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50 Jahre "Morse"-Zeichen
Der junge Inspektor und der Weg zur Legende
Zum Jubiläum der wohl bekanntesten britischen TV-Krimifigur erscheint "Der junge Inspektor Morse" erstmals vollständig in einer DVD-Box. Die Prequel-Serie verbindet raffinierte Ermittlungen mit Zeitgeschichte und macht auch gesellschaftliche Umbrüche und Ausgrenzung sichtbar.

"Der junge Inspektor Morse" bietet raffinierte und komplexe Fälle, bei denen die Zuschauer*innen gerne mitraten (Bild: Edel Motion)
- 30. November 2025, 09:08h 4 Min.
Kaum eine britische Krimireihe besitzt einen vergleichbaren Legendenstatus wie "Inspector Morse". Die zwischen 1987 und 2000 ausgestrahlte Serie erreichte in Großbritannien durchschnittlich bis zu zehn Millionen Zuschauer*innen pro Folge, im Finale sogar rund 18 Millionen, und entwickelte eine weltweite Fangemeinde. Mit dem Sequel "Lewis – Der Oxford-Krimi" und vor allem der Prequelserie "Der junge Inspektor Morse" wurde das Universum nachhaltig erweitert. Letztere etablierte sich rasch als eigenständiger Erfolg und erzählte die frühen Jahre des später so verschlossenen Ermittlers Endeavour Morse.
Konzipiert wurde "Endeavour" – der Originaltitel von "Der junge Inspektor Morse" – von Autor Russell Lewis als optisches Kreuzworträtsel voller versteckter Hinweise, cineastischer Referenzen und liebevoll platzierter Easter Eggs. Selbst die Titelmelodie greift den namensgebenden Morsecode für M-O-R-S-E auf. Obwohl die Geschichten nicht auf Romanen von "Morse"-Schöpfer Colin Dexter basieren, begleitete der Autor die Entwicklung beratend, als Lewis das Serienuniversum um die junge Version der Figur erweiterte. Sein Vertrauen ging so weit, dass er in seinem Testament festlegte, Shaun Evans solle als letzter Darsteller Endeavour Morse verkörpern.
Queere Lebensrealitäten in einer zutiefst repressiven Gesellschaft

Die DVD-Gesamtbox "Der junge Inspektor Morse" mit 22 Discs enthält alle 36 Folgen und jede Menge Bonusmaterial
Evans prägte die Serie maßgeblich: Er zeichnet eindrucksvoll den Weg vom sensiblen, idealistischen Detective Sergeant zum innerlich erschöpften, zunehmend verbitterten Inspektor nach. Zweifel, ob ein Prequel dem Mythos schaden könnte, erwiesen sich als unbegründet – Evans' Darstellung machte den jungen Morse zur idealen Ergänzung der ikonischen Fernsehfigur.
Inhaltlich setzt "Der junge Inspektor Morse" auf komplex konstruierte Fälle, die zum Miträtseln einladen. Zahlreiche Verweise auf Film, Literatur, Musik und zeitgenössische Ereignisse erweitern die Krimihandlung um zusätzliche Bedeutungsebenen. Früh werden Motive etabliert, die später Markenzeichen des alten Morse sind: die Leidenschaft für klassische Musik, erste enttäuschende Liebeserfahrungen, die Nähe zum Alkohol und der Traum vom weinroten Jaguar Mark II.
Auch queere Lebensrealitäten finden in "Der junge Inspektor Morse" immer wieder ihren Platz – wenn auch stets vor dem Hintergrund einer zutiefst repressiven Gesellschaft. Mehrfach geraten Fälle in den Fokus, in denen heimliche gleichgeschlechtliche Beziehungen, verdeckte Doppelleben oder Erpressung aufgrund sexueller Orientierung eine Rolle spielen. Vor dem Kontext der bis 1967 geltenden Strafbarkeit homosexueller Beziehungen zeichnet die Serie ein sensibles Bild von sozialer Ächtung, öffentlicher Unsichtbarkeit und existenzieller Angst queerer Menschen. Homophobie erscheint dabei nicht als individuelles Randphänomen, sondern als strukturelle Realität – insbesondere in akademischen und institutionellen Milieus – und wird als Teil jener gesellschaftlichen Kälte inszeniert, der auch andere Außenseiterfiguren ausgesetzt sind.
Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Misogynie, Femizide, Rassismus und soziale Ausgrenzung
Ein herausragendes Merkmal der Serie ist ihr ausgeprägter Retro-Charme: Mit großer Liebe zum Detail werden die 1960er und frühen 1970er Jahre rekonstruiert – von Fahrzeugen, Mode und Frisuren über Büroausstattung bis hin zu Rauchkultur und Alkohol am Arbeitsplatz. Polizeiarbeit ohne moderne Forensik verlangt Teamarbeit, Kombinationsgabe und Improvisation; dazu kommen gelegentlich rigide Verhörpraktiken einzelner Kollegen.
Über die reinen Kriminalhandlungen hinaus verhandelt "Der junge Inspektor Morse" zentrale gesellschaftliche Umbrüche der Zeit: den schwindenden Glanz des britischen Empires, erstarrte Klassenstrukturen, akademische Machtspiele und Hierarchien sowie die langsame Modernisierung des Polizeiapparats. Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Misogynie, Femizide, Rassismus und soziale Ausgrenzung werden als wiederkehrende Themen verhandelt, was der nostalgischen Ästhetik eine zeitlose Schärfe verleiht.
Nicht zuletzt prägt Oxford die besondere Atmosphäre der Serie. Die traditionsreiche Universitätsstadt dient als pittoreske Kulisse, deren kultivierte Fassaden oft im deutlichen Kontrast zu moralischen Abgründen und sozialer Härte stehen, die sich hinter ihnen verbergen.
Zum 50-jährigen Jubiläum der Morse-Figur sind jetzt erstmals alle 36 Folgen von "Der junge Inspektor Morse" gesammelt in einer DVD-Gesamtbox mit 22 Discs (Amazon-Affiliate-Link ) erschienen. Die Edition enthält umfangreiches Bonusmaterial, darunter über drei Stunden Interviews mit Cast und Crew, Einblicke hinter die Kulissen, die Dokumentation "Der junge Inspektor Morse – Eine letzte Reise" sowie als besonderes Extra die Pilotfolge "Die Toten von Jericho" aus der Ursprungsserie "Inspector Morse". Ergänzt wird die Box durch Sammelkarten und ein ausführliches Begleit-Booklet, das die Entstehung und Bedeutung der Reihe dokumentiert. (dd/pm)
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