https://queer.de/?55995
Queen of Pop
Warum Madonnas "Bedtime Stories" auch heute noch überzeugen
Madonnas sechstes Studioalbum "Bedtime Stories", erschienen 1994, ist ein Zeitdokument ihrer Selbstfindungsphase – aufregend und ungezwungen, mutig und kreativ. Die Neuauflage kommt mit der Bonus-EP "The Untold Chapter".

Madonna will im kommenden Jahr auch ein nagelneues Studioalbum veröffentlichen (Bild: Ricardo Gomes)
- Von Christopher Filipecki
28. November 2025, 05:01h 7 Min.
ls Madonna 2021 zurück zu Warner Music wechselte, wurden unmittelbar mehrere Neuauflagen ihrer Studioalben angekündigt – und davon bekommen Fans 2025 wirklich viele serviert. Mit "Bedtime Stories: The Untold Chapter" (Amazon-Affiliate-Link ) wartet nun die nächste Sonderausgabe eines ihrer unter Fans meistgeliebten Werke.
Eigentlich hat man den runden Geburtstag ein wenig verschlafen. Strenggenommen kam "Bedtime Stories", das sechste Studioalbum von der "Queen of Pop", Madonna, schon im Oktober 1994 heraus. Somit ist bereits die 31. Kerze auf dem Geburtstagskuchen ausgepustet. Aber frei nach dem Motto "Besser spät als nie!" ist die überarbeitete Edition nach "Veronica Electronica" – der im Juli veröffentlichten EP mit Remixen und einem bis dato unveröffentlichten Demo aus der "Ray of Light"-Ära – und der erst vor drei Wochen ohne Vorankündigung erschienenen "Confessions on A Dance Floor (Twenty Years Edition)" – neben dem remasterten Album mit drei B-Seiten und fünf Remixen gespickt – schon das dritte Bonbon, über das sich ihre immer noch riesige Fanschar freuen darf.
Vor drei Jahrzehnten hatte es "Bedtime Stories" nicht leicht

Die Neuauflage "Bedtime Stories: The Untold Chapter" ist seit 28. November 2025 im Handel erhältlich
"Bedtime Stories" hatte es wahnsinnig schwer, brachte Madonna mit ihrem Vorgänger "Erotica" (1992) gefühlt die ganze Welt gegen sich auf. Begleitend durch ihren Fotoband "Sex" hatte sie es sich mit dem konservativen Publikum endgültig verscherzt. Der Longplayer verkaufte sich mit sechs Millionen Einheiten weniger als halb so oft wie die Werke zuvor und verfehlte in allen relevanten Albumcharts weltweit den ersten Platz. Dabei gilt das experimentelle Trip-Hop- und R'n'B-lastige Album weiterhin als mutig und recht anspruchsvoll. Nach einer Enttäuschung sind die Erwartungshaltungen jedoch per se weniger, sodass man sich etwas freier bewegen kann.
Und da Madonna generell meist auf Konventionen pfeift, kehrte sie mit "Bedtime Stories" nicht zu ihrem erhofften Pop-Sound der 80s zurück, sondern schritt weiter selbstbewusst auf dem Pfad des nachdenklichen, mystischen, souligen R'n'B voran. Für Platz eins reichte es zwar nochmal nicht, aber mit acht Millionen Einheiten ging es wieder kleinschrittig in die richtige Richtung – bis danach mit "Ray of Light" (1998) der letzte Knoten endgültig platzte. Für Madonna selbst, ebenso aber auch für Fans und Kritiker*innen.
Somit ist "Bedtime Stories" ein wenig das Zwischenwerk. Ein Zeitdokument einer Selbstfindungsphase. Aufregend und ungezwungen. Mutig und kreativ. Um das zu schaffen, arbeitete sie mit mehreren sehr unterschiedlichen Produzent*innen und Songschreiber*innen zusammen. Sicherlich hat nicht jeder Song den Test der Zeit mit Bravour überstanden. So mancher Titel ist aber in ihrem Repertoire dermaßen von Bedeutung, dass sie ihn immer noch auf ihre Konzert-Setlists packt oder er ein Favorit ihrer Fans blieb.
Der Titeltrack wurde von Björk geschrieben
Mit dem u.a. von Björk geschriebenen Titeltrack "Bedtime Story" und dem dazugehörigen Video von Mark Romanek erwartet einen mit das sperrigste Stück, das Madonna je gemacht hat. Der elektronische Ambient-Song ist so futuristisch und schwer greifbar, dass genau das seine Faszination ausmacht. Wie ein Sog wird man von dem sich ständig wiederholenden "Let's get unconscious, honey" reingezogen und irritiert und ohne Boden unter den Füßen wieder ausgespuckt. Björks Anteile hört man in jeder Faser heraus – ein ganzes Album wollte sie für Madonna jedoch trotz Nachfrage nicht schreiben, auch wenn's geil hätte werden können.
|
Dem gegenüber steht das hookige, intime "Secret", das durch seine Gitarreneinsätze sowie dem sinnlichen "Mmmh" an Drive und Gefühl gewinnt. Sehr gut gereifter Titel. "Take a Bow", geschrieben von dem damaligen Soul-Star Babyface, den man auch im Background singen hört, gilt bis heute als eine der stärksten Madonna-Balladen. Der Trennungsschmerz ist spürbar, ihr Gesang äußerst ambitioniert. Das scheint ihr selbst so gut gefallen zu haben, das bald darauf mit "You'll See" eine logische, erfolgreiche Fortsetzung folgte.
"Human Nature" ist aber der Song, der immer noch auf vielen ihrer Shows gespielt wird. Und das liegt wohl ganz klar an dem kontroversen wie konfrontativen Lyrics, in denen sie zynisch ihre Verwunderung über die Reaktionen zu ihrer "Erotica"-Phase äußert. Dass Sex solch ein Tabuthema ist – sagt das wirklich so viel über sie aus oder eher über die, die sich empören? In dem sensationellen Musikvideo von Jean-Baptiste Mondino – nach "Open Your Heart" und "Justify My Love" deren dritte Zusammenarbeit – zeigt die Ikone mit ihren Tänzer*innen eine der wohl am stärksten im Kopf geblieben Choreos in Lack- und Lederkostümen. Mit Gerten und Seilen bespickt werden durch SM inspirierte Figuren gezeigt – und das vor drei Jahrzehnten. Sexy und provokativ, wie es sich sonst niemand getraut hat.
Neben den Singles sticht auf dem Album "Love Tried to Welcome Me" hervor. Die spanischen Gitarren, dicken Streicher und die dominanten Drums im Beat sorgen für einen klinischen Klangteppich, auf dem sie die traurigen Worte singt, in denen es um ihren schwierigen Umgang mit funktionaler Liebe geht. Die Attraktivität derer zieht sie an und drückt sie gleichzeitig weg. Berührend. Erwähnenswert ist nicht zuletzt "I'd Rather Be Your Lover", das ursprünglich als Duett mit dem Rapper 2Pac gedacht war, mit dem sie kurzzeitig zu der Zeit liiert war.
Die Bonus-EP "The Untold Chapter"
Die nun erscheinende Neuauflage bietet in mehreren Ausführungen einige Überraschungen. Das Album gibt es in einer limitierten silbernen Vinyl mit der originalen Tracklist. Darüber hinaus kann auch ein 2-CD-Set erstanden werden, das neben dem Studioalbum eine acht Songs umfassende Bonus-EP "The Untold Chapter" beinhaltet. Diese gibt es auch einzeln in Vinylform.
Neben mehreren bisher unbekannten Fotos im Artwork und Booklet sind natürlich in erster Linie die neuen Songs von Interesse. Zu je einem Remix von "Survival", "Secret", "Don't Stop" und "Human Nature" gesellen sich eine B-Seite, ein nur auf einem Charity-Projekt erhältlicher Insider-Track sowie zwei unveröffentlichte Demos.
"Love Won't Wait" schaffte es damals nicht auf die endgültige Version und wurde einige Jahre später von Gary Barlow (Take That) auf seinem Solo-Ddebütalbum "Open Road" veröffentlicht. Der einzige Song, den Madonna mit Shep Pettibone in der Zeit schrieb, mit dem zunächst das gesamte Album geplant war, ihr aber sämtliche Ergebnisse zu ähnlich zu ihren vorangegangenen Zusammenarbeiten klang. Im Vergleich zum sehr poppigen Boyband-Sound von Barlow klingt Madonnas Version in der Tat sehr wie ihre späten 80er-Werke. Die süße Melodie und der sofort im Ohr bleibende Chorus machen "Love Won't Wait" dennoch zum Highlight der Bonus-EP, auch ohne finale Produktion.
"Let Down Your Guard" ist für Hardcore-Fans kein großer Wow-Moment, gab es den Song schon auf der "Secret"-Single. Hier ist er jedoch in einer rund eine Minute kürzeren Ausgabe vertreten. Eindeutig bekommt der siebte Track des Zusatzmaterials den zweiten Platz im Ranking, funktioniert besonders die nasty Atmosphäre richtig gut und sticht im Rough-Single-Mix auch stärker hervor. Kann man problemlos irgendwo mittig auf das Hauptalbum packen, so gut mischt es sich unter.
|
Ein weiteres Schmuckstück für die Madonna-Sammlung
Auf der 1997 erschienenen Charity-Compilation "Carnival! – The Rainforest Foundation" gab es das fast schon akustisch wirkende Funk-Pop-Lied "Freedom" zu hören. Für die "Untold Chapter"-EP wurde der Sound verbessert, generell ist das Feeling auch nett, wäre aber im Gesamtbild von "Bedtime Stories" eher untergegangen. Somit auch klar eine Zugabe ohne allzu großen Mehrwert.
"Right on Time" spiegelt den "Bedtime Stories"-Charakter deutlich wider, ist aber mit seinen zweieinhalb Minuten Spiellänge ziemlich kurz geraten. Hörbar ein nicht ausgearbeitetes Demo, das zu schnell zu Ende geht. Akzeptables Songwriting ohne große Auffälligkeiten, somit im Ergebnis wirklich nur ganz nett.
Unter den Remixen tritt der Allstar-New-Single-Mix von "Secret" am meisten hervor, der mit einem old-schooligen New Yorker Hip-Hop-Beat punktet. Ähnlich funktioniert der sehr funkige Howie-Tee-New-Edit zu "Human Nature". Der Quiet-Storm-Demo-Remix von "Survival" und der Original-Demo-Edit von "Don't Stop" hingegen klingen fast schon täuschend ähnlich zur regulären Albumversion.
Ob die 27 Minuten Extra ein Kaufgrund sind, entscheidet selbstverständlich jede*r für sich. Das ursprüngliche Album ist es allemal. Alles-Käufer*innen dürfen sich über ein weiteres Schmuckstück in der Sammlung freuen, das zumindest in der Optik positiv auffällt und inhaltlich solide performt. Für alle anderen reichen aber bestimmt auch ein paar Durchläufe auf den gängigen Streamingportalen, wo "The Untold Chapter" parallel erscheint.
So oder so wird die Spannungsschraube dramaturgisch weiterhin klug angezogen, um dann im kommenden Jahr mit "Confessions 2" (vorläufiger Arbeitstitel) nicht nur einen Nachfolger des Kultalbums, sondern überhaupt das erste Studioalbum des Megastars nach jetzt schon sechseinhalb Jahren Abstinenz zu liefern. Die längste ihrer gesamten Karriere.
Links zum Thema:
» Das neue Madonna-Doppelalbum "Bedtime Stories: The Untold Chapter" bei amazon.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.














