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ZDF-Serie
Tens across the board: "House of Bellevue" ist ein queeres Juwel für das deutsche Fernsehen
Wer "Pose" liebt, wird auch "House of Bellevue" feiern: In der neuen Drama-Serie von Kai S. Pieck entflieht der 19-jährige Emm der brandenburgischen Provinz und stürzt sich in die Berliner Ballroom-Szene.

Auf dem Kiki-Ball lässt lernt Emm (Ricco-Jarret Boateng, r.) Djamal (Abed Haddad, l.) kennen, der ihn in die Berliner Ballroom-Community einführt. Mehr Standbilder aus "House of Bellevue" zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: ZDF / Daniel Lwowski)
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27. November 2025, 05:09h 5 Min.
"Ein safe space ist nur eine Illusion, es ist ein brave space überall", äußert sich João (Robin Cadet) entgeistert über seine Eindrücke in der New Yorker Ballroom-Community – und dieser Moment sitzt. Er verweist klar auf die Ursprünge, auf die Tradition, auf das Fundament, auf dem "House of Bellevue" ganz offensichtlich steht. Direkt in der ersten Episode feiert die Serie diese Ursprünge, verortet das Geschehen aber gleichzeitig treffsicher im heutigen Berlin. "Wir haben hier heute Abend viele Kategorien, die unsere Unterschiede und Einzigartigkeit feiern. Das alles verdanken wir unseren Schwarzen, Latinx trans* Schwestern, die vor uns kamen. Viele von ihnen konnten ihr wahres Selbst nur auf dem Laufsteg zeigen." Man spürt sofort: Das hier ist nicht nur Referenz, sondern eine bewusste Verankerung. Ein Anerkennen.
Gleichzeitig verhandeln die Episoden – knapp, pointiert, manchmal fast kühl – die Frage, ob safe(r) spaces geöffnet werden sollen. Ein Konflikt, der die Berliner LGBTI-Subkultur seit Jahren umtreibt. Lia (Nora Henes), die die Szene öffnen will, sich an den Mainstream annähert, um ihr Überleben zu sichern – und dafür heftig kritisiert wird. Und ihr Rivale Jay (Lie Ning) mit seinem giftgrünen Haar und seinen giftigen Kommentaren, der sein House möglichst weit abgeschottet halten will von der hetero Mehrheitsgesellschaft, um Sicherheit zu garantieren. Das ist ein spannungsreicher Gegenwartsdiskurs, sehr real, sehr nah an der Szene, wie sie gerade existiert.
Ab Freitag in der ZDF-Mediathek

Poster zur Serie: "House of Bellevue" ist ab 28. November 2025 (10 Uhr) in der ZDF-Mediathek verfügbar. Die TV-Ausstrahlung erfolgt ab 2. Dezember um 21:45 Uhr auf ZDFneo
Im Mittelpunkt der sechs Folgen von "House of Bellevue" – ab 28. November 2025 um 10 Uhr in der ZDF-Mediathek, ab 2. Dezember um 21:45 Uhr auf ZDFneo – steht aber vor allem Emm (Ricco-Jarret Boateng). Der bisexuelle 19-Jährige, der ohne Dach über dem Kopf nach Berlin kommt. Afro-Deutsch, bei weißen Pflegeeltern in Spremberg großgeworden, konfrontiert mit ihrem Nicht-Verstehen, ihrer fehlenden Empathie. Und so flieht er beinahe in die Großstadt. In Emm vereinen sich so viele Grundmotive, die queere und BiPoC-Biografien bis heute prägen: das Streben nach eigenen Träumen, die komplizierte Beziehung zu Eltern und Geschwistern, die Entstehung einer Wahlfamilie – hier mit Djamal (Abed Haddad), der ihn schon beim ersten gemeinsamen Ball unter die Fittiche nimmt – und die ersten queeren sexuellen Erfahrungen. Sein Traum erfüllt sich, als er endlich ins verehrte "House of Bellevue" aufgenommen wird.
Hauptdarsteller Boateng sagt im Interview: "Ich habe mich in Emm einfach wiedererkannt. Und hatte sofort das Gefühl: Wenn jemand diese Rolle spielen sollte, dann jemand, der sie wirklich versteht – der ähnliche Erfahrungen gemacht hat oder weiß, wie es sich anfühlt, nicht immer vom engsten Umfeld verstanden zu werden." Und genau das glaubt man ihm in jeder Sekunde. Boateng trägt "House of Bellevue" selbstsicher auf beiden Schultern – in seiner jugendlichen, naiven Begeisterung, in seinem tänzerischen Fortschritt, in seinem beeindruckenden körperlichen Ausdruck. Er bringt buchstäblich den Schwung in diese Serie.

Emm (Ricco-Jarret Boateng) gibt auf dem Major Ball alles (Bild: ZDF / Daniel Lwowski)
Viele liebenswerte Nebenfiguren
Gleichzeitig gibt es viele weitere liebenswerte Nebenfiguren, die es Freude bereitet zu verfolgen: neben der Mother Lia, die mit Vorwürfen der Kommerzialisierung und des Straightwashing zu kämpfen hat, ihr House-Mitglied Mo (Kawian Paigal), der als traumatisierter Geflüchteter mit den entwürdigenden Prozessen des Amtes und unter Drogenmissbrauch zu leiden hat. Lias Rivale Jay (Lie Ning) mit seinem giftgrünen Haar und seinen giftigen Kommentaren, und ihre gemeinsame Mother Calista (Florence Kasumba).
Da gibt es meine persönliche Sympathieträgerin der trans asexuellen TJ (Ilonka Petruschka), die mit persönlicher Entfremdung zum titelgebenden "House of Bellevue" zu kämpfen hat, sich aber immer mehr annähert und von den porträtierten Neulingen der Serie immer wieder mitreißen lässt. Und den absolut sympathischen Djamal (Abed Haddad) mit eigener Problematik im Fashion-Studium als schwuler Syrer in der Wohnung.
Mutig in der Darstellung, mutig in der Repräsentation
Ja, "House of Bellevue" bleibt mit seinen nur sechs Episoden à 40 Minuten stellenweise etwas emblematisch und schematisch. Einige Figuren hätten eindeutig mehr Screentime verdient. Und ja, die Ästhetik ist stark angelehnt an "Pose" und "Paris is Burning" – natürlich hält die Serie diesem Vergleich nicht immer stand. Und manches im Dialog wirkt sprachlich oder spielerisch nicht ganz durchgängig. Aber trotzdem ist Showrunner Kai S. Pieck – Gründer der Queer Media Society – mit "House of Bellevue" ein Juwel für das deutsche Fernsehen gelungen. Mutig in der Darstellung. Mutig in der Repräsentation. Mutig darin, queere Diversität nicht auszubeuten, sondern ihr Raum zu geben. Und mutig, weil die Serie die Ausbeutung queerer Individuen in Mainstream-Medien selbst zum Verhandlungsthema macht.
Die Outfits sind genial und kreativ. Das Tempo stimmt oft. Die Ballroom-Szenen sind das eigentliche Triebwerk, die Voguing-Choreografien pulsieren. Und Emm ist ein Protagonist, dessen Entwicklung man wirklich gerne verfolgt. Es bleibt nur zu hoffen, dass diesem Ausnahmewerk eine Fortsetzung gegönnt ist. Die letzte Folge lässt die Zuschauer*innen mit einem sehr offenen, etwas unbefriedigenden Ende zurück – eines, das gut als Abschluss funktionieren könnte, falls der ÖRR dieser queeren Produktion kein weiteres Budget zugesteht, aber dennoch frustriert, weil so viel Potenzial weitererzählt werden könnte.
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"House of Bellevue" braucht eine zweite Staffel
Gerade vor dem Hintergrund weltweit schließender LGBTI-Einrichtungen wirkt "House of Bellevue" äußerst emotional dringlich. Die Serie verortet das Geschehen immer wieder ganz klar im heutigen Berlin, man erkennt sofort die Schauorte der (noch) pulsierenden Stadt – und eben auch die, die schon geschlossen sind: Ritter Butzke, das soeben geschlossene SchwuZ. Vor dem Hintergrund des queeren Clubsterbens macht die Serie melancholisch. Weil die Räume, die sie so farbenfroh porträtiert, teilweise längst verschwunden sind.
Ich ertappe mich immer wieder – besonders als jemand, der in Berlin lebt – bei dem Wunsch, in dieser queeren Utopie leben zu wollen. Diese liebevollen, pulsierenden, wilden Räume festhalten zu wollen. Und ich hoffe inständig, dass die Serie nicht wie viele der Clubs schließt, die sie zeigt. Sondern offen bleibt. Für Lernende, für queere Menschen, für alle, die solche Orte brauchen. Denn da ist noch so viel, das erzählt werden muss.
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