https://queer.de/?55958
Jetzt im Kino
Verbotene Bücher lesen als stiller Akt des Widerstands
Eine Gruppe iranischer Frauen trifft sich heimlich bei einer Professorin, um Bücher zu diskutieren, die das theokratische Regime verboten hat. Die Bestseller-Verfilmung "Lolita lesen in Teheran" zeigt die subversive Macht von Literatur – aber auch ihre Grenzen.

Golshifteh Farahani als Literaturprofessorin Azar Nafisi in "Lolita lesen in Teheran" (Bild: Marie Gioanni)
- Von
Gestern, 14:09h 5 Min.
Es ist ausgerechnet die einzige ein wenig queere Szene des Films, in welcher der konspirative Lesezirkel Momente echter Unbeschwertheit und Leichtigkeit erlebt. Momente, in denen die iranischen Frauen für kurze Zeit ihrem deprimierenden Alltagsgefängnis entfliehen können.
Die Professorin für englische Literatur, in deren Wohnung sie sich regelmäßig heimlich treffen, diskutiert mit ihnen Jane Austens "Pride and Prejudice". Damit sie sich besser in die ebenfalls von vielen Regeln und Grenzen eingeengten Frauen dieses Romanklassikers einfühlen können, fordert die Professorin die Gruppe auf, sich in vier Paare aufzuteilen und miteinander zur Musik jener Zeit zu tanzen. Dabei sollen die Frauen nicht nur die Tanzregeln beachten, sondern sich auch noch gepflegt miteinander unterhalten und dem Gegenüber allenfalls gar ihr amouröses Interesse signalisieren. Was die britischen Adligen der damaligen Zeit offenbar ohne größere Probleme schafften, ist für die Iranerinnen eine unlösbar schwierige Aufgabe, wie sie lachend eingestehen müssen, als ihre Tanzbewegungen wegen der Gespräche mal wieder völlig aus dem Ruder laufen.
Gottesstaat statt Freiheit

Poster zum Film: "Lolita lesen in Teheran" startete am 20. November 2025 im Kino
Solche heiteren Momente sind rar in "Lolita lesen in Teheran", einem vom israelischen Regisseur Eran Riklis in Rom gedrehten Film, der auf dem gleichnamigen Bestseller der iranischen Autorin Azar Nafisi basiert, die darin ihre eigene Geschichte verarbeitet hat. Diese setzt 1979 ein, dem Jahr der islamischen Revolution von Ayatollah Khomeini. Literaturprofessorin Nafisi (Golshifteh Farahani) kehrt mit ihrem Mann Bahri (Reza Diako), einem Architekten, voller Hoffnung in den Iran zurück, um mitzuhelfen, das befreite Land in eine neue Zeit zu führen. Er baut Häuser, sie unterrichtet englische Literatur an der Universität in Teheran.
Doch die Hoffnung hält nicht lange. Denn unter den unterschiedlichen Kräften, die gemeinsam zum Sturz des verhassten Schahs beigetragen haben, sind es schließlich die islamistischen Hardliner, die sich durchsetzen. Schon bald zwingen sie der gut gebildeten und an sich lebenslustigen Bevölkerung die rigiden Regeln eines Gottesstaats auf – was insbesondere die Frauen hart trifft.
Proteste werden gewaltsam niedergeschlagen
Anfänglich weigert sich Azar Nafisi noch, die neu vorgeschriebenen Kleidungsvorschriften zu befolgen und zum Beispiel ein Kopftuch zu tragen. Doch schon bald realisiert sie, dass ihr nichts anderes übrigbleibt als sich zu fügen, wenn sie weiter unterrichten will. Als sich allerdings auch ihr inhaltlicher Spielraum immer weiter verengt und sie miterleben muss, wie friedlich protestierende Studierende niedergeknüppelt werden, gibt sie ihre Position an der Uni auf. Sie zieht sich ins Private zurück, bekommt zwei Kinder – und will sich dennoch nicht abfinden mit den zahlreichen Einschränkungen der Ayatollahs.
So formt sie schließlich einige Jahre später bei sich zu Hause einen heimlichen Lesekreis aus ehemaligen Studentinnen und anderen Freundinnen, die nach ein wenig gedanklicher Freiheit dürsten. Neben Jane Austen diskutieren sie auch Vladimir Nabokovs "Lolita" und andere im Iran verbotene westliche Literaturklassiker – ein stiller Akt des Widerstands gegenüber dem theokratischen Regime.
Am Ende bleibt nur die Flucht
Doch der Film zeigt auch, dass die Frauen dabei einiges riskieren. Und dass die subversive Macht der Literatur ihre Grenzen hat. Denn an ihrem tristen Alltag können die Iranerinnen damit nichts ändern; mehr und mehr aus der Gruppe ertragen die Situation nicht mehr und suchen Wege, das Land zu verlassen. 1997 tun dies schließlich schweren Herzens auch Azar Nafisi und ihre Familie – es ist also der Gottesstaat, der sich durchsetzt.
Immerhin wird Nafisis Buch "Reading Lolita in Tehran", das sie 2003 in ihrer neuen Heimat USA veröffentlicht, zum Bestseller. Und dass es nun ein israelischer Regisseur ist, der diese Geschichte des stillen Widerstands weiterverbreitet, passt bestens angesichts des jahrzehntelangen Konflikts zwischen Iran und Israel. Die Darsteller*innen wiederum haben alle in der einen oder anderen Form iranische Wurzeln. Eran Riklis' Film beschäftigt sich allerdings – anders als das Buch – nur am Rande mit den Feinheiten der diskutierten Literatur. Und er könnte emotional noch stärker sein, hätte Riklis die Schicksale der einzelnen Frauen des Lesezirkels noch etwas mehr herausgearbeitet.
|
Geschwächter Gottesstaat, Bücherverbote in den USA
Dennoch kommt "Lolita lesen in Teheran" im Lichte der jüngsten politischen Entwicklungen zur richtigen Zeit. Das iranische Regime ist wohl so schwach und brüchig wie noch nie seit der Revolution von 1979. Sogar ein Kollaps in naher Zukunft ist denkbar geworden; auch wenn höchst unklar ist, was danach käme und ob jene Freiheit, die Nafisi sich damals erhoffte, eine Chance bekommen könnte.
Regisseur Riklis hat jedoch noch eine andere Botschaft für sein Publikum: "In meinem Film geht es um Zustände, die sich an jedem Ort der Welt verschlechtern können, wenn wir nicht wachsam sind", sagte er in einem Interview. "Der Film will niemandem vorschreiben, wie er zu denken hat. Er will lediglich dazu anregen nachzudenken."
Ein wichtiges Anliegen in einer Zeit, in der Bücherverbote an US-Schulen zur traurigen Normalität geworden sind und oft insbesondere queere Werke treffen. Wenn dies sogar in einem demokratischen Rechtsstaat geschehen kann, in dem noch dazu die Rede- und Meinungsfreiheit bei jeder Gelegenheit in höchsten Tönen gepriesen wird, kann es überall passieren. Wachsamkeit ist also angebracht, damit nicht noch mehr Menschen auf der Welt ihre Bücher heimlich lesen müssen.
Lolita lesen in Teheran. Drama. Italien, Israel 2025. Regie: Eran Riklis. Cast: Golshifteh Farahani, Zar Amir, Mina Kavani, Bahar Beihaghi, Isabella Nefar, Raha Rahbari, Lara Wolf. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Weltkino. Kinostart: 20. November 2025
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
- 23:20h, Arte:
Der wunderbare Udo Kier
Hommage an den großen, unlängst verstorbenen schwulen Schauspieler Udo Kier.
Doku, D 2024 - mehr TV-Tipps »















