. Keine Frage, die Welt sähe ohne sie anders aus.

In Düsseldorf ist es der globale Blick auf die "Queere Moderne" zwischen 1900 und 1950. Eine unbedingte Empfehlung, bei der wundervolle Entdeckungen garantiert sind. Aber die Kreativität der Communitys kennt, wie gesagt, viele Ausdrucksweisen und Arbeitsfelder. Wir brauchen uns nur mal auf dem Buchmarkt umzuschauen oder auf den Bühnen oder im Kino. Ja, es gibt längst eine Queer Media Society und nicht nur eine Organisation, die so heißt. Und während immer mehr von uns Karriere in Institutionen machen, ist Queerness im Akademischen schon längst Alltag – zum Beispiel im Bereich Philosophie.

Luce deLire lernte ich als trans Aktivistin kennen

Genau dort, nämlich in der Philosophie, ist Luce deLire zu Hause, mit der ich die Porträtserie starte. Sie ist trans, als Philosophin promoviert und arbeitet zurzeit an der Humboldt Universität in Berlin. Kennengelernt habe ich Luce als trans Aktivistin, denn sie gehört dem 2023 gegründeten Bündnis "Selbstbestimmung selbst gemacht" an, das durch einen eigenen Entwurf für ein Selbstbestimmungsgesetz Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie selbst nannte die Entstehung eine empowernde Erfahrung, die vermittelte: Ja, wir können es selbst in die Hand nehmen. Freilich ändert das erst mal nichts an den realen politischen Machtverhältnissen.

Das Bündnis versteht sich als "ein künstlerisch-aktivistisches Kollektiv […]. Ihr Aktivismus befasst sich mit systemischen Problemen durch direkte Aktionen, öffentliche Interventionen und gemeinschaftsorientierte Gesetzesvorschläge. […] Außerdem produzieren sie den Podcast Queerocracy Now, in dem sie Strategien, Erkenntnisse und aktuelle Themen des Queer-Aktivismus und der Trans-Rechte diskutieren."

Inzwischen versucht das Bündnis eine eigene Evaluierung des bestehenden Selbstbestimmungsgesetzes auf den Weg zu bringen. Wir sind gespannt. Und dann gibt es da das zugegeben recht utopische Projekt Queerokratia, das unter anderem eine geschlechtsmündige Gesellschaft zum Ziel hat, die hoffentlich irgendwann begreift: Niemand muss cis sein.


Luce deLire spricht bei einer Kundgebung (Bild: Kalle Mir)

Medizin als Faktor zur Unsichtbarwerdung

Luce ist publizistisch ausgesprochen produktiv und das sind in der Regel keine Texte, die mal eben in der Mittagspause nebenbei zwischen Stulle und Bionade konsumiert werden können. Sie sind intellektuell wirklich harter Stoff und scheuen sich nicht vor meinungsstarken Argumentationen. Dass das Trans-Sein dabei immer wieder eine wichtige Rolle spielt, muss wahrscheinlich nicht betont werden, denn auch die Philosophie kennt die Geschlechterfrage nur zu gut und "trans" ist ohnehin eine ihrer beliebtesten Vorsilben.

Gerade ist ein Buch erschienen mit dem Titel "Feministische Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie", zu dem Luce gleich drei Textbeiträge lieferte. In ihren Texten werden so provokante Fragen gestellt wie, ob wir als trans Personen wirklich wie cis aussehen müssen oder wir nicht besser das Primat des Passings aufgeben sollten. Warum wollen wir nicht als trans sichtbar sein? Auf jeden Fall sei die Medizin ein Faktor zur Unsichtbarwerdung.

Natürlich ist Luce bewusst, dass mehr öffentliche Sichtbarkeit potentiell mehr Ausgrenzung und Gewalt mit sich bringt. Genau das erleben wir leider im Alltag. Was zu der Frage führt, wie selbstbestimmt können wir unter diesen Umständen sein, wenn wir sozusagen aus lebenserhaltenden Gründen gezwungen sind, uns durch das Passing in unserem trans Sein unsichtbar zu machen.

Und ist es nicht übergriffig, fragt Luce, wenn kulturell schon durch die Kleidung der genitale Status angezeigt und so privates Wissen über Geschlecht publik gemacht wird? Freilich ließe es sich auch andersherum denken: Brauchen wir eine genitalverändernde Medizin, wenn die Kleidung unsere Geschlechtsrolle bereits markiert? Gut, das steht nicht bei Luce, aber wäre eine Überlegung wert.

Großes Interesse an Margaret Cavendish

Als trans Aktivistin hatte ich Luce zuerst kennengelernt und dann kam wenig später noch die Philosophin hinzu. Dabei fiel mir ihr besonderes Interesse für eine englische Kollegin aus dem 17. Jahrhundert auf. Ob Menschen aus einer marginalisierten Gruppe möglicherweise eine sensiblere Wahrnehmung für andere marginalisierte und ausgegrenzte Menschen haben? Denkbar, denn auch Margaret Cavendish blieb als Expertin in Fragen der Naturphilosophie in einer männerdominierten Wissenschaftswelt weitgehend ausgeschlossen und ignoriert.

Auf die Frage, was Luce an Cavendish besonders interessiere, antwortete sie: "Es macht Spaß, sie zu lesen." Auch sei sie wohl die einzige Autorin in ihrem Jahrhundert gewesen mit einer eigenständigen systematischen Philosophie:

Cavendish schlägt vor, die Natur selbst als ein unendliches, sich selbst bewegendes System zu verstehen […]. Daraus folgt für sie unter anderem, dass die ständigen Uneinigkeiten, Missverständnisse und Streitereien der Menschen keine Unfälle sind, sondern Ausdrücke der Unendlichkeit der Natur selbst. Dasselbe gilt für den Zweifel, die Unentschlossenheit und die innere Zerrissenheit.

Das finde Luce plausibel und glaubt darin einen frühen trans- beziehungsweise queer-feministischen Materialismus zu erkennen. Wie auch immer, die Lektüre lohne sich allemal.

Und warum ist Luce selbst Philosophin geworden? Da spielte, wie sie mir verriet, Zufall eine Rolle, denn eigentlich wollte sie Theater und Performance studieren. Aber dann hat sie sich doch in die Philosophie verliebt. Es sei "eine Mischung aus Zufall und Lust am Denken" gewesen, zu der später noch so etwas wie ein Verantwortungsgefühl hinzukam. Womit sie wohl die kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, der Kultur und der Welt überhaupt meint. Am liebsten würde sie ein Institut für kreative Futurologie gründen, um "konkrete Entwürfe für euphorische Zukünfte" entstehen zu lassen. Auf jeden Fall geht es mit dem Publizieren weiter. Das nächste Buch ist bereits in Planung: "Spinoza on Gender and Sexuality".

Die Zukunft des trans Aktivismus

Auf die Frage, wie es mit dem trans Aktivismus weitergehe, schwankte die Antwort zwischen pessimistisch und skeptisch. Was freilich nicht gut zu ihrer Lust auf eine kreative Futurologie passt und der Lust auf "euphorische Zukünfte":

Meine Erfahrung der letzten Jahre ist, dass sich eigentlich niemand für trans Aktivismus interessiert, inklusive trans Menschen. Wir bekommen keine Leute auf die Straße, außerhalb vom Selbstbestimmungsgesetz kennt eigentlich niemand unsere Themen und es gibt eigentlich kaum bis keine kreativen Aktionen. Das muss sich ändern.

Der Frust lässt sich nicht wegdiskutieren, aber die Einsicht ist dennoch stärker, dass trans Themen mehrheitsfähig werden müssen. Auch erhebt Luce sehr konkrete Forderungen in Richtung Community: Lernen, mit Depressionen und Activist-Burn-Out umzugehen, emotional zugänglichere Formen des Aktivismus in Zeiten digitaler Desinformation zu finden. Auch müssen wir über den Tellerrand hinausschauen, indem unser Aktivismus sich zu geopolitischen Themen verhält. Und schließlich müsse die trans Misogynie in den eigenen Reihen überwunden werden.

Ja, das hört sich richtig und gut an. Denn das kann doch bei allem berechtigten Frust nur heißen: "Ich möchte aber auch trans Aktivismus größer denken, ihn aus der Minderheitenpolitik rausholen. […] Wenn ihr mitmachen wollt, meldet euch."

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