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Reportage

Unter Hardcore-Eurovision-Fans

Der Eurovision Club Germany ist mit rund 1.700 Mitgliedern der drittgrößte ESC-Fanclub der Welt. In diesem Jahr feiert er seinen 25. Geburtstag. Wir waren letztes Wochenende beim Clubtreffen im Kölner Gloria dabei.


Das Fanclubtreffen bietet vielen eine Bühne und hat nicht den Anspruch, ausschließlich professionell und High-end zu wirken (Bild: ESC Kompakt / EC Germany)
  • Von Christopher Filipecki
    27. November 2025, 10:44h 8 Min.

Im kommenden Jahr feiert der Eurovision Song Contest bereits seinen 70. Geburtstag. Ganz so alt ist einer der zwei offiziellen deutschen Fanclubs, nämlich der Eurovision Club Germany e.V., noch nicht – aber beim 25. spricht man schließlich von einem Jubiläum. Und das wird dieses Jahr gleich mehrfach gefeiert, unter anderem auch beim traditionellen Clubtreffen am 22. November im Kölner Gloria.

Im August 2000 kommen 16 Fans aus der Köln-/Düsseldorf-Region auf die Idee, gemeinsam den EC Germany zu gründen. Der wird fortan neben der OGAE Germany mit Sitz in München zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Leben und ist heute der drittgrößte ESC-Fanclub weltweit. Zwar ist das Finale des Eurovision Song Contest nur ein Tag im Jahr, aber wer sich hier für den größten Musikwettbewerb der Welt interessiert, interessiert sich eigentlich täglich für jede noch so kleine Neuigkeit, die passiert.

Der deutsche Vorentscheid ist was für Anfänger*innen

Schon gegen Ende des Jahres trudeln die ersten Songs für den kommenden Mai ein, dann geht's richtig los mit der Saison. Viele der mittlerweile rund 1.700 Mitglieder saugen jeden noch so kleinen Schnipsel sämtlicher Titel ein, die womöglich für ihr Land auf der großen Bühne performt werden. Man trifft sich gemeinsam, um über VPN-Verbindungen die internationalen Vorentscheide zu gucken – nur der deutsche ist eindeutig was für Anfänger*innen.

Um die lange Sommerperiode zu überbrücken, gestalten die deutschen wie internationalen Fanclubs mehrere Events und sogar ganze Wochenenden, an denen man zusammenkommt, um das gemeinsame Hobby zu zelebrieren. Für den EC Germany stand diesen August in Hamburg eine große Geburtstagsparty an, die aus einer Bootsfahrt und zwei langen Clubnächten mit Bühnenprogramm bestand. Doch auch das jährlich im Spätherbst stattfindende Fanclubtreffen im Kölner Gloria fällt zum 25. Geburtstag besonders üppig aus.

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Der ESC als Hobby ist immer noch etwas nischig

Rund 260 verkaufte Tickets zählen Präsident Michael Sonneck – übrigens eines der sehr raren Gründungsmitglieder – und Vizepräsident Benjamin Tonn bis zum Showbeginn. Mitglied muss man übrigens nicht sein, um Eintritt zu dem großen Zusammenkommen zu erhalten. Karten gibt es im Vorverkauf für jede*n. Doch schon während des Einlasses merkt man, dass sich in der Venue keine klassischen Konzertgänger*innen oder Zufallsbesucher*innen tummeln – hier kennt jede*r mindestens fünf, sechs weitere Leute. Obwohl über neun Millionen Deutsche das Finale in Basel im Mai schauten, ist der ESC als Hobby immer noch etwas nischig. Im Gloria sammeln sich fast nur Hardcore-Fans, die auf Anhieb zu jedem gespielten Song nicht nur den Titel, Interpret*in und Land wissen, sondern oftmals auch Platzierung und Punktzahl – und das über sämtliche Jahrzehnte hinaus. News verpasst in der Gesellschaft auch niemand, dafür sorgt das mehrfach im Jahr erscheinende Fanclubmagazin, das zur Veröffentlichung per Post ankommt.

42 Euro kostet der Abend für Mitglieder, 52 Euro für Nicht-Mitglieder. Insgesamt zehn (!) Stunden Programm warten auf die Fans, das sich aus einem sehr bunten Blumenstrauß an selbstgedrehten Videos aus einem Fanclub-Urlaub, Gesangsperformances, selbstgeschriebenen Gedichten, skurril-witzigen Parodien, Rudelsingen mit allen zusammen, einem ziemlich nerdigen Quiz, einer Tombola, einer mehrstündigen Disco nur mit ESC-Musik – aufgelegt von Konstantin Ohr aka DJ Ohrmeister – sowie gleich vier jeweils gut 40 Minuten andauernden Live-Gigs von ehemaligen ESC-Teilnehmer*innen zusammensetzt. Dazwischen wartet ein Catering-Abendessen darauf, verdrückt zu werden. Das ist doch mal ein Aufgebot.

Das Event wird komplett ehrenamtlich gestemmt

Durch den liebevoll und detailverliebt geplanten Abend führt Bernd Ochs, selbst ESC-Fan seit in etwa genauso lange, wie es den eingetragenen Verein gibt. Bernd moderierte bereits mehrere Ausgaben des Treffens und macht das mit solch einer Leidenschaft und Souveränität, dass man glatt denken könnte, für ihn musste richtig viel Kohle bezahlt werden. Doch Bernd macht seine Arbeit genauso wie alle anderen auch aus purer Liebe zum ESC komplett ehrenamtlich. Die Gebühr für die Mitgliedschaft sowie für das Event gehen 1:1 für sämtliche Unkosten drauf. Für viele ist der Gloria-Termin mehr als nur ein jährliches Zusammenkommen, es ist mehr ein regelmäßiges Wiedersehen von Freund*innen, die alle dasselbe musikalische Interesse mitbringen.

Das Fanclubtreffen bietet vielen eine Bühne und hat nicht den Anspruch, ausschließlich professionell und High-end zu wirken. Stattdessen geht es mehr um "Wer möchte, darf auch!". So ist ein Musical stets fester Bestandteil der Agenda. Mehrere Mitglieder lipsyncen in schrägen Kostümen mit zig Requisiten sämtliche Songs aus dem diesjährigen Wettbewerb, ergänzen aber je nach Handlung mit All-Time-Favorites aus der Historie oder Insidern, die zwar draußen niemand, im Gloria aber jede*r kennt. 2025 kommen in dem Musical natürlich auch Gymnastikbälle vor, die eine Hommage an die Malteserin Miriana Conte und ihr "Serving" sind – eine der ikonischsten Performances der diesjährigen Ausgabe.


Für die Gäste im Kölner Gloria gab es zehn Stunden Programm (Bild: ESC Kompakt / EC Germany)

In einem berührenden Video wird in Oscar-Manier allen Verstorbenen gehuldigt. Mit Bernd Meinunger ist einer der bedeutendsten ESC-Texter dabei, der mit Ralph Siegel den Siegertitel "Ein bisschen Frieden" für Nicole schrieb und im Oktober verstarb. Auch die Kessler-Zwillinge, die erst wenige Tage zuvor den assistierten Suizid für sich wählten, bekommen an dem Abend ihren Moment in der Collage. Zusätzlich läuft auch ihr eigener Beitrag "Heute Abend wollen wir tanzen geh'n" aus 1959 als Eröffnung der Disco kurz nach Mitternacht. Beendet wird der traurige Augenblick mit einem Bild von AnNa R., der Ex-Rosenstolz-Sängerin, die gemeinsam mit Peter Plate 1998 den zweiten Platz im Vorentscheid belegte. Fanclubmitglied Verena Teuber singt daraufhin den von vielen sehr geschätzten Titel "Herzensschöner" und sorgt für einen wahren Gänsehautmoment und viele tränende Augen im Publikum. Nicht zuletzt bietet der ESC besonders in Deutschland immer jungen queeren Menschen ein Zuhause, sodass sich viele ESC-Fans schon immer auch eng zu Rosenstolz verbunden fühlten.

ESC-Stars bekommen eine zweite Chance

Am Ende sind aber nicht wenige für die Liveperformances hier. Nein, natürlich tritt aus Budgetgründen nicht Sieger JJ aus Österreich auf, aber dennoch gleich zwei, die 2025 mitwirkten. Klemen aus Slowenien schaffte im Mai in Basel mit "How Much Time Do We Have Left" zwar nicht den Einstieg ins Finale und schied im ersten Semi aus, dafür bekommt er nun aber bei dem 25. Geburtstag des EC Germany eine zweite Chance, die er gekonnt für sich nutzt. In erster Linie ist der 40-jährige Künstler nämlich Comedian und bringt sein witziges Talent an jenem Abend auch den ESC-Fans näher. Er spielt einen zynischen Song über Putin, macht Soundtricks an der Loop-Station und schlüpft in einem gezeigten Video in sämtliche Rollen der letzten 25 ESC-Sieger*innen. Klemen nimmt sich nicht ernst, gibt gesanglich aber sehr viel mehr, als man erwartet hätte und wirkt dabei richtig sympathisch. Völlig selbstverständlich sitzt er danach im Publikum und nimmt sich für jede*n Zeit für einen Plausch und ein Foto.


Auftritt von Klemen im Kölner Gloria (Bild: ESC Kompakt / EC Germany)

Auch Laura Thorn war 2025 auf der internationalen Bühne zu sehen. Die Luxemburgerin ist erst die zweite, die nach dem Comeback unseres Nachbarlandes im Jahr 2024 für ihre Nation antreten darf und erreichte im Finale mit "La poupée monte le son" den 22. Platz. Auch sie überrascht mit starker Stimme. Ob französische Beiträge wie "Mon amour" aus 2024, englische wie "Lighter" aus Norwegen 2025 und sogar das deutsche "Baller" aus diesem Jahr – Laura meistert alles mit einem breiten Lächeln und tonaler Sicherheit.

Zusätzlich schaut auch Cesár Sampson aus Österreich vorbei, der 2018 mit "Nobody But You" den dritten Platz im Finale belegte. Er zeigt gleich mehrere Songs aus der ESC-History, an denen er mitschrieb, darunter Erfolge wie "Beautiful Mess" aus Bulgarien 2017, Chartmaterial wie "Truth" aus Aserbaidschan 2019 und den Corona zum Opfer gefallenen "All Of My Love" aus Malta 2020 und "Violent Thing" aus Deutschland 2020. Cesár erzählt schon von einigen Entwicklungen hinsichtlich des österreichischen Vorentscheids 2026, bei dem er als Jurymitglied und Moderator involviert sein wird. Er freut sich riesig darauf, nächsten Mai in Wien einige aus dem Kölner Publikum wiedersehen zu dürfen.

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Tanz den Eurovision bis drei Uhr in der Früh

Nicht zuletzt gibt es mit Jonatan Cerrada einen ESC-Act, der auch die treuen Anhänger*innen aus den 2000ern abholt. Er wurde 2004 in Istanbul für Frankreich mit "A chaque pas" 15. Sowieso gibt es beim EC-Germany-Event auch immer einen Live-Artist, der für Nostalgie-Charme sorgt. Obwohl Jonatan 2004 mit 18 Jahren teilnahm, ist er über zwei Dekaden später immer noch stark in seiner Bühnenpräsenz und wählt in seinem Liveset mit "Fuego", "She Got Me", "Rise Like A Phoenix", "Tattoo", "Snap" und "SloMo" einen Mix an sehr beliebten Superhits der jüngsten Zeit. Zwischendrin sieht man, wie er Fans von seinem ESC-Jahrgang, die damals schon dabei waren, unter den Besucher*innen wiedererkennt und herzlich umarmt.

Zum Ende hin tanzt das feierwütige Publikum bis um drei Uhr in der Früh zu sämtlichen ESC-Hits und vielen kuriosen Überraschungssongs aus allen Ären. Der EC Germany bietet Fans aus NRW und weit darüber hinaus eine Plattform, mehr aus dem Eurovision Song Contest herauszuholen als nur einen aufregenden Musikabend pro Jahr. Die Passion für Musik, Sprachen und europäische Metropolen trifft auf Charaktere, die sich nicht anstrengen müssen, ins Bild zu passen. Hier kann jede*r sein, wie sie*er eben mag. Die einen kommen in Abendgarderobe, die anderen in Merch-Shirts. Beides gleich fein. Am Ende zählt die Liebe für das große Spektakel im Mai, das sehr viel mehr kann als nur Feuerwerk und Kitsch. Bei Interesse unbedingt die Website oder Social-Media-Auftritte (Facebook, Instagram) des Fanclubs auschecken – neue Mitglieder sind immer herzlich willkommen.

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