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Kinostart

Ein queerer Heimatfilm aus der ostdeutschen Provinz

Die Komödie "Sehnsucht in Sangerhausen" ist ein kleines deutsches Kino-Juwel. Die schräge Story erzählt voller Selbstverständlichkeit von einer lesbischen Liebe, hat ambitionierten Humor und entfaltet subtile Kapitalismuskritik.


Ursula (Clara Schwinning) schlägt sich als Kellnerin in einem Café über die Runden (Bild: Grandfilm / Blue Monticola Film)

Steine sind für immer. Das wusste schon James Bond, auch wenn es dem Geheimagenten eher um Diamanten ging als um einen kleinen blauen Stein. Den findet die Dienerin Lotte. Und sie träumt sich nach Frankreich, wo die Revolution gerade die Ständegesellschaft gewaltsam beendet hat.

Denn davon würde auch die junge Frau profitieren. Sie müsste etwa nicht mehr den Nachttopf des Dichters Novalis leeren. Ab nach Frankreich also – so zumindest ihr ambitionierter Plan.

Sind Klassenverhältnisse für immer?

Knapp 250 Jahre später, ein Sprung ins Jetzt: Ursula muss morgens in einem Möbelladen putzen, bevor sie in einem Café kellnert. Der Bestseller: Rosentorte. Die wird dort am häufigsten bestellt, vor allem von den Tourist*­innen, die für die größte Rosensammlung der Welt nach Sangerhausen reisen. Nicht selten muss sie sich auf der Arbeit schlecht anflirten lassen, und ihre Chefin kommandiert sie ständig herum. Auf einem Feld findet Ursula plötzlich den kleinen blauen Stein.

Er ist das deutlichste Zeichen, dass es im neuen Film von Julian Radlmaier neben Begegnungen vor allem um Kontinuitäten geht: Nicht nur Steine überdauern Jahrhunderte, auch Klassenverhältnisse scheinen in Stein gemeißelt zu sein, Revolutionen und Systemwechseln zum Trotz. Dienerin oder Kellnerin, 18. Jahrhundert oder heute: Was anders aussieht und anders klingt, hat dennoch einen ähnlichen Überbau.

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Ursulas Beziehung ist leidenschaftslos


Poster zum Film: "Sehnsucht in Sangerhausen" startet am 27. November 2025 im Kino

Doch keine Sorge: "Sehnsucht in Sangerhausen" ist kein neomarxistischer Thesenfilm, der seine politischen Botschaften vor sich herträgt. Regisseur, Autor und Cutter Julian Radlmaier nutzt sie eher als Grundierung für seine zwischen absurder Komödie und Heimatfilm liegenden Erzählungen.

Sein Film gliedert sich in vier Abschnitte. Der erste, kurze, ist der über die eingangs erwähnte Dienerin Lotte. Darauf folgt Ursulas Geschichte. Sie ist offenbar relativ jung Mutter geworden, lebt in einer Beziehung, in der von Leidenschaft nichts zu spüren ist. Doch dann kommen plötzlich ein paar Musiker*­innen aus der Großstadt in die sachsen-anhaltische Provinz.

Mehr als nur Abwechslung

An einer von ihnen entwickelt Ursula Interesse. Sie zeigt Zulima ihre Stadt. Sie ist die einzige von den Musiker*­innen, die sich für die Stadt im Südharz interessiert. Ein Grund: Sie ist entfernt mit dem Dichter Novalis verwandt, der in der Nähe geboren wurde. Einem Romanfragment von ihm – und ihrem Germanistik-Professoren-Vater – verdankt sie auch ihren Vornamen.

Zwischen den zwei Frauen entflammt keine wilde Sommerromanze. Die beiden spüren eher eine subtile Anziehung, eine Neugierde auf die andere. Ein Abenteuer, eine willkommene Abwechslung? Ursula scheint es doch stärker zu treffen, als man zunächst vermutet. Denn als Zulima am nächsten Tag entgegen der Absprache schon abgereist ist, handelt Ursula intuitiv und unerwartet heftig.


Ursula (Clara Schwinning) zeigt Zulima (Henriette Confurius) die Stadt (Bild: Grandfilm / Blue Monticola Film)

Reservierte und melancholische Figuren

Der folgende Abschnitt begleitet die iranische Studentin Neda, die nach Deutschland geflohen ist, und sich jetzt als Youtuberin versucht. Sangerhausen will sie als besonders günstiges Reiseziel vorstellen – doch dann meint sie, einer Freundin von früher begegnet zu sein. Oder spukt es im örtlichen Kino? Der vierte Teil schließlich führt so manchen Faden wieder zusammen.

Mit seinem dritten Spielfilm führt Julian Radlmaier konsequent fort, was er mit "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" und "Blutsauger" begründete: eine sehr eigene Form des filmischen Erzählens, die eine lakonisch-ironische Stimmung durchzieht. Untrennbar damit verbunden sind Figuren, die ähnlich reserviert und melancholisch agieren wie etwa bei Aki Kaurismäki.

Ein ambitionierter Film

Auf ästhetischer Ebene ähnelt "Sehnsucht in Sangerhausen" dem minimalistischen Stil des Südkoreaners Hong Sang-soo. Die Kamera (Faraz Fesharaki) fängt die Szenen in vielen langen Einstellungen ein, bleibt meist distanziert und bewegt sich in anachronistisch wirkenden Schwenks und Zooms.

Das führt zu abseitigen Filmen, die im deutschen Kino relativ selten zu sehen sind. Manchmal wirkt "Sehnsucht in Sangerhausen" durchaus verkünstelt, Form und Inhalt ergeben nicht immer eine Einheit. Aber das sind Kleinigkeiten, über die sich hinwegsehen lassen. Denn hier gelingt ambitioniertes Filmschaffen, das sich deutlich von der Masse abhebt.

So ein Projekt als avantgardistisch zu bezeichnen, ist daher nur konsequent. Und dass so ein Film eine queere Liebesgeschichte voller Selbstverständlichkeit miterzählt, noch dazu in der ostdeutschen Provinz und mit eher prekär lebenden Figuren, scheint mehr zu sein als die Erfüllung einer weiteren Identitätskategorie.

Vielfältige Sehnsucht, auch in der Provinz

"Sehnsucht in Sangerhausen" erweitert dahingehend den Heimatfilm – und rümpft vielleicht ein bisschen zu sehr die Nase über eine Heimatverbundenheit, die sich in schlecht gealterten Schlagern ausdrückt. Gleichzeitig ist der Grat aus Kritik und Bewunderung – die ist nämlich durchaus spürbar – dünn.

Der Ort mit seiner riesigen Abraumhalde Hohe Linde, die durch den Kupferabbau entstand, bringt schon selbst allerlei Symbolik und Assoziationsmöglichkeiten mit, die durch wiederkehrende Steine, Kirschen und natürlich Rosen noch ergänzt werden. Eine ungewöhnliche, daher umso hervorragendere Kulisse für die vielfältigen Formen der Sehnsucht: nach ökonomischer Befreiung, rassismusfreier Zugehörigkeit oder einer lesbischen Romanze.

Infos zum Film

Sehnsucht in Sangerhausen. Komödie. Deutschland 2025. Regie: Julian Radlmaier. Cast: Clara Schwinning, Maral Keshavarz, Henriette Confurius, Paula Schindler, Ghazal Shojaei, Kyung-Taek Lie, Buksori Lie. Laufzeit: 90 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 6. Verleih: Grandfilm. Kinostart: 27. November 2025
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