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Interview
Warum gehört Fetisch in die Öffentlichkeit, Claude Kolz-Boehm?
Das Fetisch-Projekt Eisensteig organisiert schwule Outdoor-Fetisch-Partys vor allem im Berliner Umland. Zum zehnten Geburtstag sprachen wir mit seinem Gründer und Projektleiter.

Archivbild: Puppys beim Fetisch-Straßenfest Folsom Europe in Berlin (Bild: IMAGO / Rüdiger Wölk)
- Von Marcel Malachowski
30. November 2025, 12:47h 4 Min.
Der Begriff Fetisch ist heutzutage ja auch in der Mehrheitsgesellschaft so verbreitet wie Veggie. Ursprünglich bezeichnete er ja einen Material- oder Gegenstandsfetisch, quasi im religiös-sensualen Sinn. Heute verdient H&M damit jedes Jahr Milliarden. Nachrichten-Moderator*innen tragen wie selbstverständlich Fetisch-Kleidung, was vor zwanzig Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Schätzungen zufolge verdienen gut eine Million Frauen in Deutschland damit ihren Lebensunterhalt, auch das Stadtbild heutzutage ist geprägt durch Fetisch-Kleidung. Wie würdet Ihr denn Fetisch definieren?
Claude Kolz-Boehm: Unter Fetisch im Bereich der Sexualität sehen wir bestimmte Gegenstände, oft Kleidung, die jemanden erst einmal sexuell oder erotisch erregt. Wie man mit dieser Erregung umgeht, sobald man diese bei sich entdeckt, ist eine andere Frage: Man kann sie einsetzen in irgendeiner Art und Weise wie zum Beispiel bestimmte Kleidung beim Sex anziehen, anderen zuschauen, wenn sie ihren Fetisch einsetzen oder sich dagegen entscheiden, etwas daraus zu machen, wenn man ihn bei sich entdeckt.
Fetisch beziehungsweise Fetischismus können aber auch bestimmte Praktiken beim Sex sein. Oft sind die Gegenstände und die Praktiken miteinander verbunden. Der Begriff Gegenstand ist natürlich sehr theoretisch, aber er soll deutlich machen, wie umfangreich Fetisch sein kann.
Was war denn Euer Beweggrund, das Fetisch-Projekt Eisensteig zu gründen? Habt Ihr in der bestehenden Fetisch-Szene etwas vermisst?
Aus einem gemeinsamen Grillen in Fetisch-Kleidung mit einem Freund in Brandenburg ist die Idee entstanden, sich mit weiteren Männern draußen zu treffen und zu feiern. Bis dahin hat es in Berlin und Brandenburg keine Fetisch-Partys für schwule Männer im Freien gegeben.

Claude Kolz-Boehm ist Gründer und Projektleiter von Eisensteig Berlin (Bild: privat)
Das Publikum auf Fetisch-Partys hat sich in den letzten Jahren aber sehr verändert, oder? Nicht nur der KitKat-Club ist ein Tourist*innen-Hot-Spot… Wie hoch ist denn der Anteil wirklicher Fetischist*innen auf Fetisch-Partys überhaupt noch?
Zunächst ist die Frage zu beantworten, wer "wirkliche" Fetischist*innen eigentlich sind. Und das ist eigentlich nicht möglich, weil das jede*r für sich selbst definieren muss. Wahrscheinlich werden sich viele Menschen, die wir dazu zählen würden, sich selbst nicht so definieren, weil dieses Wort für viele noch immer etwas "Nicht-Normales" hat. Ebenso ist es mit den Praktiken.
Männer und die klassische Schwulen-Szene gehen ja sehr entspannt mit besonderen Vorlieben in Sachen Erotik um. Ist es außerhalb der klassischen Schwulen-Szene auch so? Und gibt es eigentlich überhaupt wirkliche Fetischistinnen?
Dazu können wir als schwule Männer nicht wirklich viel sagen. Aber soweit wir es aus unserem nicht-schwulen Freundes- und Bekanntenkreis mitbekommen, geht man außerhalb der Schwulen-Szene viel entspannter um als früher, besonders in der jüngeren Generation.
Sowohl in der queeren Community als auch in der Schwulen-Szene gibt es immer wieder größere und teils sehr heftig geführte Debatten darüber, inwieweit die Fetisch-Szene, etwa die Puppy-Community, sich in der Öffentlichkeit zeigen soll. Es wird befürchtet, die Präsenz der Puppy-Community könnte sich negativ auf die Akzeptanz der queeren Community in der Gesellschaft insgesamt auswirken. Sind diese Vorbehalte berechtigt?
Aus unserer Sicht soll sich die Fetisch-Szene bis zu einem bestimmten Grad schon in der Öffentlichkeit zeigen dürfen und auch zeigen. "Bis zu einem bestimmten Grad" soll heißen, dass es schon auch Grenzen geben sollte. Mit Chaps, aus denen ein steifer Schwanz vorne rausschaut, durch die Straßen zu laufen, geht aus unserer Sicht zu weit.
Das Thema Geld scheint ja im Fetisch-Bereich sehr wichtig zu sein. Für "normalen" Sex braucht es ja eigentlich nur zwei menschliche Körper. In der Fetisch-Erotik ja um zumeist sehr teure Materialien, Gegenstände, Utensilien und Settings. Ist der sinnliche Genuss des Fetischismus nur Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft vorbehalten?
Nicht nur den wohlhabenden Menschen der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch nur den wohlhabenden Menschen der schwulen bzw. queeren Community ist er vorbehalten. Das ist leider ein Problem wie in vielen anderen Lebensbereichen. Manchmal bekommt man "Schnäppchen" wie zum Beispiel auf Flohmärkten, aber dieses Problem bleibt. Zusätzlich können sich viele nicht einmal die Eintrittspreise zu Fetisch-Partys leisten.
Was plant Eisensteig denn Spannendes für die Zukunft?
In erster Linie möchten wir weiterhin Outdoor-Partys anbieten. Vor kurzem haben mit Hilfe der Bösen Buben begonnen, auch Indoor-Partys zu organisieren. Unsere Outdoor-Partys sind übrigens für jedermann offen.
Links zum Thema:
» Homepage von Eisensteig Berlin














