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Buchtipp

Auf Spurensuche nach der Geschichte der Vielfalt

In ihrem spannend geschriebenen Buch "Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit" räumt Morgane Llanque mit zahlreichen Klischees und Vorurteilen auf und verhilft der Buntheit zu ihrem historischen Recht.


Morgane Llanque, 1994 in Berlin geboren, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Kulturjournalismus, war Stipendiatin der Katholischen Journalistenschule und arbeitet heute für das Institut für Auslandsbeziehungen. Ihre Beiträge erscheinen unter anderem in der "Zeit", der "taz" und im "Good Impact Magazin" (Bild: vhs im Kreis Herford)

Wer schafft es, in der Geschichtsschreibung verewigt zu werden, und wer bleibt außen vor? Wer ist darin sichtbar und wer unsichtbar? Und wer darf welche Rolle spielen? Die Berliner Autorin und Journalistin Morgane Llanque war und ist davon überzeugt, dass zu vieles in den Geschichtsbüchern im Dunkeln bleibe, vor allem wenn es um Diversität geht, und dass es zu viele Leerstellen darin gebe. Genau das sollte sich ändern. Sie begann, eine andere Geschichte der Menschheit zu erkunden, so der Untertitel ihres im Droemer Verlag kürzlich erschienenen Buchs, das im Titel zugleich die Botschaft enthält: "Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit" (Amazon-Affiliate-Link ).

Bevor sie beruflich ans Institut für Auslandsbeziehungen (Berlin) kam und anfing, unter anderem für "Die Zeit" und die "taz" zu schreiben, studierte sie Geschichte, Politikwissenschaft und Kulturjournalismus. Ihr Frust über einen allzu oft eingeengten Geschichtsblick und über zu viele Leerstellen in der Menschheitsgeschichte gab sozusagen die Initialzündung, nicht nur über Vielfalt in der Gesellschaft zu reden, sondern auf Spurensuche nach der Geschichte der Vielfalt zu gehen. Sie fand lauter Geschichten hinter der Geschichte.

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Der sogenannte Westen war kein Monolith der Heteronormativität


Das Buch "Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit" ist Anfang November 2025 im Verlag Droemer HC erschienen

Das Resultat sind knapp 300 spannend geschriebene Seiten, auf denen nun all jene vorkommen, die sonst gerne übergangen werden. In acht Kapiteln reist die Autorin durch die Menschheitsgeschichte und zu den Kontinenten rund um den Globus. "Ich lernte", schreibt Llanque, "dass die Welt schon immer vielfältig und bunt war und dass auch marginalisierte Menschen seit jeher nach Exzellenz, Sichtbarkeit, Macht und Gerechtigkeit streben."

Bei ihr spielen deshalb all jene historischen Fakten eine Rolle, die sonst eher untern Tisch fallen, weil eben Geschichte zumeist aus der Perspektive der Macht geschrieben wurde. Auch wurde ihr klar, "dass der sogenannte Westen immer noch nicht wahrhaben wollte, dass er zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte der homogene Monolith der Whiteness, des Patriarchats und der Heteronormativität gewesen war, der er gerne sein wollte."

Und vielleicht ist es in Zeiten von Backlash, also in Zeiten politischer Bewegungen, die die Zeit zurückdrehen wollen, besonders wichtig, der Vielfalt gerade auch zu ihrem geschichtlichen Recht zu verhelfen. Konkret hieß das, immer wieder mit Klischees und Vorurteilen aufzuräumen. So startet die Autorin in der Steinzeit, um dort eben nicht den Beginn des Patriarchats zu entdecken, sondern Spuren von weiblicher Macht.

"Anatolien liegt in unserer aller DNA"

Neueste Forschungen haben längst ein differenzierteres Bild von den Geschlechterbeziehungen gewonnen. Gerade aktuelle Deutungen von Grabfunden, haben Belege für die Existenz von Kriegerinnen und Jägerinnen gefunden. Eines sei die Frühgeschichte auf keinen Fall gewesen, nämlich "ein reines Mekka des Alpha-Machos und der unterwürfigen Frau". Und auch die türkische Migration begann nicht erst in den 1960er Jahre mit dem deutschen Wirtschaftswunder, sondern bereits in der Steinzeit. Der Befund lautet: "Anatolien liegt in unserer aller DNA."

Über Rom, die Antike und das Mittelalter gelangt die Autorin schließlich in die neuere Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, um überall auf die Suche nach gender-nonkonformen Lebenswirklichkeiten zu gehen und fündig zu werden. Und wenn wir heute von Globalisierung sprechen, dann hat es bereits eine erste Globalisierungswelle im Mittelalter gegeben. Sie ist keine 'Erfindung' unserer Zeit und sie ist, wie die Autorin sie beschreibt, auch nicht mit Kolonialismus zu verwechseln.

Breiten Raum nimmt das Thema Behinderung ein: "Die Dämonisierung von normabweichenden Körpern konnte gleichzeitig auch dem Ruf von einigen Individuen der frühen Neuzeit dienen, die zwar heute weltberühmt sind, aber seltsamerweise nie als historische Menschen mit Behinderung wahrgenommen werden: Pirat*­innen." Wir erfahren über einen einäugigen Samurei, über den buckligen Staatsmann Earl of Salisbury, über kleinwüchsige Menschen, die wie Cuvilliés in München Architekturgeschichte geschrieben haben, über eine blinde Pianistin und Lord Byrons Klumpfuß.

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Breiter Raum für gender-nonkonforme Menschen

Ebenso breiten Raum nimmt das Thema gender-nonkonforme Menschen ein, verbunden mit der Einsicht: "Es gibt in unserer Zeit kaum eine andere Gruppe, der so häufig das grundsätzliche Existenzrecht und die historische Kontinuität abgesprochen wird, wie Menschen, die sich nicht mit ihrem bei der Geburt bescheinigten Geschlecht identifizieren […] und dafür verfolgt wurden."

Die Autorin schaut sich bei den neapolitanischen Femminielli um, erzählt über Female Husbands und auch über die indischen Hijras und macht einen großen Sprung nach Samoa zu den Fa'afafine und Fa'atame, die mit trans Frauen und trans Männern vergleichbar sind. Entscheidend dabei, wie inklusiv Kulturen sein konnten und sein können. Llanque nimmt immer wieder Korrekturen an allzu einseitigen Weltbildern vor. Wirklich Neues finden wir zwar bei ihr nicht, aber als Gesamtschau hat das seine Berechtigung und so als Beleg für geschichtliche Kontinuitäten, die gern übergangen wurden. Dass allerdings gerade das Berlin-Kapitel etwas schwach ausfällt, verwundert ein wenig.

"Vielfalt" ist kein Geschichtsbuch nur für ein Fachpublikum, im Gegenteil, es ist in einem guten Sinne populär gehalten und richtet sich an alle, die gerne mal die Geschichte hinter der Geschichte erfahren wollen. Dabei konnte es auch nicht um Vollständigkeit gehen, eher um Anregungen. Und für die Historiker*innen könnte es eine Anregung sein, wie lohnend im wahrsten Sinne des Wortes Vielfaltsblicke sind für ein besseres, weil differenzierteres Verstehen der Menschheitsgeschichte.

Infos zum Buch

Morgane Llanque: Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit. Eine neue Weltgeschichte durch die Linse globaler Diversität. 304 Seiten. Verlag: Droemer HC. München 2025. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-426-56507-0). E-Book: 19,99 €

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