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Kinotipp
Lesbische Liebe im Abschiebezentrum
Im Dezember in der Queerfilmnacht: Der hochaktuelle und emotionale Spielfilm "Dreamers" beschwört die Kraft der Liebe an einem Ort, an dem eigentlich kein Platz für Liebe sein darf.

Isio soll nach Nigeria abgeschoben werden, weil sie illegal im Vereinigten Königreich lebt. Im Abschiebezentrum verliebt sie sich in ihre Zimmergenossin, die schon jede Hoffnung auf Asyl verloren hat (Bild: Salzgeber)
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29. November 2025, 11:37h 4 Min.
79 Pence am Tag, umgerechnet 90 Cent: So viel – eher so wenig – erhalten Menschen in einem britischen Abschiebezentrum als soziale Unterstützung. Die Nigerianerin Isio (Ronkẹ Adékọluẹ́jọ́) kommt hierhin, nachdem sie zwei Jahre lang illegal im Land gelebt hat. Drei Mal könne sie einen Asylantrag stellen. Nach der letzten Ablehnung muss sie zurück nach Nigeria. Das alles erklärt ihr die Wärterin bei ihrer Ankunft so trocken und empathielos, wie es nur irgendwie geht.
Lange, enge Gänge, Überwachungskameras, Stacheldrahtzaun: Das Abschiebezentrum ähnelt einem Gefängnis. Doch die Zimmer sind keine Zellen, die Wände sind bunt, Fotos hängen an den Wänden. Ein Übergangsort, den die Menschen hier sich so schön wie möglich machen. Ein Ort der Hoffnung und Verzweiflung, wo ein Behördenbrief über Lebenswege entscheidet.
Isio darf die Hoffnung nicht aufgeben

Poster zum Film: "Dreamers" läuft im Dezember 2025 in der Queerfilmnacht und startet am 11. Dezember 2025 regulär im Kino
Und ein Ort, an dem Isio sich in ihre Zimmergenossin Farah (Ann Akinjirin) verliebt. Von Farah lernt sie, dass die ersten zwei Nächte die schlimmsten sind. Dass die Wärterin nicht da ist, um zu helfen, obwohl sie sich mit diesem Satz verabschiedet hatte. Dass sie stark sein muss und die Hoffnung nicht aufgeben darf. Doch wie soll das gehen bei all den Albträumen, die Isio Nacht für Nacht quälen?
Die zwei Frauen nähern sich langsam an, Isio ist zunächst noch zurückhaltend und verunsichert. Sie will sich im Abschiebezentrum nicht verlieben, sie will einfach nur raus, so schnell wie möglich. Doch sie merkt, dass sie sich gegen ihre Gefühle nicht wehren kann – und dass sie wohl länger hier bleiben muss. "Dreamers" erzählt die Gefühle von Isio und Farah sensibel, ruhig und mit hohem Einfühlungsvermögen.
Regisseurin musste ihre queere Identität beweisen
Der erste Spielfilm von Regisseurin Joy Gharoro-Akpojotor handelt von ihrem eigenen Leben: Auch sie beantragte mit 24 Asyl und musste ihre queere Identität beweisen. "Ich war damals eine jener, die Glück gehabt haben", erklärt sie.
Andere haben weniger Glück. Rund 8.200 Menschen wurden im vergangenen Jahr aus dem Vereinigten Königreich abgeschoben. Erst kürzlich kündigte die Regierung eine Verschärfung ihrer Migrationspolitik an. Die regierende Labour-Partei steht unter Druck, weil der Rechtspopulist Nigel Farage die Umfragen anführt.
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Ein drastisches System
"Dreamers" ist also ein hochaktueller Film. Das Drama verleiht den steigenden Abschiebe-Zahlen, mit denen sich die Politik nicht nur im Vereinigten Königreich brüstet, Gesichter. Das weckt Mitgefühl, weil es verdeutlicht, wie drastisch und unvorhergesehen das System mit Menschen umgeht.
Filme wie "Dreamers" werden gern als wichtig betitelt. Eine aktivistische Haltung und die betonte Humanität führen auch hier zu einigen Schwächen, die solche Filme verbinden: Manche Klischees aus Gefängnisfilmen tauchen auch hier auf, die Figuren sind sehr schemenhaft in Gut und Böse unterteilt, die Handlung ist in ihrer klassischen Dramaturgie insgesamt eher vorhersehbar.
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Risiken für die Liebe
Und doch ist das Drama spannend, weil es für Isio und ihre weiteren Freundinnen wirklich um alles geht. In ihren Heimatländern erwartet sie keine Zukunft. Der Film erzählt das flott, konzentriert und ohne ausgiebige Nebenhandlungen. Dazu findet "Dreamers" einen besonderen Stil: Kamerafrau Anna Patarakina bildet das Abschiebezentrum überraschend ästhetisch ab, es gibt viele Gegenlichtaufnahmen.
"Dreamers" beschwört die Kraft der Liebe an einem Ort, an dem eigentlich kein Platz für Liebe sein darf. Doch die Insassinnen wehren sich dagegen. Sie gehen Risiken ein – für die Liebe und für ihr Leben.
Dreamers. Drama. Großbritannien 2025. Regie: Joy Gharoro-Akpojotor. Cast: Ronkẹ Adékọluẹ́jọ́, Ann Akinjirin, Diana Yekinni, Aiysha Hart, Harriet Webb, Lucy Ware, Dolapo Oni, Kemi Adekoya, Antonia Layiwola, Sia Kiwa, Damola Adelaja, Jamie Bacon, Kerry Howard, Laurence Saunders, Cornelia Colman, Luyanda Unati Lewis-Nyawo, Mat Ruttle, Ola Labib. Laufzeit: 78 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Im Dezember 2025 in der Queerfilmnacht und ab 11. Dezember 2025 regulär im Kino
Links zum Thema:
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