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ZDF-Wissensendung
Queere Vielfalt im Kinder-TV: "Löwenzahn" geht voran
Die Fernsehserie "Löwenzahn" baut regelmäßig queere Elemente ein, ohne aufdringlich oder gestellt zu wirken. Zwei gelungene Beispiele aus diesem Jahr.

David will bei der "Dornröschen"-Aufführung die Prinzessin spielen: Szene aus der "Löwenzahn"-Folge "Hecke – Ein Irrgarten fürs Märchen" (Bild: ZDF)
- Von Christopher Filipecki
30. November 2025, 12:10h 6 Min.
Seit 44 Jahren steht die vom ZDF produzierte Fernsehsendung "Löwenzahn" für kindgerechtes Infotainment. Der sympathisch gestaltete Weg zwischen witzigen Begegnungen und wissenswerten Doku-Clips über alltägliche Themen begeistert nach vier Dekaden immer noch. Und da sich glücklicherweise in 44 Jahren gesellschaftlich viel getan hat, spiegelt auch "Löwenzahn" moderne Entwicklungen in seinen Geschichten wider – und baut regelmäßig queere Elemente ein, ohne aufdringlich oder gestellt zu wirken.
In der Episode "Hecke – Ein Irrgarten fürs Märchen", die erstmalig am 1. Mai 2025 ausgestrahlt wurde, unterstützt Hauptfigur Fritz Fuchs (seit 2006 gespielt von Guido Hammesfahr) seinen Neffen David Paschulke (seit 2019 gespielt von dem offen schwul lebenden Daniel Zillmann) bei der Organisation der Bärstädter Märchentage, die seit 66 Jahren stattfinden, um die Kunst der Märchen zu retten und sie jungen Menschen näherzubringen.
Warum sollte nicht ein Mann die Prinzessin spielen?
David findet es schade, dass er nie die Hauptrolle spielen darf. In seinen Augen bekommt seine Zwillingsschwester Dani Paschulke (Gisa Flake) immer den Vortritt. Auch dieses Jahr soll sie die Dornröschen im gleichnamigen Grimm-Klassiker mimen. Für David ist die Rolle des Prinzen bestimmt. Der muss sich durch dichte Hecken kämpfen, um zum verwunschenen Schloss zu gelangen, in dem die verzauberte Dornröschen auf Erlösung wartet. Er und Fritz sind auf der Suche nach der richtigen Hecke, durch die sich David mit seiner Figur auch realistisch hindurchkämpfen kann.
Vordergründig – so verrät es auch schon der Titel – geht es um Hecken. Was sie von Gebüschen unterscheidet, wann und wie man sie schneiden kann und wie die Tradition der Irrgärten entstanden ist. In der Mitte eines Irrgartens soll schließlich auch die Vorstellung von "Dornröschen" stattfinden. Ein Irrgarten ist wahrhaftig eine dem Märchen würdige Hecke. Jedoch sagt Dani nur wenige Stunden vor der Aufführung ab. Fritz und David sind überfordert, allerdings weiß Fritz von Davids Wunsch, schon immer mal eine Prinzessin spielen zu wollen – und so werden spontan ein paar Rollen getauscht.

David will als Prinzessin den Prinzen wachküssen (Bild: ZDF)
Fritz hört "It's Raining Men" – und stürzt von der Leiter
David ist optisch eher ein liebenswürdiges Bärchen – groß, ganz schön curvy und bärtig. Und trotzdem schmeißt er sich in ein klassisches Prinzessinnen-Kostüm mit Krönchen. Er spielt fortan exzentrischer und mit einer guten Portion Drama, was aber auch völlig fein ist, ist es nun mal ein märchenhaftes Schauspiel. Schließlich kommt noch der eher konservative, strikte und spießige Heinz Kluthe (Holger Handtke) in die Geschichte, der Fritz damit konfrontiert, dass er im Sommer Hecken nicht schneiden dürfe. Aufgrund eines Sturzes von einer Leiter, bei dem Fritz kurz zuvor noch gut gelaunt die Pride-Hymne "It's Raining Men" auf Kopfhörern hörte und mitgroovte, kann er jetzt selbst nicht mehr als Prinz einspringen, sondern fungiert fortan als Vorleser des Märchens. Kluthe darf also als Prinz ran.
Und dann kommt es zu einem kleinen Konfliktmoment. Fritz sagt, dass Kluthe die Prinzessin, also David, wachküssen muss. Kluthe sträubt sich dabei ein wenig. Das wirkt jedoch keinerlei homofeindlich, sondern eben verunsichert – womöglich hat er zuvor noch nie eine männliche Person geküsst und hat, auch wenn es sich um ein Schauspiel handelt, Berührungsängste. Völlig ok, oder nicht? Schön ist dann jedoch der Plottwist, dass bei der eigentlichen Aufführung alles nochmal umgeworfen und mit Rollenklischees gebrochen wird. Kluthe spielt nun den verfluchten, schlafenden Prinzen, währenddessen sich David als Prinzessin mit Schwert und Enthusiasmus durch den Irrgarten kämpft. Das Publikum, das aus Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen besteht, lacht und jubelt. Zwar wird der finale Kuss zwischen den beiden Männern nicht gezeigt, weil Fritz mit dem Durchbrechen der vierten Wand die Episode abmoderiert, aber ganz sicherlich gab es einen kleinen, romantisch-süßen Schmatzer...
Marie hat einen schwulen Sohn
In einer weiteren Episode, die diesen Sommer erschien, werden queere Lebensrealitäten genauso unaufgeregt und selbstverständlich eingewoben. In der Folge "Jung und Alt – Gemeinsam durchs Leben" (Erstausstrahlung: 8. Juni 2025) lernen sich Fritz' Patenkind Jakob (Manuel Santos Gelke) und Fritz' gute Freundin Marie (Imogen Kogge) kennen. Jakob hat sich eine Kamera auf dem Flohmarkt gekauft und möchte analoge Fotografie ausprobieren. Für den Ausflug auf einen alten Friedhof, der besonders tolle Motive bietet, eignet sich keine Person besser als Marie, die sich vorzüglich mit Fotografie und Fotoentwicklung auskennt, besaß sie mal selbst einen Fotoladen. Jakob ist von der Idee erst nicht so angetan, schließlich kennt er Marie noch nicht, hat wenig Fotografie-Skills und befindet sich in einer sowieso schon eher unsicheren Phase – er ist nämlich gerade in seine Bekanntschaft Emma (Helena Yousefi) verliebt.
Diese Ausgangslage wird genutzt, um das Generationsmodell zu erklären. Wie unterscheiden sich Generationen voneinander, was haben sie gemeinsam? Warum zogen Menschen vom Land in die Großstadt? Wie erkenne ich Einsamkeit und kann ich eventuell etwas gegen sie tun? In drei ganz kleinen Augenblicken werden hier queere Paarbeziehungen eingebunden. In einem Dialog fragt Jakob Fritz nach Maries Familie. Ihr Mann sei verstorben, ihr Sohn wohne mit seinem Mann in der Schweiz. Das fällt in einem einfachen Nebensatz, ist schließlich auch keine große Information, die in irgendeiner Form sonderlich wichtig für den weiteren Verlauf der Geschichte ist. Einfach nur ein Fakt.
Lesbische Mütter gleich zweimal im Bild
Ähnlich verhält es sich mit einer Sequenz im Comicstil, in der ein älterer Mann mit seinen Kindern und Enkelkindern auf einer Bank ein Selfie knipst. Seine Tochter hat eine Schwarze Frau mit Kind auf dem Arm an ihrer Seite – offensichtlich eine lesbische Partnerschaft.

Queere Vielfalt in der Großfamilie (Bild: ZDF)
Gegen Ende der Folge wird das Konzept eines Mehrgenerationenhauses erklärt, in dem Familien mit Kindern, Alleinerziehenden, Ehepaaren und Senior*innen leben und neben eigenen Wohnungen Gemeinschaftsräume miteinander teilen. Bei dem Stichwort "Ehepaare" sind zwei weiblich gelesene Personen mit einem Kind von hinten zu sehen, die auf einem Gehweg spazieren. Somit soll also ein lesbisches Ehepaar symbolisiert werden. Übrigens ist die Szene nur wenige Sekunden lang, sodass sie schnell übersehen wird.

Lesbisches Ehepaar mit Kind bei "Löwenzahn" (Bild: ZDF)
Das bedeutet selbstredend nicht, dass ein lesbisches Paar weniger Screentime verdient – es soll hingegen viel mehr die Natürlichkeit verschiedenster Familien zeigen, die koexistieren können. Eine queere Beziehung ist gleichwertig und braucht weder mehr noch weniger Aufmerksamkeit. Am Ende ist die Story, die erzählt wird, entscheidend, wie groß der Anteil ist, in dem sich mit Queerness befasst wird.
Queerness ist Teil des Alltags
Die beiden besprochenen Episoden von "Löwenzahn" zeigen eine äußerst gelungene Umsetzung mit der Thematik. In "Hecke – Ein Irrgarten fürs Märchen" wird gar nicht groß thematisiert, warum David eine Prinzessin spielen möchte. Er hat einfach den Wunsch, also wird er ihm nun erfüllt. Ende. Es heißt nicht, dass er trans ist und auch nicht, dass er gleichzeitig fortan im Alltag Prinzessinnen-Outfits tragen möchte. Er möchte lediglich diese Rolle spielen und behält dabei seine klassisch männlichen Attribute erkennbar bei.
In "Jung und Alt – Gemeinsam durchs Leben" geht es um die Interaktion zwischen unterschiedlich alten und unterschiedlich sozialisierten Menschen, die im Alltag voneinander profitieren. Das hat zunächst nichts mit Queerness zu tun, aber Queerness ist eben ein Teil des Alltags im Jahr 2025 – und so wird diese auch auf authentischem Wege eingestreut.
"Löwenzahn" macht queere Lebensweisen nicht größer, verschweigt sie aber auch nicht. Wenn es Erklärungen braucht, werden diese gegeben. Wenn Bilder allein sprechen können, wird auch das getan. So easy kann es manchmal funktionieren. Beide Episoden mit je einer Länge von rund 24 Minuten sind weiterhin in der ZDF- und KiKa-Mediathek kostenlos abrufbar.
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